Sternenstaub Standbye

David Heilemann für #kkl44 „Kosmos“




Sternenstaub Standbye

Das Weltall ist ziemlich kalt. Warum es so kalt ist, weiß ich nicht genau. Ich war selbst nur einmal dort. Vielleicht liegt es ja daran, dass es sehr einsam ist dort oben und alles so weit auseinander liegt; ganz lückenhaft. Aber nicht nur das: die Stellen dazwischen werden immer größer, das Universum dehnt sich auch und die Dinge verlieren den Bezug.  Wien ist da nicht viel anders als der luftleere Raum, bis auf den vielen Wind, der mir auf meine Nachtspaziergängen durch die Haare weht. Aber das sind nur Spitzfindigkeiten. Zum Federball spielen sind beide Orte völlig ungeeignet; zum Durchschnaufen eigentlich auch. Dafür braucht man schon einen guten Raumanzug von einem namhaften Hersteller, der einen von der Außenwelt abschirmt– vielleicht lege ich mir bald einen zu. Dann sind da noch die vielen Leerstellen in meinem Leben, die ich mit Podcasts und Dokumentationen ausstopfe, bis nichts mehr zu mir durchdringt. Immer wieder Leschs Kosmos oder die wohlige Stimme von Neil deGrasse Tyson, die sich wie ein Schutzfilm über meine Gedanken legt. Zu diesem Zweck verwende ich auch Zeitungsartikel über dunkle Materie und Gammablitze, bis spät in die Nacht auch als Hörspiele verfügbar, bis mir endlich die Augen zufallen. Wann ich das letzte Mal in den Nachthimmel geschaut habe, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich habe auch nie zu den Kindern gehört, die besondere Ambitionen hatten. In einer Rakete durch die Atmosphäre geschossen zu werden, steht einem Nebendarsteller nicht besonders gut. Schon als meine Großmutter in den Himmel kam, hab ich mich gefragt, warum sie dort nicht runterfällt. Wenn ich an dort oben denke, fällt mir das Christkind ein, mit seinem rotblonden Haar; und Han Solo, eingefroren von Jabba the Hutt. Das war mitten im galaktischen Bürgerkrieg. Ich denke an Superman, wie er die Erde in seinem roten Cape umrundet und auf die Wolken von oben blickt, mit Leichtigkeit, obwohl dort oben keine Luft zum Atmen ist. Dann ist da noch William Shatner, den ich früher oft mit meinem Vater geschaut habe, auf dem Röhrenfernseher, während er mir sanft durch meine Locken strich. Wir liebten ihn als Police Officer bei TJ. Hooker oder im gelben Captain-Kirk-Kostüm, vielleicht auch weil die Geschichten immer so wohlig gestrickt waren. Dagegen scheint das Universum wirklich kalt und es gibt Nebel aus Gas und Staub. Vor allem, seit mein Vater seinen Herzinfarkt hatte. Damals hatte es -271 Grad und es war wieder luftleerer Raum. Als sein Blutdruck abfallend war, stand ich noch immer vor dem Krankenhaus und meine Schuhe knirschten im Parkplatzkies und die Sterne über mir. Zwischen uns und dem Himmel über uns gab es keinen Unterschied.

Das war das letzte Mal, als ich dort oben war. Danach war ich nie mehr im Weltall und schwerelos; nicht mal nach Griechenland habe ich es diesen Sommer geschafft. Gedanken an den damals habe ich keine, die Dinge, die ich wirklich brauche, liegen meist nicht fern. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sind da die Platanen, die wir im Sommer so gern hatten. Darunter steht ein kleines Bänkchen neben und du hast gemeint, dass so ein schattiges, bequemes Plätzchen dir mittlerweile fast die größte Freude ist und du auf so etwas früher nie gedacht hast. Du kamst dir ziemlich blöd bei dem Satz vor und du musstest über dich selbst lachen. Ab da an wurden die Tage wieder kürzer. Im Herbst haben die Platanen dann ihre Blätter verloren und wir haben das Laub in schwarze Säcke gepackt.

William Shatner ist mittlerweile 93 geworden und sogar Superman fliegt wieder in seinem roten Cape. Außerirdische haben uns noch immer nicht besucht. Wir hätten uns damals aber auch nicht vorstellen können, dass Captain Kirk dich doch noch überlebt.




David Heilemann

„1991 in Stuttgart geboren und über Umwege nach Wien gekommen, habe ich während meines Studiums der Kultur- und Sozialanthropologie sowie Publizistik meine Leidenschaft fürs Schreiben wiederentdeckt.

Beruflich arbeite ich als Grafiker, wo ich meine Kreativität in der visuellen Kommunikation entfalte.

Daneben bin ich leidenschaftlicher Musiker, was einen wichtigen Teil meines Lebens ausmacht und meine künstlerische Arbeit inspiriert.“






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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