Michaela Thunemann für #kkl44 „Kosmos“
Physik
Wie leer fohlenhafte Verletzlichkeit auf ein Croissant starrt,
ob das Alleinsitzen noch etwas schmerzt,
oder dient das Croissant als Schutzwall
vor dem Morgen,
an dem vor dem Fenster die Trambahn
Möglichkeiten und Ziele herankarrt?
Könnte ich schneller als
Lichtgeschwindigkeit fliegen,
könnte ich den vergangenen Moment anschauen,
erklärt neben mir ein Physiker,
und durch die leeren Augen des Kinds vor dem Croissant
erreicht mich aus dem Kosmos eine zwanzig Jahre alte
Botschaft:
„Ich mache mir Sorgen um dich.
Du musst deinen Blick ins Außen richten.“
Während das Kind sein Croissant isst,
bewegen sich Botschaften
durch Zeiten und Räume,
die man nicht vergisst.
Je stärker die Gravitation
desto langsamer vergeht die Zeit,
daher war der Weg, um diesen Satz zu verstehen, sehr lang und sehr weit.
Dann rattert wieder die Tram.
Das Kind geht.
Die Botschaft kam an.
„Mach dir keine Sorgen, ich sehe es jetzt.“
Stern
Kein Darüberhinaus
sondern ein Direkthinein
Bämm! Implosion
anstatt einer Fusion meiner Kerne
leuchtet in mir ein Zerfall in Millionen
verschiedene Sterne
als Spur zwischen
Unendlichkeit Süd, Ost, Nord und
Unendlichkeit West divergierend
zerfallend
dekonstruiere ich mich in
Staub
Gestein
Splitter
Scherben
den zentralen Rest meines Ichs
je nach Standpunkt
eine Ansammlung von Staubkörnern
oder
im Kosmos die Bahn
einer Milchstraße aus Licht

Michaela Thunemann
Die dreiundvierzigjährige Autorin lebt mit ihrer Familie im Raum Ebersberg bei München. Neben ihrer Tätigkeit als Deutsch- und Geschichtslehrerin in einem Gymnasium bei Ebersberg schreibt sie Lyrik nebst Prosa und ergänzt seit kurzem das Redaktions- und Moderationsteam der Radiosendung „Landmann liest. Lyrik trifft Poesie“ auf rockradio.de.
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