Keine Zeit zum Sterben

Heinz Flischikowski für #kkl44 „Kosmos“




Keine Zeit zum Sterben

Für Professor Schlomi war es jetzt die vierte Nacht, die er durchgehend vor dem Rechner saß. Zeit hatte er genug, denn es gab weder Frau noch Kinder, die auf ihn warteten. Er hatte endlich etwas entdeckt, das ihn weiterbringen könnte. Er kramte in einer seiner Schreibtischschubladen, um sich noch eine Viebanol zu gönnen.

Ein Teufelszeug, aber es hielt ihn wach und er spürte eine unglaubliche Energie.

Sein Supercomputer, der mit 8000 Prozessoren parallel rechnete, hatte es geschafft. Dieses Monster war in der Lage, Daten von über 60 Terrabyte auszuspucken. Eine unglaubliche Menge.

Er hatte in einer Simulation eine Milliarde Galaxien erzeugt, die bis zu 10 Milliarden Lichtjahre voneinander entfernt lagen. Alles galt nur einem einzigen Ziel. Der Erforschung der „Dunklen Materie“, die als Faktor im Universum umstritten war. Es musste irgendetwas geben, dass die Galaxien zusammen hielt und er spürte, er war kurz vor dem Durchbruch, denn die Gravitationskräfte alleine konnten das niemals bewerkstelligen.

„Vielleicht verbirgt sich hinter der Dunklen Materie doch etwas ganz anderes, als alle glauben“

sprach er in den Raum hinein und goss sich erneut einen schwarzen Tee auf.

Er hatte schon ein leichtes Flimmern vor den Augen, aber das war ihm egal.

„Fragt sich der Fisch, was ihn in seinem Lebensraum umgibt?“

Professor Schlomi stellte seine Tasse auf den riesigen Schreibtisch, nahm die Brille ab und wischte sich mit der Hand durch das Gesicht. «Was war das denn jetzt» dachte er. Das war kein Gedanke.

Das war eine klare deutliche Stimme in seinem Kopf. Drehte er jetzt langsam durch?

Er nahm erneut die Packung Viebanol aus dem Schreibtisch, zog den Beipackzettel aus der Schachtel und überflog den Text. Nebenwirkungen: Kann zu Krämpfen, Herz-Kreislauf- Zusammenbruch und psychiatrischen Notfallzuständen führen. Bei akuter Überdosierung kann Viebanol bei bestehenden Herzkrankheiten zum plötzlichen Herztod führen, insbesondere, wenn die Überdosierung mit hoher körperlicher Beanspruchung zusammentrifft.

„Ich habe keine Zeit zum Sterben“ flüsterte er und setzte sich wieder an seinen Rechner.

Er war umgeben von vier großen Bildschirmen, mit denen er zeitgleich arbeiten konnte.

Wieso war die Schwarze Materie rechnerisch in weit entfernten Galaxien nachweisbar, in der Milchstraße aber nicht? Es gab nur eine Möglichkeit.

«Alles hängt mit Allem zusammen»

„Danke,“ dachte er. Weil er so gefesselt war von den Bildern der Sombrero Galaxie, nahm er die Stimme in seinem Kopf als gegeben hin. Die einzige Möglichkeit war, dass durch Gravitation von dunklen Galaxien, die die Milchstraße umkreisten und die man bis Heute nicht entdeckt hatte, ihr Zustand stabil blieb. Das war die Lösung, das musste die Lösung sein, aber um das zu beweisen, brauchte er…

«Dein Tee wird kalt»

Schlomi stutze. Er war hellwach. Er hatte weder einen Tagtraum noch ein Trockendelier. Er war Herr seiner Sinne. Er drehte sich langsam um und schaute in den Arbeitsraum. Nur das Licht der vier großen Bildschirme gab ihm etwas Sicht auf die Dinge.

„Hallo, ist hier jemand“ flüsterte er in den Raum und sah durch das Fenster den klaren Sternenhimmel.

„Mein Gott,“ dachte er, „wie viele Jahre meines Lebens habe ich mich mit DIR beschäftigt.“ «Ich bin immer, Jetzt, Hier, in Ewigkeit»

„Wieso sehe ich Dich nicht und wer oder was bist Du?“ Schlomi spürte Wut in sich aufsteigen. Ein gutes Zeichen. Wut nahm ihm Angst und Unsicherheit. Wut war in seinem Leben immer eine treibende Kraft.

