Jul – Weihnachten

Jens Hammer für #kkl44 „Kosmos“




Jul – Weihnachten

Als ich mit meiner Frau körperlich vereint war an diesem Morgen unseres gemeinsamen Tages und die stärkste Verbindung erfuhr, die ich in meinem Leben erinnern konnte, da verwunderte es mich. Denn an diesem anbrechenden Tag war ich fast gänzlich frei von Begehren und doch so tief vereint. Und da blitzte auf einmal etwas in mir auf, und ich erinnerte mich.

Lange bevor sich der Weg meiner Frau mit meinem verband, hatte ich mich mit einer Gefährtin in einer wundersamen, wunderbaren, aber oft auch schmerzerfüllten Welt befunden. Diese Welt war durchdrungen gewesen von allerfeinsten Empfindungen und allerkleinsten Botschaften und nuanciertesten Abstufungen von Entzücken und Schmerz. Diese Frau war unglaublich stark und ich oft furchtbar schwach. Sie war eine Gefährtin, doch für mich war sie meist mehr: manchmal meine Verführerin, dann wieder meine schmerzhaft unerwiderte Liebe und oft auch meine Mutter. Und ich war zu oft ihr Kind. Ich habe sie gehasst und geliebt. Ich konnte mich ihrer oft nicht erwehren, musste einiges über mich ergehen lassen und haderte manche Nacht wegen eines vermeintlich verfehlten Wortes. Ich war von ihrer Liebe abhängig. Ich musste bis ins Feinste spüren, analysieren und kreieren, um vor ihr zu bestehen und ihre Liebe nicht zu verlieren. Es war mein größtes Bestreben, stärker zu werden, um ihrer Liebe sicherer zu sein, und ein manches Mal berauschte ich mich im Heimlichen, um ihr besser standzuhalten. Über die Jahre wurde ich allmählich stärker. Doch ich erkannte auch immer deutlicher, dass dieses weibliche Wesen selbst ein verletztes Kind war, das in einem Frauenkörper wohnte. Als sich unsere Kräfte allmählich ausglichen, machte sie mich mit meiner jetzigen Frau bekannt, dann musste ich die eigentümliche Beziehung zu dieser Gefährtin zerschlagen.

Als ich an jenem Morgen über diese vergangene Beziehung nachdachte, wurde mir bewusst, dass auch ich und meine Frau schon in frühen Jahren sehr verletzt und verwundet worden waren. Mir wurde bewusst, dass mein lebenslanger Weg aus großer Schwäche, meine Verschmelzungsbereitschaft, meine Geistesoffenheit, mein Im-Feinsten-spüren-analysieren-und-kreieren-Müssen mich nicht nur viele Nuancen von Glück hatten erfahren lassen und gleichzeitig schlimmes Leid verursacht hatten, sondern mich auch geschult und gestärkt hatten. Als ich über diese meine Gaben und doch auch Bürden nachdachte, die in manchen Zeiten meines Lebens von bestimmten Autoritäten als Fehler betrachtet worden waren, sah ich meine Frau an. Auch sie hatte die Gabe, sich bis ins Feinste mit der Welt zu verbinden, mit einem See, mit den Wolken, mit kleinsten Pflanzen, den Tieren, den Menschen. Manchmal litt sie jedoch in beängstigender Weise mit den in der Hitze vertrocknenden Gräsern, den verdorrten Pflanzen, den ausgetrockneten Tümpeln, den Tauben, denen nachgejagt wurde, weinenden Kindern. Als mir diese Gemeinsamkeit zwischen uns bewusst wurde, überkam mich eine Einsicht: Scheinbar, so dachte ich, erklärte ich meiner Frau die ganze Welt, in der ich so viel Verrücktes, Buntes, Leidvolles erlebt hatte, war ich doch der Ältere von uns beiden und scheinbar lebenserfahrener. Doch je mehr ich zu ihr sprach umso mehr erkannt eigentlich ich. Und auf einmal hatte ich den wunderbaren und faszinierenden Gedanken, dass sich mir in meiner Frau letztendlich die ganze Weisheit des Universums erklärte und dass wir grundsätzlich alles voneinander wussten. Ich erkannte, dass in jedem Wesen potenziell alle Weisheit des Universums zu finden ist. Ich erkannte, dass es keinen Verrückten, keine senile Alte, kein dummes Kind gibt, weil jedes Wesen grundsätzlich offen ist für alle Weisheit. Das Einzige, was uns unterscheidet, ist der Zugang, den wir zu dieser Allweisheit haben.

