ANDERS SEIN

Oliver Fahn für #kkl44 „Kosmos“




ANDERS SEIN

In der frühesten Dämmerung lastete die Bettdecke mit dem Gewicht eines Planeten auf Leons Beinen. Jene Schwere kam ihm entgegen, denn es bereitete ihm grundsätzlich Schwierigkeiten, seinen Körper angemessen wahrzunehmen. Vielfältige Gedanken überlagerten sein physisches Empfinden. Unentwegt fluteten irgendwelche nur scheinbar belanglosen Überlegungen seinen Geist. Dadurch war er häufig verwirrt und die Außengrenzen seines Körpers wurden ihm dementsprechend vage.

Leons (immerzu aufgeschobenes) Vorhaben, diesen Zustand zu benennen, war mittlerweile so vordringlich, dass es unmittelbar mit dem ersten Augenaufschlag greifbar wurde. Leon schärfte sich ein, sein Anliegen müsse er unbedingt aktiv angehen. Lediglich auf diese Weise konnte er in seinem Sein verstanden werden.

Jene Präzisierung versetzte seine Glieder in eine wohlige Spannung. Leon vergegenwärtigte sich wieder und wieder seine Erkenntnis, weiterleben wie bisher wolle er nicht und könne er nicht.

Nachdem er sich elanvoll von der Matratze geschwungen hatte, meinte Leon, seine Seele bäume sich und vibriere. Dass er urplötzlich zu der Überzeugung gelangte, ein solches Etwas zu besitzen, verblüffte ihn. Jetzt, da er im Aufbruch begriffen war, schien alles möglich. Leon war wild entschlossen die Gitterstäbe seines Käfigs durch ein Geständnis zu durchbrechen.

Er hastete zur Kommode und kramte in einer bestimmten Schachtel. Darinnen lagerten neben amtlichen Urkunden auch Erinnerungsstücke und Tagebücher. Leon kramte ausgiebig. Jedes noch so kleine Blatt musste im Anschluss seiner Inspektion wieder im vorigen Winkel liegen.

Nach einiger Zeit entdeckte Leon das Dokument, von dem er sich seit Monaten scheute, es seinem Arbeitgeber vorzuzeigen. Nun aber gab es kein Zurück mehr.

Wer einer Randgruppe angehört, wird vermutlich Verständnis für andere Randgruppen haben, dachte Leon, während er seinen Wagen durch den dichten Berufsverkehr manövrierte. Sein Chef Herr Riedl hatte einst ein wenig angetrunken bei einem Betriebsfest seine Neigung durchblitzen lassen, indem er Leon nach einer unverfänglichen Unterhaltung die Mahnung seines Vaters ins Ohr flüsterte: Wenn sogar ein Rock Hudson seine Homosexualität kaschieren musste, warum solltest du sie dann ausleben?

Beflügelt von der Rückerinnerung an diesen Vertrauensvorschuss, suchte Leon zu Dienstbeginn Herrn Riedls Büro auf. Er legte die Bescheinigung auf den nierenförmigen Schreibtisch. Leon sagte nichts, er fügte nichts hinzu, schmückte nichts aus. Lesen konnte sein Chef bekanntlich selbst.

Nach einer kaum auszuhaltenden Weile beendete Herr Riedl die Stille: „Sie werden fortan die Unterstützung erhalten, die Ihnen zusteht. Dafür werde ich sorgen. Ich habe aufrichtigen Respekt vor Ihrem offenen Umgang mit der Diagnose.“

Als Leon bei der Verabschiedung im Türrahmen stand, bäumte sich in ihm eine unwiderstehliche Kraft. Verbindlich blickte er auf Herrn Riedl und machte ihm unmissverständlich klar: „Autismus ist für mich weder eine Krankheit noch eine Behinderung. Autismus ist nicht weniger als mein tatsächliches Geschlecht.“




 

Oliver Fahn wurde am 21. März 1980 im oberbayerischen Pfaffenhofen an der Ilm geboren. Unter anderem wurden seine Texte im Wiener Verlag, bei DUM, Poets of the New World, & Radieschen, Elysion Books, eXperimenta, etcetera, von der Stadt St. Pölten und der Friedrich-Naumann-Stiftung veröffentlicht. Der Kroggl Verlag wählte Fahn zum Autor des Monats März 2024.

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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