«Ich bin das, was Du suchst»

Schlomi wollte erst laut werden. Er besann sich und schwieg. Er brauchte nur zu denken. Es schien in seinem Kopf zu sein. Es gab Niemanden im Raum, mit dem er hätte sprechen können. „Du bist also Schwarze Materie, die in meinem Kopf steckt und denkt?“

«Wenn Du es so möchtest»

„Wieso bist Du hier und warum erst jetzt. Ich forsche seit über 30 Jahren auf diesem Gebiet und stehe kurz vor einer sensationellen Entdeckung und genau zu diesem Zeitpunkt kommt der Geist aus der Flasche zu mir?“

«Weil es schön ist, zu spüren, dass Du Dich so sehr für mich interessierst»

„Was soll das denn. Jetzt wirst Du aber sentimental oder?“ Schlomi schmunzelte. Sein Tee war kalt, aber er trank ihn trotzdem. Es tat ihm gut, einfach nur mal zu sitzen und aus dem Fenster in den Sternenhimmel zu blicken. Er hatte eine fantastische Aussicht und das, was er sah, war ihm bekannt. Es war Teil seines Lebens.

«Wir wachsen gemeinsam und Du bist und warst immer ein Teil von mir»

„Du sprichst wie meine Mutter.“ Schlomi sah die Venus, den hellsten Planeten im System.

Sie stand rechts neben dem Mond, dessen Sichel langsam aber sicher immer größer wurde.

Als Kind schon war er fasziniert von dem Erdtrabanten. Er hatte eine magische Kraft auf ihn und er dachte an seine Mutter, an seine Kindheit zurück.

Mutter musste bei Vollmond immer die Fenster mit Draht verschließen, weil er nachts oft in seinem Schlafanzug auf dem Balkon stand, der direkt hinter seinem Fenster lag.

Er spürte, wie er langsam müde wurde, sein Blutdruck sank, obwohl sein Herz wie verrückt pumpte. Er spürte es in seiner Halsschlagader.

«Alles wonach Du gesucht hast, alles was Du gefunden hast, ist Teil von Mir und Dir. Ich gebe und ich nehme. Ich halte und ich löse. Solange ich wachse, fülle ich. Niemals hat sich eine Kohlenwasserstoffeinheit so sehr nach mir gesehnt wie Du»

Schlomi glaubte, ein Seufzen in seinem Kopf zu hören. Seine Augen wurden schwer und seine Teetasse rutschte ihm langsam aus der Hand.

In seiner Brust wurde es heiß, siedend heiß und eine eiserne Faust schien ihn zu umklammern.

„Mama hatte fürchterlich geschimpft, als sie mich das erste Mal auf dem Balkon hat stehen seh’n.

Ich nahm sie überhaupt nicht wahr. Ich war vom Mond wie hypnotisiert,“ dachte Schlomi und um seinen Mund bildeten sich kleine Schaumbläschen.

Schlomi atmete tief ein und grinste. Sein ganzes Leben raste innerhalb von 3 Sekunden durch seinen Kopf. Es war ein gutes Leben. Er hatte immer sein Bestes gegeben.

„Ach Mama“ war sein letzter Gedanke. Dann starb er.



Text aus: Am Ende bleibt Hoffnung-telegonos-verlag





Heinz Flischikowski

1962 in Duisburg geboren.

Letzten Wohnorte: Sylt, Hamburg-West, Aschaffenburg, Halle an der Saale, NRW

Freier Journalist für Personen und Vereine, Lyriker und Kinderbuchautor.

Mitglied der Gruppe 48.

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gruppe_48

Seine Lyrik findet man unter anderem im Standardwerk der zeitgenössischen Dichtung in der Frankfurter Bibliothek sowie in der Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte in München.

Lyrik und Prosa

Liebe-und wenn ich dich spüre, spüre ich Liebe. Zwiebelzwerg-Verlag · Von Zeit zu Zeit · Nach all den Jahren · Angst und Hoffnung · Kraft und Glaube · Mut und Lust – alle im Telegonos-Verlag

Kinderbücher:

Der Gulp-Geschichten eines Inselkoboldes Der Gulp trifft Trox den bösen Gnom – Franzius Verlag-Bremen

Short-Stories: Am Ende bleibt Hoffnung-Telgonos Verlag

Sein Lyrikband »Mut und Lust« wurde von der Direktorin und freie Dozentin Tatiana Polyglott ins Russische übersetzt. Ebenfalls erschienen in der Ukraine und Kirgisistan

 Für seine Arbeit und Erfolge in der Literatur zwei Auszeichnungen des Verband der slawischen Schriftsteller der Ukraine.

Neben der Verlagsarbeit schreibt und veröffentlicht Heinz Flischikowski Artikel für Künstler, Autoren und Vereine in lokalen Zeitschriften und Online-Magazine.

https://www.lokalkompass.de/duisburg/profile-308016/heinz-flischikowski

„Ich habe angefangen zu schreiben, weil ich nie den Mut hatte vor einem Zug zu springen.“

Interview für den #kkl-Kanal HIER







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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