Diese erste spirituelle Einsicht meines Lebens veränderte mich wie kein anderes Erlebnis je zuvor. Es geschah etwas mit mir. Und plötzlich entrückte es mich in einer gewaltigen erhellenden Explosion. Es überkam mich in jedem Augenblick mehr Einsicht als ich in meinem ganzen bisherigen Leben erfahren hatte, ich erhielt so überwältigende und kraftvollste Einblicke, es eröffneten sich mir so unvorstellbare Dimensionen und Möglichkeiten des Geistes, es wurden mir unglaubliche Ansichten angerissen und ich bekam für Momente Einsicht in größte Zusammenhänge, wo mich früher schon ein winzigster Bruchteil von dieser gefesselt hätte und ich in langwierigen Analysen bis ins kleinste Detail daran gehaftet wäre. Doch meine plötzliche Geistesoffenheit war zu überwältigend, als dass ich viel an Einsicht hätte festhalten können und gleichzeitig war ich mir die ganze Zeit gewiss, dass meine Einblicke auch nur ein kleines Erhaschen von Einsicht in die unbegrenzten Möglichkeiten des Geistes waren, der meinen Körper zu brauchen, aber gleichzeitig grenzenlos und unabhängig zu sein schien.

Doch eine gewonnene Einsicht wirkte weiter. Mein Gefühl der Verantwortung für die Welt begann sich allmählich auszudehnen und bezog immer mehr Wesen in immer weiterer Entfernung ein. Mein Gewissen wog immer schwerer. Und dann, ganz plötzlich, entrückte es mich ein letztes Mal, und ich trug für einen Moment die Verantwortung für das gesamte Universum ganz allein mit unvorstellbarer Kraft und alles überwältigender Energie in mir. Gleichzeitig war ich in diesem Augenblick zum ersten Mal in meinem Leben völlig allein. Die schreckliche Schwere dieser Verantwortung war nur einen Moment lang aushaltbar, schon im nächsten Augenblick fiel ich in mich zurück, nur noch für mich selbst Verantwortung tragend, furchtbar einsam und zutiefst nach Sicherheit und Liebe verlangend, in der Erkenntnis verbleibend: dass jedes Wesen im Grunde Verantwortung trägt für alles und alle Wesen im Universum.

Doch dann wichen Erschöpfung und Entkräftung allmählich zurück, Frieden und Glückseligkeit stellten sich ein. War es nicht genau diese Erkenntnis, die ich mir immer herbeigesehnt und in so vielen Begegnungen und Erlebnissen, an so vielen Orten manchmal geradezu verzweifelt gesucht hatte? Die Erkenntnis: dass der Glaube an die verächtliche und manchmal so zerstörerische Nichtigkeit eine Täuschung ist?

Ich erinnerte mich: Schon einmal war ich in einer Vorahnung von Verantwortlichkeit für die Welt aufgebrochen, hatte alles hinter mir gelassen und wachend Tage und Nächte in Wäldern verweilt, ringend um die Linderung des so unvorstellbar großen Leids der Wesen, und mir in Kälte bei Hunger und Durst, die Zehen erfroren. Vier Tage, scheinbar allein mit vier Wünschen: Nahrung, Schutz, Zuneigung und Linderung des Schmerzes. Am Ende meiner Kräfte sah ich, dass ich auf mich allein gestellt noch nicht bereit war und mich selbst retten musste. Ich suchte um Hilfe und rief nach dem umherstreunenden Hund, der mich unter einem Baum kauernd fand. Und hatte nicht auch dieser Hund, der mich am Heiligabend aufspürte, in mir das ganze Universum gerettet? Und war in den Wäldern nicht auch ein Stück Verlangen nach Bestätigung und Haften am Leben zurückgeblieben? In den darauffolgenden quälenden Monaten, in denen mir ein Zeh abstarb, waren Illusionen unter Schmerzen gestorben, bis mir meine Inspiration aus der Zeit in den Wäldern schließlich wieder vollkommen klar erschien:

Der See

Es war einmal ein See. Wenn sich die Sonne in ihm spiegelte und sein Wasser glitzerte, dachte der See: „Ich bin so schön.“ Doch im nächsten Moment wurde er traurig, er fragte sich: „Warum kommen keine Tiere zu mir, um aus mir zu trinken?“ Und er fühlte sich furchtbar einsam.

Und der See fragte die Sonne: „Ich bin doch so schön, aber warum kommen keine Tiere zu mir, um aus mir zu trinken?“

„Weißt du“, antwortete die Sonne, „die Tiere würden gerne kommen, aber sie haben Angst vor deinen Strudeln. Und wenn der Wind bläst, fürchten sie sich vor den wilden Wellen. Sie haben Angst, dass die Strudel und Wellen sie erfassen und mitreißen.“

„Was kann ich tun?“, fragte der See.

