Christa Miech für #kkl44 „Kosmos“
Harry und das Zukunftsprojekt.
‚Ach Harry!“, dachte er.
In selben Moment als ihm aufging, den Komfort, von finanziellen Engpässen befreit zu sein, nicht mehr missen zu können, wurde ihm bewusst, wie sehr er seiner Rolle eines glühenden Liebhabers überdrüssig war.
Verflixt! Denn dieser Komfort verdiente es, zu seinem Zukunftsprojekt erhoben zu werden, was er auch sogleich tat. Jedoch brachte sein Überdruss die Realisierung dieses Projekts in Gefahr. Denn seine Lust versiegte langsam angesichts der ermüdenden Regelmäßigkeit ihres Liebeslebens. Mehr noch allerdings durch die peinlichen Aussetzer seiner Manneskraft. Auch war es ein schlechtes Timing, gerade jetzt grundlos die Pose des unermüdlich tätigen Menschen nach und nach auf-, sich unverblümt dem Müßiggang hin- und ungeniert als Arbeit auszugegeben, was landläufig als Steckenpferd galt. An der Eintrübung seines Wohllebens ließ sich ablesen, wie sehr er sein vorgegaukeltes Idealbild eines perfekten Liebhabers vernachlässigt hatte. Sein Zukunftsprojekt geriet dadurch in Gefahr. Also bemühte er sich eiligst, den zärtlichen Galan, der ihm anfangs so gut gelungen war, zu reaktivieren. Allerdings fragte er sich, ob er dieser Anstrengung lange gewachsen wäre.
Er hätte es wissen müssen! Es funktionierte nicht – es hatte auch bei vergangenen Liebesverhältnissen nicht funktioniert! Die Leichtigkeit, die er so sehr schätzte, verschwand zunehmend aus seinem Leben: Seine Partnerin begann dies und das an ihm zu bemängeln. Sie wies ihm Aufgaben im Haushalt zu und reduzierte in gleichem Maße ihre täglichen Verrichtungen, die sie bislang vollständig und klaglos übernommen hatte. Weder seine Überredungskunst, noch die Betonung seiner aus Gewöhnung entstandener Rechte, die er wehleidig einforderte, brachten sie auf den rechten Weg zurück.
‚Wie lästig!‘, dachte Harry.
Er galt nachzudenken! Etliche ausgedehnte Radtouren später war er der Lösung seines Problems zwar nicht näher-, dagegen zu der Überzeugung gekommen, erstmal einen Ausgleich zu benötigen. Die Vorstellung war betörend, sich ein heimliches, wenig anstrengendes, außerhäusliches Verhältnis als Kompensation zu gönnen, das sich perfekt während der vielen Stunden der beruflichen Abwesenheit seiner Partnerin einrichten ließ.
Harry überlegte: Die Stadt war groß genug! Er müsste sich nur auf ein Gebiet verlegen, welches mit dem Fahrrad gut zu erreichen, wiederum so weit entfernt war, unliebsame Begegnungen auszuschließen. Er fand es klug, seine Lebensgefährtin auf eine wichtige, außerhäusige Beschäftigung hinzuweisen, die von Zeit zu Zeit auch bis in die späteren Abendstunden hinein dauern könnte. Damit ersparte er sich Ausreden, die ihm unter Druck kaum einfallen würden.
Sein Ziel war schnell erreicht – entgegen seiner Befürchtung, die Zeiten der mühelosen Eroberungen wären vorbei. Sie, jung und unerfahren, erlag schon bald seinem Charme. Es kam seinem Plan entgegen, sich diesmal nicht zu verausgaben, dass seine junge Geliebte leicht zufriedenzustellen war und nichts forderte. Als erfreuliches Nebenprodukt verbesserte sich seine häusliche Beziehung, da er stets belebt und gut gelaunt nach Hause kam.
Die Monate gingen dahin. Er konnte es nicht fassen! Sein Leben verlief reibungslos!
„Gut gemacht, Harry!“, lobte er sich selbstgefällig.
Die ersten dunklen Wolken erschienen an seinem Liebeshimmel, als die Urlaubsreise mit seiner Partnerin, welche er wohlweislich verschwiegen hatte, bevorstand. Er konnte sein junges Verhältnis durch fantasievolle Ausflüchten diesmal noch bei Laune halten. Jedoch beim ersten Treffen danach fragte sie ihn aus. Ersponnenes sorgsam vermengt mit Tatsächlichem befriedigten zunächst ihre Neugier. Plötzlich versteifte sie sich darauf, sein Heim kennenzulernen. Nur mit Mühe brachte er sie davon ab. Forderungen folgten, mehr an seinem Leben teilzuhaben! Der Ton wurde rauer. Eine Strapaze begann die andere zu ersetzten. Er hatte sich wieder einmal reingeritten!
‚Ach Harry!‘, dachte er.
Ein Abend im Spätherbst. Er war länger fortgeblieben als geplant, da er wütend und gestresst nach einem Streit aus der Wohnung seiner jungen Geliebten gestürmt und ziellos auf dem Rad durch die Stadt gefahren war.
Nun steht er vor seiner Wohnung. Er hat sein Fahrrad an die Laterne gelehnt und sucht nach dem Schlüsselbund, um es anzuschließen. Der Schlüsselbund ist nicht zu finden! Hat er ihn, als er kopflos aus ihrer Wohnung gestürmt war, dort vergessen? Ihn verloren zu haben, wäre ihm jetzt lieber. Er muss läuten. Keine Reaktion. Oben war doch Licht im Fenster? Warum drückt seine Partnerin nicht auf den Summer! Er tritt ein paar Schritte zurück, schaut hoch. Tatsächlich, Licht! Er hat sich nicht getäuscht, sie muss zu Hause sein. Er klingelt nochmal. Wieder nichts. Vor sich hin schimpfend geht er wieder zurück. Er will rufen, da wird das Fenster geöffnet, und sein Ruf bleibt ihm im Halse stecken. Beide Stimmen, die er hört, sind ihm vertraut. Beide Frauen blicken lachend zu ihm herab. Sein Schlüsselbund wird hochgehalten. Siedend heiß fällt ihm der Anhänger mit seiner Festnetznummer ein, falls er den Schlüsselbund wieder mal verliert.
Das Fenster wird geschlossen. Kurz darauf leuchtet das Hausflurlicht auf. Die Haustür öffnet sich, und seine junge Geliebte tritt auf die Straße. Sie trägt einen Koffer. Harry erstarrt. Sein Koffer! Wortlos stellt sie ihn vor ihm ab, dreht sich um und geht davon. Er schaut nach oben. Das Licht ist aus!
Ach Harry! Gerade hat sich dein Zukunftsprojekt in Luft aufgelöst!
Christa Miech – weiblich – in Berlin lebend – allein lebend – schon älter
– verschiedene Berufe – unterschiedliche Tätigkeiten – viele Interessen
– ein ausgefülltes Leben – Lebensbewältigung so lala!
Über #kkl HIER
