Entgleisungen

Anne Jansen für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“




Entgleisungen


Die Frau starrt aus dem Fenster in die Nacht. Die Dunkelheit sickert durch die Glasscheibe und bedrängt ihr Spiegelbild.

Sie hört die Veränderung, ehe sie sie sieht. Ein fernes Grollen erfüllt das Zimmer. Als der Raum zu beben beginnt und der Zug durch ihre Stirn rast, verkrampft sich ihr Körper.

Nach wenigen Augenblicken hat sie ihre Fassung zurückgewonnen. Sie blickt wieder regungslos ihr Spiegelbild an. Sie wartet darauf, dass erneut eine Eisenbahn ihre Stirn zerfetzt. Es wird immer wieder passieren.

Es passiert, seit sie ein Kind gewesen ist. Damals ist einer gekommen. Die Nacht hat sie niemals beschützt. Das Bett war zu ihrem Feind geworden. Einer war durch sie hindurch gerast. Er war immer wieder gekommen, so verlässlich wie die Züge, die über die Gleise sprengen. Die Narben befinden sich nicht auf der Haut, sondern im Gehirn. Sie weiß, dass sie eine Versehrte ist. Sie verlässt den Raum. Hinter ihr zerfetzt ein Express ihren Rücken.

Heike zerrt an ihrem Rucksack. Draußen ziehen die ersten Häuser der Stadt vorbei. Sie spürt, wie die Fahrt sich verlangsamt. Das Mädchen sackt samt ihrem Rucksack auf den Polstern zusammen. Die Nervosität trommelt gegen ihre Schläfen. Sie schlägt die Hände vor das Gesicht und atmet tief durch. Macht sie gerade einen Fehler? Ach was, es ist nur die Müdigkeit, die ihr zusetzt. Heike strafft sich. Sie nimmt ihr Gepäck und verlässt das Abteil.

Als die Bremsen quietschen und der Zug hält, ist von ihrer Unschlüssigkeit nichts mehr zu spüren. Sie ist sich sicher, das Richtige zu tun. Mit sechzehn hat man das Recht der Welt Fragen zu stellen. Man hat das Recht Antworten zu bekommen und jeder Mensch hat die Pflicht seine Wurzeln zu kennen.

Mit dem Wissen, ein Adoptivkind zu sein, ist Heike aufgewachsen. Breits wenige Tage nach ihrer Geburt wurde sie von Annegret und Hans Stein aufgenommen. Lange Zeit glaubte sie Annegret, die behauptete, dass Heike sich selbst ihre Eltern ausgesucht habe.

„Du hast uns angelacht! Ich weiß es noch wie heute. Du wolltest zu uns.”

Doch inzwischen nagt es an Heike ein verlassenes Kind zu sein, verschmäht von den leiblichen Eltern.

Heike suchte die Adoptionsvermittlungstelle auf. Hier erfuhr sie Einzelheiten über ihre Herkunft. Sie erfuhr, dass ihre Mutter zwölf gewesen war, als sie von Heike entbunden wurde. Sie erfuhr, dass der Vater von amtlicher Seite mit unbekannt angegeben war, und sie erfuhr, dass die Mutter der offiziellen Abtrittserklärung handschriftlich einen Beisatz zugefügt hatte. Es war ein Satz in runder Kinderschrift geschrieben. Die einzelnen Buchstaben wirkten wie gemalt:

Ich möchte niemals Kontakt zu diesem Kind.

Die Adresse zu bekommen, war nicht einfach gewesen. Ihre leibliche Mutter hatte inzwischen ihren Mädchennamen abgelegt. Aus Schöller war Strehlitz geworden. Susanne Strehlitz, achtundzwanzig Jahre und verheiratet, wohnhaft in Bonn, Kaiserstraße 41.

Nun ist Heike kurz vor dem Ziel. Sie kauft sieben Fernsehzeitschriften und macht sich auf den Weg. Die Kaiserstraße verläuft parallel zu den Bahngleisen. In wenigen Minuten hat sie das Mehrfamilienhaus erreicht.

Nachdem Heike die Klingel drückt hat, übertönt das Rauschen eines einfahrenden Zuges das Summen des Türöffners. Im letzten Moment stemmt sie sich gegen die Tür und prallt fast mit Susanne Strehlitz zusammen.

„Sie wünschen bitte?“

Heike kann es nicht verhindern, dass sie die Frau hemmungslos anstarrt. Sie hatte sich immer vorgestellt, dass ihre Mutter genau so aussehen würde wie sie selbst. Dass sie irgendwann ihrem Zwilling gegenüberstehen würde, ein wenig älter vielleicht, aber so frappierend ähnlich, dass sie sich bei ihrer ersten Begegnung weinend in die Arme fallen würden. Die Frau, die vor ihr steht, sieht nicht so aus wie sie. Sie ist eine Fremde. Heike reißt sich zusammen.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich komme wegen einer Umfrage. Als kleines Dankeschön für Ihre Mühe dürfen Sie sich eine Fernsehzeitung aussuchen.” Heike öffnet ihre Umhängetasche, um Susanne Strehlitz einen Blick hinein werfen zu lassen. Doch die Frau beachtet die Tasche nicht.  Sie starrt ihrerseits Heike wortlos ins Gesicht und allmählich geht eine deutliche Veränderung mit Susanne Strehlitz vor sich. Sie wird blass, ihre Schultern sackten zusammen und ihr Blick wird eisig.

