Petra Dahlemann für #kkl44 „Kosmos“
Der Astronom
Er legt die Hand an den Himmel. Die Sterne drehen sich willig unter seiner Hand, der Schwan, der Bär und der große Wagen, in der stillen Stube, in der das Feuer knistert und die Sonne über Tischtuch und Ärmel fingert. So leise ist es, dass man ein Mäusebein hören könnte und das Summen, wenn eine Spinne ihr Netz knüpft. Das Feuer knackt, ein Scheit rutscht und dem Astronomen wölben sich neue Himmelslichter entgegen, möchten gesehen, erkannt und verstanden werden, er weiß das. Vor ihm liegt das Buch, das ihren Lauf deuten kann. Rund ist die Erde und nicht flach wie ein Teller, wie die Alten dachten, rund ist die Nacht und ihre Lichter, die sich als luftige Hülle um die Erde schmiegen, damit niemand hinunterfalle in ein bodenloses Dunkel, in das Dazwischen, das niemand kennt. Kein Buch gäbe darüber Auskunft, was dort zu finden wäre, von dort kommt niemand zurück und er fürchtet den leeren Raum, so wie er das Wasser fürchtet und die dreckigen Straßen voller Leute, die ihn schubsen und anrempeln. Er versteht das Gedränge nicht und die rauen Rufe von Marktstand zu Marktstand, die Wutausbrüche des Nachbarn, der der Tochter eine Ohrfeige gibt, ihm schaudert vor der Hinfälligkeit des Körpers, dem schmerzenden Zahn, dem Ziehen in den Knochen, das mit dem Alter kommt. Die Stube ist ihm Schirm und Schale, das Ei, aus dem er geboren wird, der Raum, den er kennt, jede Leiste, jeden Nagel. Das Fenster ist Filter und Grenze zugleich. Er muss nicht hinaussehen, um zu wissen, wo die Buche steht, der Brunnen dahinter und die Häuser mit den spitzen Giebeln, die offenen Fenster, in denen morgens die Frauen weiße Betten ausschütteln. Der Apfel, der vom Karren eines Händlers rollt, der Junge mit den staubigen Füßen und den kurzen Hosen, der danach greift. Er muss das nicht sehen, er fühlt es inwendig, wie die Sterne die Lebenslichter der Menschen entzünden und wieder erlöschen lassen. All das ist nicht von Dauer, auch nicht sein eigenes kurzes Leben. Er hat keine Zeit, mit jedem Wasser zu gehen, den Fluss hinunter in eine andere Stadt, er kann nicht für jedes an ihn gerichtete Wort eine Antwort finden. Er ist hier, um mit dem Finger auf einen Punkt am Himmelsglobus zu deuten und sich selbst zu sagen: Hier, genau hier ist es, hier geht es auf, während die Stube sich leise mit Licht füllt.
Zu: Jan Vermeer van Delft, Der Astronom 1668 https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Astronom
Petra Dahlemann, geboren 1962 in Berlin, lebt bei Augsburg. Germanistin und Theaterwissenschaftlerin. Künstlerbücher (Unikate) und Klanginstallationen, Erzählungen und Kurzprosa. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Mitorganisatorin von Kunstprojekten und Literaturfesten.
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