Tod und Leben – Die Brüder

Gert Esterle für #kkl44 „Kosmos“




Tod und Leben

Die Brüder

Für die beiden war es die allererste persönliche Begegnung.

Die Welt stand einen Augenblick lang still.

Beruflich hatten sie manchmal miteinander zu tun gehabt. Ein harmonisches Duo, das präzise und effizient seine Arbeit verrichtete.

Über ihr privates Treffen wurde in den Medien nichts verlautbart. Wo und wann die Zusammenkunft stattfand, wird für immer ein Geheimnis bleiben.

Nicht nur äußerlich waren die Brüder grundverschieden. Der eine überragte den anderen um ein Vielfaches. Ein Riese und ein Zwerg gaben sich ein Stelldichein. Gleichwohl war es ein Dialog auf Augenhöhe. Mit heftigen Vorwürfen ging es los.

„Was bist du für ein entsetzlicher Geselle!“, rief der Kleine. „Du tobst und wütest und verachtest die Menschen. Die meisten fürchten sich vor dir und hassen dich. Wie kannst du nur so ein erbärmliches Leben führen!“

Der Große schüttelte den Kopf. Was verstand der andere schon von den existenziellen Abläufen des menschlichen Daseins!

„Dumpfes Gerede. Was bleibt mir denn anderes übrig? Ich muss es doch tun! Es ist meine Aufgabe. Seit Jahrtausenden und noch viel länger. Immer bin ich pünktlich zur Stelle und tu meine Pflicht.“

„Aufgabe. Pflicht. Wenn ich das schon höre!“ Dem Kleinen schwoll der Kamm. „Der freie Wille des Menschen ist unantastbar. Schau mich an. Ich diene den Menschen. Wenn sie es wünschen. Vor mir ängstigen sie sich nicht. Denn ich mache sie glücklich. Glücklich und zufrieden.“

„Du machst sie glücklich? Dass ich nicht lache“, schnauzte der Große verächtlich. „Siehst du nicht, wie diese Menschen leiden? Wie oft sie sich streiten? Wie sie verzweifeln. Wenn sie dich erleben.“

Den Kleinen erfasste Mitleid mit seinem Bruder. Über den Tellerrand zu blicken, war noch nie dessen Stärke gewesen.

„Meine Menschen leiden. Da hast du recht. Auch dieses Leiden gehört zum Leben. Doch ich helfe ihnen. Im Gegensatz zu dir. Ich erlöse sie von ihren Qualen. Alle sind mir dankbar. Viele beten mich an und wollen …“ Der Große schnitt ihm das Wort ab.

„Kleiner Bruder! Was weißt denn du? Ich bin es, der die Menschen erlöst! Nach mir sehnen sich viele. Wenn sie nicht mehr weiterwissen. Wie sie mir danken! Ich bin der wahre Erlöser!“

„Was redest du?“ Voller Stolz richtete sich der Kleine auf. „Deine Erlösung ist ein trauriges Kapitel im Menschenleben. Für viele das allertraurigste! Und ein singuläres Ereignis. Ausnahmslos. Eine Wohltat manchmal, mag schon sein. Bei mir hingegen kommt immer Freude auf. Immer und immer wieder. Denn ich tu Gutes. Ich öffne das Paradies. Ich beglücke die Menschen. Wenn sie es wünschen. Nur dann. Ich spende Frohsinn und Lust. Du aber mähst und entleibst. Ohne Gnade. Ohne Unterlass.“

Schweigen im Raum. Der Große schloss die Augen. Ließ die Worte in sich klingen. Diese ungeheuerlichen Vorwürfe! Er kannte sie zur Genüge. Seit Jahrtausenden und noch viel länger. Der Kleine sprach die Wahrheit. Dennoch …  

„Was wäre wohl, wenn es mich nicht gäbe?“ Seine Stimme vibrierte. „Wie würde die Menschenwelt ohne mich aussehen?  Ihr Ende wäre unausbleiblich. Nein … nein … so absurd das klingen mag: ich bin es, der ihren Fortbestand garantiert.“

Nun sinnierte auch der Kleine. Seine Gedanken verfingen sich in der Weite des Universums.

„Du bist der Große und der Gefürchtete. Wer mag das bestreiten? Aber wenn ICH nicht existierte? Was dann? Hast du je darüber nachgedacht?“

Der Große hielt inne. Natürlich kannte er das Los seines Bruders. Dessen explosive Wirkungsmacht seit Menschengedenken. Was ging es ihn an? Ihn, den großen Unbestechlichen?

„Es ist nicht meine Aufgabe, über dich nachzudenken. Freude und Leiden der Menschen kümmern mich nicht. Ich habe meine Mission zu erfüllen. Seit Anbeginn der Menschheit muss ich mein Werk vollführen.“

Dem Kleinen dämmerte: sein Bruder sprach die Wahrheit. Im Schöpfungsgeschehen war dem Großen diese eine Rolle zugeteilt worden. Damit musste dieser zurechtkommen. Wahrlich eine entsetzlich schwere Last.

„Mein großer Bruder, ich weiß. Du musst es tun. Das ist der Lauf der Welt. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken.“

Der Große lächelte. „Dein Job wäre mir auch lieber. Ich habe meinen nicht ausgesucht. Wie ich dich beneide, wenn wir Hand in Hand den Menschen ihr letztes Vergnügen bereiten!“

Der Dialog war zu Ende. Auf die Brüder wartete viel Arbeit. Die Menschen brauchten sie. Beide gleichermaßen.

Sie nahmen Abschied voneinander. Wann würden sie sich wiedersehen? Beruflich wäre bald wieder ein gemeinsamer Arbeitstermin fällig. Doch ein privates Treffen wie heute würde es vielleicht nie mehr geben.

Der Große reichte seinem Bruder die Hand.

„Wenn ich so über dich nachdenke … Natürlich tu ich das oft …Ich denke, es ist wohl wahr, wir beide …“

Nun war es der Kleine, der seinen Bruder unterbrach.

„Ich weiß, was du sagen willst. Wir beide gehören zusammen. Wir sind enge Verwandte. Brüder eben. Seit Beginn der Menschwerdung sind wir es. Ich bin deine Voraussetzung. Ohne mich gäbe es dich nicht.“

„Du hast recht. Ohne dich wäre ich nicht da. Das ist unverrückbar und gewiss wie der Anfang und das Ende der Welt. Wir sind ineinander verwoben. Wir bedingen einander. Gehen wir jetzt! Wir werden gebraucht. Die Menschen warten auf uns!“

Die Brüder umarmten sich. Versöhnt gingen der Riese und der Zwerg auseinander.

Der große Tod und der kleine Tod mischten sich wieder ins Menschenleben.

Und die Welt löste sich aus ihrer Erstarrung. Sie drehte sich weiter, als ob nichts geschehen wäre.




Gert Esterle






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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