Die Sonne antwortete: „Du musst dich mit dem Wind versöhnen, dann werden sich auch deine Wellen legen. Und du musst dich liebevoll um deine Strudel kümmern, damit sie zur Ruhe kommen. Du wirst merken, wenn sich deine Wogen langsam glätten und sich die Strudel beruhigen, werden die Tiere allmählich kommen und zutraulicher werden. Sie werden aus dir trinken, ihren Durst stillen und Kraft sammeln. Sie werden immer öfter kommen und es werden immer neue dazustoßen. Und wenn du ganz zur Ruhe gekommen bist, können die Tiere in dir ihr Spiegelbild sehen, ihre Schönheit erkennen und du wirst nie mehr einsam sein.“

In meiner Erinnerung reiste ich noch weiter zurück– bis zu dem Tag, an dem sich der Weg meiner Frau zum ersten Mal für einige Momente mit meinem verbunden hatte. Zum ersten Mal hatte ich in einem Wesen für einen kurzen Augenblick etwas aufblitzen sehen. Sie war die erste Frau, um die ich mich ernsthaft bemüht hatte. Und wieder wurden mir unsere beinahe unglaublichen Gemeinsamkeiten bewusst, und nun war ich sicher, dass es kein Zufall war, dass unsere Wege sich getroffen hatten. Denn noch bevor wir uns begegnet waren, hatte meine Frau mit ihrer so großen Gabe der Verbindung, mit ihrem großen Mitfühlen, aber auch Mitleiden mit allen Wesen die Verantwortung für das ganze Universum für einige Momente ganz allein auf sich genommen. Auch sie war, auf sich allein gestellt, noch nicht stark genug gewesen und war gesprungen. Aber ihr Sprung, bei dem sie sich in dem Versuch, die Wesen zu erlösen, die Füße zerschmettert hatte, war nicht vergebens gewesen, denn dank ihrer Herzenskraft konnte ich mich von einem Leben in zerstörerischer Berauschungssucht und der Überzeugung meines Falschseins befreien. Und hatte meine Frau in mir letztendlich nicht auch das ganze Universum gerettet? Und war unser erstes Zusammentreffen wirklich unsere erste Begegnung gewesen, oder waren wir nicht schon immer miteinander verbunden gewesen? Mit meiner Frau war auch ihr Sohn, benannt nach dem Propheten der Geduld, in mein Leben getreten. War nicht auch er schon immer mit mir verbunden gewesen? Hatte er nicht schon mein ganzes Leben lang auf mich gewartet, mit sanfter Geduld immer wieder an meiner Seite gestanden, mich nicht aufgegeben in meinem Ringen um Selbstliebe und in meinem Kampf gegen die oft alles vernichtende Scham?

Als sich der Tag dem Ende zuneigte, sah ich meine Frau an. Wir beide hatten scheinbar unabhängig voneinander unsere Füße hingegeben bei dem Versuch, den fühlenden Wesen ihr Leid zu nehmen, und hatten in diesem Universum der offenbar unbegrenzten Möglichkeiten  zueinandergefunden. In diesem Bewusstsein zogen all die Fragen und Einsichten des Tages noch einmal durch mich hindurch. Da begann sich mir ein unbeschreibliches Universum der Sinnhaftigkeit und Verbundenheit zu öffnen. Ich offenbarte mich meiner Frau, obwohl ich Angst hatte, sie würde mich für verrückt erklären oder sie könnte von meiner Erkenntnis überwältigt werden. Ich schaute ihr in die Augen, tief berührt, und sah mein Spiegelbild winzig klein in ihnen glänzen. Da war ich mir gewiss: Meine Frau ist ein besonderes Wesen, das zu mir fand, damit mir eine Neugeburt in einem wundersamen Universum geschenkt werde. Darin befinden wir uns, gemeinsam und vereint mit allen Wesen auf einer abenteuerlichen Herzensreise durch die mannigfaltigen Spielfelder der Welt. Aus der Vollkommenheit kommend, zu ihr findend, immer schon da. In überströmender verschmelzender Liebe erfuhr ich:

Alle Wesen sind eins.

Jule, „die Fröhliche, die Göttliche“ + Jens, „Gott ist gnädig“




Jens Hammer, Jahrgang 1982. Lebenskünstler.

Bereits in der Jugend auf eine schmerzhafte schiefe Bahn geraten.

Einige sahen mich als verloren an, ich irgendwann auch.

Mit 40 Jahren wurde ich neugeboren. Mit 40 hat mein Leben begonnen und es ist wunderbar, wundervoll, leicht. 

Seitdem Verfasser von kleinen Schreibkunststücken.

Mit 40 Jahren wurde ich wiedergeboren. Ich bin zwar noch Jens und Mann aber ich bin gleichzeitig auch Pipi Langstrumpf geworden.

Denn seitdem und weil ich glücklich bin, gilt: 

Ich mache mir, uns die Welt, wie sie mir, uns gefällt!






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar