Mathias Büchner für #kkl44 „Kosmos“
„Ich will es nicht. Damit wäre genug gesagt. Ja, ich weiß, Ihnen wird das nicht reichen. Aber mir.
Nun, dann muss ich es wohl oder übel ausführen.
Ich bin Gerd. 40 Jahre alt. Verheiratet, zwei Kinder. Der normale Typ von nebenan.
Doch dann, das wissen Sie ja, kam der Tag, den man ganz allgemein als „der Tag der Ankunft“ bezeichnet.
Wo war ich, als es losging? Ich war gerade in meiner alten, aber heiß geliebten Karre auf dem Rückweg vom Pe… ne es war… egal, irgendein Supermarkt. Und dann kam es.
Sie wollen es genauer? Okay, bitte, wenn es sein muss. Ich fuhr auf der Landstraße zu meinem Dorf, als sich der Himmel verdunkelte. Als hätte jemand plötzlich die Sonne ausgeknipst. Zack, dunkel.
Dann hab ich eines dieser Dinger gesehen. Ich hab mir gar nichts groß dabei gedacht. Wer weiß schon, was die großen regierenden Typen da wieder treiben. Aber die anderen?
Vor und hinter mir verfielen die Leute in Panik. Oder jemand hat ihren Verstand ausgeschaltet. Was weiß ich. Der Kerl vor mir bremste einfach wild, sein Auto landete im Graben. Ich konnte gerade noch ausweichen und brüllte ihm zu, er solle gefälligst aufpassen. Idiot.
Aber als ich weiter fuhr, sah ich, dass auch die anderen Autos zum Stillstand gekommen sind. Alle waren einfach, teils mitten auf der LANDSTRAßE, aus ihren Blechkästen gekrochen und starrten die blinkenden Lichter an.
Ja, da flog was riesiges, verdeckte die Sonne und blinkte wie früher mein Videorecorder. Mir doch egal, dachte ich. Ich hab Eis im Kofferraum, das muss inne Kühlung!
Ich fuhr weiter, wich diesen Gaffern aus und kam irgendwann zu Hause an. Wie erwartet standen diese Dumpfnasen von Nachbarn auf offener Straße und gafften. Was mich aber ärgerte: meine Frau und Kinder taten dem gleich.
Ich ignorierte das Ganze, räumte die Tüten alleine ins Haus, verräumte alles und machte Kaffee. Irgendwann werden die schon reinkommen, dachte ich.
Nach, was weiß ich, 30 Minuten oder so, hörte ich Sirenen. Die Polizei machte sich auf den Weg durch unser Dorf. Es erklang eine Ansage: Alle wurden aufgefordert in ihre Häuser zu gehen und Radio oder TV anzuschalten. Dort würden wir weitere Infos bekommen.
Meine Familie stürmte fast schon in unser Haus, mein Sohn raunte was von komplettem Internetausfall, meine Tochter heulte vor Angst, meine Frau war bleich, als hätte sie einen Geist gesehen. Sie schaltete natürlich den Fernseher an.
Den Rest wissen sie ja, sonst wären sie ja nicht hier. Sie wollen, dass ich weiter erzähle? Meine Güte, Bürokratie ist einfach immer anstrengend, aber meinetwegen.
Den TV-Bericht kennen sie ja. Die aufgelöste Tante erzählte was von außerirdischen Raumschiffen, die weltweit aufgetaucht waren. Bisher gab es keinen Kontakt, die Führer der Welt diskutieren weiteres Vorgehen. In einigen großen Städten sei Panik ausgebrochen, es gebe Plünderungen, Verletzte, Tote.
„Warum regen die sich alle so auf?“ dachte ich nur und fing an, in einer Zeitung zu blättern. Internet ging ja nicht. Zum Glück hatte ich noch nicht auf Internet-TV umgestellt, wie mein Sohn es so oft gefordert hatte.
Das restliche Geblubber der Nachrichtensprecher hab ich ignoriert. Es wiederholte sich sowieso nur. Keiner weiß was, keiner weiß was zu machen wäre.
Um 9 bin ich unter die Dusche und ging ins Bett. Meine Familie blieb wie angewurzelt am Fernseher. Als würde das was bringen. Wenn was passieren würde, erfahre ich davon schon am folgenden Morgen.
Mein letzter Gedanke an diesem Tag galt meinen Tomaten. Sollten diese Dinger nicht bald verschwinden, so würden mir die noch eingehen.
Morgens waren die anderen im Wohnzimmer eingeschlafen, der Kasten lief immer noch. Es war immer noch nichts Neues passiert, außer, dass der amerikanische Präsident meinte, er würde zur Not die Menschheit mit Atomwaffen verteidigen. Was der russische Präsident als Provokation sah, der amerikanische Präsident spreche schließlich nicht für die Menschheit.
Ich aß ein Brot und machte mich auf den Weg zur Arbeit. So wie ich meinen Chef kannte, er hätte mich glatt abgemahnt, wäre ich unpünktlich. Hätte ich gewusst, dass außer mir im Büro keine Menschenseele zu finden war… ich wäre wohl trotzdem hin. Auch wenn ich etwas Mitleid mit meinem Chef hatte, da ich das gesamte Licht im Gebäudekomplex anschalten musste. War eben so vorgesehen.
Das Radio ging mir auch auf die Nerven. Statt Musik nur noch mehr Gerede von Leuten, die nichts wussten. Also schaltete ich es aus. Ab und an hörte ich Sirenen in der Ferne, aber sonst konnte ich ziemlich gut arbeiten.
Auf dem Weg nach Hause war es dann. Sie wissen schon. Die Schiffe öffneten sich in der Mitte, ein rotes pulsierendes Licht fuhr raus und blinkte vor sich hin. Zum Glück war kaum jemand unterwegs, später hörte ich, dass da wieder Panik ausbrach. Das war als einige Leute meinten, es wäre clever auf die Dinger zu schießen. Die Armeen der Welt wurden mobil gemacht. Und was sonst noch.
Ja, was denken Sie denn? Natürlich bin ich weiter nach Hause. Frau und Kinder hatten unseren Kombi geschnappt und waren geflohen. Wohin auch immer, weiß ich nicht, werde ich auch nicht mehr erfahren, denke ich.
Und dann dauerte es drei Tage, bis die ach so tollen Wissenschaftler die Nachricht entschlüsselt haben.
Die Aliens wären hier, um die Menschen zu retten. Sie würden alle Menschen umsiedeln, auf irgendeinen anderen Brocken. Wer nicht freiwillig mitkommt, wird nicht gezwungen, aber die Erde wäre bald Geschichte. Mitarbeiter der Aliens würden bald alle Bewohner fragen, ob sie mitkommen und ihnen dann Anweisungen geben.
Deshalb sind sie doch hier, oder? Sie wollen wissen, ob ich mitkommen werde. Ich will es nicht.
Warum? Eigentlich geht sie das nichts an. Vermerken Sie ruhig, dass ich der ultimativ sture Mensch bin.
Die Wahrheit? Seid 40 Jahren bin ich hier, um das vorzubereiten, wovor sie diese Menschen retten wollen. Meine Rasse ist unterwegs, wie sie wissen. Und ich weiß, wo es was zu holen gibt.“

Mathias Büchner, Bad Bad Oeynhausen, geboren 1984, schreibt Geschichten und mehr!
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