Natascha Urich für #kkl44 „Kosmos“
Ohne Raumanzug
„Stell’ dir vor du wärst im Weltraum, ganz alleine, umgeben von nichts als Vakuum. Was wäre aber, wenn du im Vakuum atmen kannst? Wo würdest du hingehen? Was geht in deinen Gedanken vor?“ Ich reflektiere noch ein wenig über die Worte unseres Philosophie Lehrers, Herr Bauer. Wir müssen einen Text verfassen, bei dem wir genau auf diese Fragen eingehen sollen. Der Text wird etwa 50% der Note im Zeugnis ausmachen, was an sich ja gut ist, denn so ersparen wir und einen Test für den ich lernen müsste. Trotzdem will ich mich damit nicht beschäftigen. „Wie kommt unser Professor überhaupt auf solche Fragen?“ Mit offenem Mund und fast schon fassungsloser Miene sehe ich meine beste Freundin an. „Das ist doch bestimmt vom Lehrplan vorgegeben, normalen Menschen fällt sowas nicht ein.“ Melanie schreibt bereits fleißig an ihrer Aufgabe, die wir schon Morgen abgeben müssen. Es macht mich etwas nervös, sie so eifrig schreiben zu sehen. Klar, im Normalfall arbeite ich gut unter Druck. Mathe-Hausübung um zwei Uhr nachts? Kein Problem für mich. Ein umfassendes Referat über den Kulturerdteil Europa habe ich auch schon in Windeseile an einem Sonntagnachmittag erstellt. Man könnte meinen, meine schulische Leistung floriert unter Druck. Warum aber fällt mir diese Aufgabe nun so schwer? „Du musst einfach dein analytisches Gehirn abschalten und abstrakt denken“, meint Melanie gelassen. Ich blicke sie mit meiner rechten hochgezogenen Augenbraue skeptisch an. Sie bindet sich ihre erdbeerblonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und widmet sich wieder ihrem Text. Ihr „Ratschlag“ ist nicht gerade hilfreich.
Es ist ein ziemlich warmer Nachmittag im Juni und wir haben es uns in einem Park auf einer Picknickdecke mit reichlich Kaffee und Chips gemütlich gemacht. Meine beste Freundin ist in ihre Arbeit vertieft und bemerkt mein nervöses Herumzappeln gar nicht. Die Situation ist ausweglos, ich muss mich jetzt auf die Philosophieaufgabe konzentrieren. Ich hole mein Tablet aus dem Rucksack und beginne die Überschrift zu schreiben – Philosophie Aufgabe, Weltall.
Ich stelle mir also vor, ich wäre im Weltall. Ich schließe meine Augen, ganz fest, um mich in eine andere Welt zu versetzen. Ich kenne das Weltall nur aus Filmen oder Dokumentationen, muss mich also auf diese Quellen verlassen. Mit einem Raumanzug bin ich durchaus eine Zeit lang mit Sauerstoff versorgt, etwa acht bis zehn Stunden um genau zu sein. Jedoch steht in der Angabe, dass ich im Vakuum atmen kann. Was für ein Unsinn. Ich schnaube und muss dabei meinen Kopf schütteln, so lächerlich finde ich diese Idee. Wenn ich im Weltall atmen kann, bedeutet es, dass die Gesetzte der Physik nicht mehr greifen. Das wiederum bedeutet, die Ordnung ist nicht mehr hergestellt, völliges Chaos also. Chaos wiederum stürzt alles in eine Ungewissheit, dessen Ausmaß man nicht ausmachen kann. So hat das keinen Sinn. Ich öffne meine Augen wieder. Erleichterung durchfährt meinen Körper, hier auf der Erde bin ich in Sicherheit. Ich lege mich mit dem Rücken auf die Picknickdecke, zu lange bin ich mit meiner schlechten Körperhaltung auf dem harten Boden gesessen. Mein Blick richtet sich gen Himmel. Er ist strahlend blau und wolkenlos. Die Mauersegler fliegen blitzschnell an meinen Augen vorbei. Mit ihrem schreienden Ruf wirkt es so, als würden sie im Himmel fangen spielen oder einen Flugwettbewerb veranstalten. Der Blick nach oben relativiert so manche Gedanken.
„So, ich bin fertig. Können wir dann gehen? Ich hab in einer Stunde Volleyball.“ Melanie unterbricht meinen Gedankengang, packt ihre Sachen in ihren Rucksack und ist bereit aufzubrechen. Ich starre auf mein Tablet. Drei Worte. Mehr habe ich nicht geschrieben. Sie hält kurz inne und mustert mich. „Ist es so schlimm?“, fragt sie vorsichtig. Ich nicke nur, die Verzweiflung steht mir ins Gesicht geschrieben.
Es ist Nacht, zwölf Uhr um genau zu sein. Ich sitze an meiner Fensterbank und starre hinaus in die dunkle Nacht. Von hier aus kann ich auch den Mond sehen, er leuchtet hell am klaren Nachthimmel, gemeinsam mit anderen Sternen und Planeten. Mein Text besteht nach wie vor aus nur drei Worten. Es klopft an meiner Türe und noch bevor ich so etwas wie „Ja“ oder „herein“ sagen kann, geht sie auch schon auf. „Hast du ihr vorm Schlafengehen noch den Hustensaft gegeben?“, fragt meine Mama, ohne mich vorher zu begrüßen. Anscheinend ist sie gerade von der Arbeit nach Hause gekommen. „Hab ich. Sie hat sich auch selber die Zähne geputzt, anscheinend haben sie das heute im Kindergarten gelernt“, antworte ich ihr. Meine Mama bedankt sich mit einem müden lächeln und ist auch schon wieder aus meinem Zimmer. Wahrscheinlich legt sie sich gleich zu meiner kleinen Schwester ins Bett und schläft sofort ein. Morgen muss ich dann beide aufwecken, wenn sie wieder vergessen hat den Wecker zu stellen. Nach dem Treffen mit Melanie hatte ich keine Zeit mehr für meine Hausaufgaben, ich musste mich um das Abendessen und die Unterhaltung meiner kleinen Schwester kümmern, so wie eigentlich jeden Tag. Außer mir und meiner Mama gibt es sonst niemanden. Ich starre wieder auf den Bildschirm des Tablets und gebe mir einen Ruck. So schwer kann das doch nicht sein. Ich mache aus einer kleinen, unbedeutenden Aufgabe einmal mehr ein Drama. Sorgfältig gehe ich die Fragen noch einmal durch, atme tief ein und beginne zu schreiben.
Wenn ich im Weltraum bin und sogar atmen kann, dann möchte ich, dass die Welt gerecht ist in der ich lebe. Ich möchte, dass meine Mama nicht so viel arbeiten muss, dass mein Papa wieder da ist. Ich möchte dort im Hier und Jetzt leben, eventuell einen Alien kennenlernen und mit ihm dann von Planet zu Planet reisen. Welten kennenlernen, die noch nie zuvor jemand entdeckt hat und auf dem coolsten dann mit meiner Familie und meiner besten Freundin leben. Ich glaube, im Weltall hat man keine Sorgen. Man existiert einfach, ohne Druck von der Welt, ohne Erwartungen. Hier würde ich in Ruhe gelassen werden. Nach einer Zeit wird man jedoch einsam, allein der Gedanken an ein Leben im Weltall beschert mir Heimweh, „Erd-Heimweh“ sozusagen. Ich muss seufzen. Egal wie man es dreht, die Hausaufgabe ist einfach nur doof. Ich gebe mir mühe und schreibe weiter, auch wenn die Zeilen keinen Sinn ergeben. Ich kann es mir nicht verkneifen und setze noch einen letzten Satz dazu, adressiert an unseren Lehrer: Lieber Herr Bauer, diese Aufgabe war eine große Herausforderung und Ihre Fragen gar nicht einfach zu beantworten. Wenn ich Ihnen eine Gegenfrage stellen darf, wäre es folgende: Was sollen diese Fragen mit uns machen?
Natascha Urich, 1995 im Süden Wiens geboren und sesshaft geworden. Neben ihrem Job im E-Commerce schreibt sie Kurzgeschichten und Rezepte für ihren Food Blog. Durch das Schreiben kann sie ihren Emotionen freien Lauf lassen und in andere Welten eintauchen.
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