Zeitenwechsel Raum

Harald Birgfeld für #kkl44 „Kosmos“




Zeitenwechsel,

Raum-, Zeitgedicht Nr. 3

Vor dem ersten Wechsel

in die andre Zeit

hattest du noch Argumente. 

Glaubhaft trugst du

unsren Namen

vor dir her.

Über deine Schulter

sahen wir dein Werk.

Du warst wie wir.

Doch die andre Zeit

war schneller,

maßlos war ihr Anspruch

auf Besitz an dir.

Du verlorst dich ganz

an sie.

Du erlerntest eine Sprache,

die war neu,

kalt das Für und Wider,

ohne zu verletzen.

Es trieb dich

auch nicht heim.

Nur, wenn dein Weg

Den unseren schnitt,

wurdest du uns greifbar.

Was wir hielten,

war ein Stück

aus der andren Zeit,

Weit, weit von uns,

neben oder hinter uns.

Wir warfen dir Verzweiflung

in dein Tun.

Als du,

für dich nach kurzen Augenblicken,

wieder zu uns kamst,

war unser Leben alt. 

Doch, freundlich

suchten wir dich einzuordnen.

Jäh wich deine Zeit uns aus. 

mit nichts warst du

mehr einzuholen.

Nur einmal noch

sahst du uns so

verlassend an.




Fremde Wesen,

Raum-, Zeitgedicht Nr. 5

Der Umgang mit fremden Wesen

wurde mich nie gelehrt.

Nicht nur, dass man nicht daran dachte,

schien er es auch nicht wert.

Die erste Begegnung würde nicht gleich die letzte sein,

warf man ein.

Auch musste die Fremdheit im fremden Wesen

nicht fremdartig sein,

vielleicht nur ungewohnt.

Ich war nicht vorbereitet.

So wunderte mich

eine Zeitlang nicht

die Begleitung dieser Art.

Merkwürdig, ich war wie im Trunk

und voller Begeisterung,

als ich auf sie traf.

Die Sprache, die wir anfangs hatten,

war wie gemeinsamer Schlaf,

Traumgleichheit unser Erleben.

Doch sie kam aus einer anderen Zeit,

das wurde ich schnell gewahr.

Sie lebte ohne Erinnerung

in den Tag.

Sie sagte oft, sie möchte

keine erlebten Geschichten,

die sie ohnehin

tatsächlich mit nichts verband.

Sie konnte meine Worte in einer Sprache einrichten,

die ich nicht verstand.

Oft schloss sie auf Dinge,

die waren nur schön

anzusehn,

so als bringe

sie farbiges Speiseeis

ohne jeden Geschmack.

Dann wieder überraschte ihr Tun:

Wie auf gläsernen Stelzen,

hilflos, zerbrechlich und beinahe fallend,

zerstreute sie Argwohn,

ließ Zweifel

mit einem Blick ihrer Augen

zerschmelzen.

Gefährlich wurde sie erst,

als ich sah,

dass ihr Handeln nach einem Muster geschah,

und sie sich auf meine Vorgaben berief.

So wie es verlief

war sie sogar im Recht.

Um sie zu schützen

nein, um mir zu nützen,

Sie mir willig zu neigen,

machte ich mir bald ihr Denken zu eigen.




Die einzige Gelegenheit

Raum-, Zeitgedicht Nr. 12

Er sah im Wechsel in eine andere Zeit

die einzige Gelegenheit

sein Leben, über sein Leben hinaus,

zu retten.

Seit langem rechnete er sich aus,

dass ein Zeitensprung

von zwanzig Jahren

enorme Vorteile habe.

Jedenfalls würden ihm

zwanzig Jahre Vorsprung

gewiss nicht fehlen.

Auch nahm er das Risiko in Kauf,

normaler Reiseverlauf

vorausgesetzt,

dass er in anderer Zeit

verbliebe.

Doch ließ er den Rechner

vorsichtigerweise auch

die Rückkehr seiner Reise

vorprogrammieren.

Von amtlicher Seite

war das alles erlaubt.

Nachdem er noch einmal den Abschied

bedacht,

hat der törichte Mensch

jenen Ausflug gemacht.

In der neuen Zeit

gab es kaum eine Angelegenheit

von Bedeutung.

Jedes Ereignis wurde durch

Zeitenvorschau abgeleitet. 

So kam er ohne Schaden

in unserer Zeit zurück,

mit seinem Zeitgewinn

von gut zwanzig Jahren

und einer Reisezeit,

in seiner Zeit,

von wenigen Tagen.

Nur eines hatte er dabei nicht erkannt,

dass von den irdischen zwanzig Jahren

für ihn nicht eine Stunde

und keine Sekunde geschehen waren.




Harald Birgfeld geb. 1938 in Rostock, lebt seit 2001 in BW, 79423 Heitersheim. Von Hause aus Dipl.-Ingenieur, befasst er sich seit 1980 mit Lyrik, Prosa und Malerei.

Veröffentlichungen erfolgten im Verlag:

„Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik. e.V.“ Leipzig, ISBN: 3-937264.

Weitere Veröffentlichungen auch in Druck und Herstellung bei BoD, Norderstedt.

Es erschienen mehr als 27 Gedichtbände, 2 Epen, mehrere Sachbücher.

Harald Birgfeld ist in über 40 Anthologien vertreten, z.B.

Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“, 82166 Gräfelfing/München,

„Ausgewählte Gedichte“:

2008, 2009, 2010, 2012, 2013, 2014, 2015, 2017, 2019, 2021.

Lorbeer Verlag, Bielefeld, 2017, 2019, 2020, 2021.

experimenta, Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Bingen, 2020.

Quintus-Verlag, Berlin, Ulrich Grasnick Lyrikpreis, 2022.

#kkl, Magazin und Initiative für Kunst, Kultur und Literatur 2022, 2023 (2x) und 2024(2x).

Geest-Verlag, “Poets of the New World”, 2024.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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