„Ihr Kosmos“

Mila Alieva für #kkl44 „Kosmos“ 




„Ihr Kosmos“

Sie läuft gern am Kanal – nicht nur aus gesundheitlichen Gründen oder wegen ihrer Lieblingshörspiele im Ohr, sondern weil sie auf jemanden trifft: Adelberg, den weißen Hund.

In seiner Gegenwart taucht sie wieder in ihre Kindheit ein.

Sie fühlt sich einsam.

Diese Einsamkeit erstreckt sich selbst in ihrer großen Familie: Ihre Eltern haben eigene Sorgen, ältere Geschwister ihre  Interessen, obwohl ihre Oma immer da ist, fühlt sie sich dennoch allein.

Selbst in einem fünfstöckigen Haus mit 7 Eingängen und im ersten Eingang mit 15 Wohnungen und 45 Kindern von 0 bis 18 Jahren findet sie keine echte Verbindung.

Sie fühlt sich einsam, auch in ihrer Schulklasse mit 40 Schülern und in der Freizeit und beim Sport. Keine ihrer langjährigen Freundinnen ist mehr da, ihre Wege haben sich plötzlich getrennt, als wären sie weggezogen.

Aber sie sind immer noch da, in der gleichen Klasse, beim gleichen Sport, im gleichen Haus – ein Mädchen wohnt sogar im gleichen Eingang nur vier Etagen höher, das andere ist im 3. Eingang.

Sie füllt ihre Einsamkeit mit Träumen aus, sie flüchtet sich in Träume von fernen Ländern und seit kurzem in Träume von einem Hund.

Träume wie auch Grenzen bieten einerseits Schutz und Sicherheit wie Stuhllehnen, können jedoch auch von anderen gerüttelt und umgekippt werden. Deshalb brauchen Träume Stille, sonst bleiben sie unerfüllt. Die Stimmen, die Träume kritisieren, sind zahlreich: „Du darfst es nicht!“, „Du bist aber stur!“, „Es gehört sich nicht!“, „Du entfernst dich von den anderen“, „Erst das und dann!“, „Du übertreibst!“, „Hör auf zu träumen“, „Wozu brauchst du es?“, „Es ist nicht nötig!“, „Das ist aber falsch“, das sind die Stimmen, die Träume umkippen können.

Ferne Länder sind in weiter Ferne, aber der Hund scheint näher zu sein und sie könnte auch vielleicht in der Zukunft Tierärztin werden. Ob es wirklich so ist, dass der Hund so nah ist? Es gibt zu Hause fast keine Verbündeten, die ihre Gedanken teilen.Aber sie hat einen Plan.

Das Essen in der Schulmensa kostet 2,70 Rubel pro Woche, und 9 Wochen bleiben warmer Kakao, warme, reichlich mit Brotkrümeln panierte Bulette mit Kartoffelbrei aus. In der Pause wandert sie hungrig hin und her.

Oma macht sich jedesmal Sorgen und fragt besorgt, ob das Essen in der Schulmensa schlecht sei.

Doch ihre einfachen, aber köstlichen Mahlzeiten bieten einen Trost – salziger Kabeljau mit Kartoffeln und Milch schmeckt noch mehr und scheint nicht mehr so salzig zu sein. Und schwarzer Tee ohne Zucker. Den Zucker gibt es nicht mehr in Läden. Und obwohl es nicht schön ist, die Oma zu täuschen, brauchen Träume manchmal selbst vor den Liebsten Schutz.

Sie erinnert sich an die Vorfreude beim Sitzen im Saal. Plötzlich wird aus dem Pionierhaus, wie auch aus dem ganzen Land, ein Auktionshaus. Mit 24 Rubeln in der Hand, entschlossen, 13 dann 15 Rubel zu bieten, kämpft sie mit nassen, zitternden Händen. Fast rollen ihr die gesamten 24 Rubel weg. Doch sie fasst neuen Mut, bietet die gesamte Summe und bekommt ihn – das schwarz-gelbliche Knäuel, einen Mischling, dessen künftige Größe und auch künftiges Verhalten ungewiss sind. Ihr ist völlig egal. Sie hat ihn! Ihren Traum! Ihren Kim!

