Martin A. Völker für #kkl44 „Kosmos“
Der Glanz des Anfangs
Es gibt sie, die schöne Unordnung. Doch was ist die gegen jene Unordnung, die sich sortiert und in eine Wohlgestalt zurückverwandelt? Das Stillleben einer vergangenen Mahlzeit lässt uns nacherleben, wie mit Genuss gegessen und getrunken wurde, wie das frische Leben in erlahmte Körper und Seelen einging. Nun allerdings haben die befriedigten Esser:innen die Szenerie verlassen. Die Gläser sind leer, Rotwein hat das Tischtuch befleckt. Zerknüllte Servietten liegen neben zwei Tellern, auf denen das gekreuzte Besteck die Anmutung des letzten Abendmahls aufkommen lässt. Hat sich ein Splitter vom Kreuz von Golgatha gelöst? Im Bild tut ein verlorenes Holzspießchen so, als könnte es mit einer süßen Traube und einem herzhaften Käsestück den Weltschmerz umwandeln in Gaumenfreuden. Tempi passati. Das Glück des Geschmacks war von kurzer Dauer im Gegensatz zur Mühe des Vorbereitens und Anrichtens. Das Glück des Geschmacks und der Geselligkeit geht mit Zerstörung einher, es ist ein verbrauchendes, entschmückendes Glück, das Stillleben zeigt es. Das Schattenglück füllt den Magen, wo es zu wohliger Wärme führt. Du würdest indes nie auf die Idee kommen, das sich einstellende Sodbrennen für Glück zu halten. Das echte Glück muss über den Verbrauch und den Verzehr erhaben sein. Was das Stillleben nicht zeigt, ist dieses echte Glück, nämlich jene Kraft, die alles wieder so herrichtet und ordnet, dass mit Lust gegessen werden kann. Von diesem Glanz und Schmuck des Anfangs zeugt unser Universum. Und da es unterhalb wie oberhalb der Sonne keine gute oder wichtige Sache gibt, welche die alten Griechen nicht schon beschrieben haben, gilt dies auch für die kosmische Ordnung. Kosmos bedeutet übersetzt Schmuck und Glanz, beides ist zu erkennen in der Weite des nächtlichen Himmels. Wir sehen und fühlen. Eine große und tiefe Ruhe kommt über uns, wenn wir in die Sterne blicken, in jene glänzende Ordnung, die vor uns da war und nach uns da sein wird, egal ob wir hier unten verzehren, verbrauchen und vernichten. Den glänzenden Himmelsschmuck könntest du aber zugleich als Auftrag verstehen. Verleihe den Dingen um dich herum den Glanz der Sterne, belebe und bewege das Stillleben des Alltags mit der kosmischen Kraft. Baue auf, wenn andere niederreißen, baue an, wenn andere verzehren, glänze, wenn andere verdunkeln, und schmücke, wenn andere verunstalten. Die, die Glanz ausspenden und die Dinge schmücken, werden einst selbst zu Glanz und Schmuck, zu kosmischen Wesen, die das Oben mit dem Unten verbinden, die dabei helfen, dass sich beides durchdringen kann. Nur wenn sich beides durchdringt, wenn wir auf Erden die kosmische Ordnung achten, haben die Menschen eine Überlebenschance. Wer glänzt und schmückt, der tut etwas für sich wie für andere, der erleuchtet und verschönert. Das Leuchten und die Schönheit lassen uns lächeln. Die Lächelnden fühlen sich gut, sie öffnen ihre Gedanken und Herzen. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein? Ja, so klingt es, weil du es täglich anders erlebst. In der Nacht gefriert uns in den künstlich erleuchteten Städten das Lächeln. Die Lichtverschmutzung hat nichts mit dem Glanz und mit dem Schmuck der Sterne gemein. Sehne den Stromausfall herbei, damit du sehend wirst.

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.
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