Die Akzeptanz zu Hause ist geteilt, fällt aber jeher negativ aus:

„So ein Süßer!“ „Ein Mischling? Kein Rassehund?„Geldverschwendung und den hast du dir am Magen angespart?“ „Er wird doch überall Pfützen machen!“ „Guck mal, seine Ohren stehen nicht und werden so hängenbleiben! Schande!“ „Er wird uns alle fressen!“

Doch ihr ist es egal. Der Hund bleibt und wächst zu einem wunderschönen goldschwarzen Mischling mit Fuchsschnauze heran.

Auch in der Nachbarschaft ist die Akzeptanz unterschiedlich.

Ein Kleinkind ruft ihn ständig nach seinem Namen, und bald kauft diese Familie einen reinrassigen Langhaarkolliewelpen und gibt ihm den gleichen Namen. So freut sich das Kleinkind auf seinen eigenen Hund, und sowohl das Kind als auch seine Eltern brauchen sich keinen neuen Namen zu erfinden und zu merken.

Andere Nachbarn hassen aber ihren Kim sehr. Er jault laut um 6 Uhr morgens bei der Hymne im Radio. Sie denkt, die Nachbarn würden vielleicht mitheulen, aber sie schämen sich. Einmal entdeckt sie Nägel vor der Wohnungstür. Zum Glück verletzt sich Kim nicht daran.

Sie sind jetzt ein Team – sie und Kim. Sie nennt sich sogar Luise Kim.

Was als scheinbar unnützes Hobby begann, wird zu Lebenserfahrung und Berufsorientierung und auch sehr gesundheitsförderlich. Früher ewig Kranke, spaziert sie jetzt dreimal täglich mit ihrem Hund. Im Sommer badet sie mit ihm im Fluss neben dem Haus, im Winter fährt sie auf dem tiefgefrorenen Fluss mit dem Schlitten. Sie wird zur Hundeexpertin, lernt viele Hunderassen kennen, besucht Hundeausstellungen und wird auch teilweise zur Tierärztin für ihren Hund. Hundezubehör gibt es kaum im Verkauf und sie wird selbst zur Näherin und näht Schlittenausrüstung aus alten Sesselriemen für ihn. Und selbst genähte Hundeleinen aus bunten Kofferriemen, die noch auf Regalen in Läden waren, verkauft sie erfolgreich im Pionierhaus in einem neu dort erschienenen Tierladen. „Woher hast du die Leinen her?“, fragt sie die Verkäuferin, die ihr die Leinen zum Verkauf abnimmt. Sie verrät ihr ihr Geheimnis aber nicht.

Sie träumt jetzt von fernen Ländern. In der 9. Klasse in der Berufsauswahlunterrricht antwortet sie, dass sie Tierärztin sein werde. Es ist aber nicht mehr ihr Traum. Sie war schon „Tierärztin“ für ihren Hund, sie hat ihn auch mehrmals erfolgreich behandelt. Sie möchte es nicht mehr werden und kann es nun verkünden. Aber ferne Länder erwähnt sie aus Sicherheitsgründen für ihre Träume nicht.

Sie kuschelt mit Adelberg und läuft weiter.

Einsamkeit ist die beste Erfindung, die es gibt. Nur dann kann man sich hundertprozentig auf sich selbst konzentrieren und genau entscheiden, was man wirklich möchte. Es ist eine Chance, die nicht jedem zur Verfügung steht. Und dazu sollte man Mut haben, wie ebenso Mut haben, eigene Träume zu verwirklichen. Trotz Stimmen, die sagen: „Du kannst es nicht!“, „Was hast du im Leben erreicht?“, „Du wirst damit nichts verdienen!“, oder „Du hättest einen deutschen Mann heiraten sollen!“ oder „Erst Deutsch lernen, dann literarisch schreiben!“, entfernt sie diese aus ihrem Kopf und läuft ihren Weg weiter. In ihrem Kosmos kreisen sich Adelberg und Kim wie  die Hunde Belka und Strelka,die  einst die Erde umkreisten.

„In der Einsamkeit und den Träumen liegt die Kraft“, wiederholt sie und schweigt in jeder Gruppe, um ihre Einsamkeit zu fühlen. Wenn sie sich so fühlt, dann ist sie auf dem richtigen Weg.





Mila Alieva(Liudmila Alieva)

geb.1976, seit 2008 in Berlin

Studium der Germanistik

schreibe Lyrik,Prosa und Musik.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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