„In einer Stunde am Bahnhof!”, zischt sie und schlägt Heike die Tür vor der Nase zu.

Das Mädchen macht auf dem Absatz kehrt und flieht auf die Straße. Sie hat mich erkannt, denkt sie. Sie hasst mich. Heike fröstelt.

Als Susanne Strehlitz eine Stunde später die Glastür der Schalterhalle aufstößt, erschreckt Heike vor ihrem gehetzten Blick. Der Anflug von Mitleid erlischt jedoch bereits bei den ersten Worten, die ihre Mutter an sie richtet.

„Was hast du dir dabei gedacht? Einfach hier aufzukreuzen ist eine Unverschämtheit. Was willst du von mir? Ich habe nichts mit dir zu schaffen. Verschwinde!”

Heike prallt angesichts der geballten Aggression zurück. Sie fasst sich jedoch schnell und schießt nicht minder giftig zurück:

„Du hast vor über sechzehn Jahre deine Beine breit gemacht. Ich hatte angenommen, dass du wenigstens heute deine Arme öffnest.”

Susanne Strehlitz packt das Mädchen impulsiv am Arm und zieht sie beiseite, während sie hastige Blicke durch den Raum schweifen läßt.

„Sprich leise, verdammt noch mal! Mich kennt man hier.“

„Ich möchte dich auf keinen Fall kompromittieren.“ Heike lächelt gehässig. „Und ich will mich nicht aufdrängen. Sag mir den Namen von meinem Vater und dann bist du mich los.“

„Dein Vater?“, wiederholt Susanne verständnislos.

„Mein Erzeuger. Der Samenspender. Oder kommen so viele in Frage, dass du dich nicht entscheiden kannst?“

Der Hieb scheint gesessen zu haben. Das Gesicht von Susanne Strehlitz verschließt sich:

„Manchmal ist es besser nicht an den Dingen zu rühren, in deinem Interesse.“

„In meinem Interesse?“ Heike lacht höhnisch. „Mein Interesse hat dich sechzehn Jahre nicht gekümmert. Und dein Interesse schert mich nicht. Nenn mir den Namen, und wir sehen uns nie wieder!“

 „Wie du meinst.“ Susanne Strehlitz Stimme ist kalt. „Ich denke mein Vater kann dir weiterhelfen. Fritz Schöller, hier am Ort, im Altenheim Tannenbusch.“

Mit diesen Worten wendet sich Susanne Strehlitz um und geht. Heike sieht ihr nach. Es ist vorbei. Sie würden sich nie wieder sehen. Das Mädchen fühlt sich niedergeschlagen. Wie eigenartig, dass die Frau auf ihren eigenen Vater verweist. Wahrscheinlich ist der Alte der Einzige, der von ihrer Existenz weiß. Aber ein Großvater ist besser als nichts, denkt Heike und beschließt dieser Spur zu folgen.

Die Altenpflegerin ist gesprächig.

„Da wird sich der Herr Schöller aber freuen. Der arme, alte Mann kriegt nie Besuch. Dabei wohnt seine einzige Tochter hier. Er liebt sie so sehr. Jeden Tag erzählt er von ihr. Susie am Morgen, Susie am Abend.“

Heike erklimmt mit ihrer schwatzenden Begleitung ein endloses Treppenhaus und wird dann in einen kleinen, stickigen Raum geschoben.

„Hallöchen, Herr Schöller, Besuch für Sie! Da freuen wir uns aber.“

Damit schließt sich die Tür hinter Heike. Der Raum ist mit wuchtigen Möbeln zugestellt. Sie entdeckt den kahlen Hinterkopf des Rollstuhlfahrers erst recht spät. Er steht in einem Winkel des Zimmers mit Blickrichtung zum Fenster. Die sitzende Gestalt rührt sich nicht. Heike nähert sich ihm vorsichtig. Sie geht vor ihm in die Hocke: „Guten Tag, ich bin Heike. Ich bin die Tochter von Susanne.“

Der Mann hebt seinen Kopf. Heike sieht in seine Augen. In ihnen flackert Erkennen.

„Ich habe gewusst, dass du kommst, mein Kind. Ich habe lange auf dich gewartet.“

Heike fühlt sich wie befreit. Das ist ein anderer Empfang, als bei ihrer Mutter. Hier hat jemand auf sie gewartet. Für ihren Großvater ist sie nicht unzumutbar. Spontan greift sie nach den Händen, die bewegungslos auf seinem Schoß liegen. Als hätte der alte Mann nur auf diese Berührung gewartet, fasst er zu. Er drückt Heikes Hand mit einer Kraft, die sie bei dieser zerbrechlich wirkenden Gestalt nicht für möglich gehalten hätte.

„Du bist ein gutes Kind“, sagt Fritz Schöller und seine Augen füllen sich mit Tränen. „Du bist mein Ein und Alles. Es tut mir so leid, dass ich dich wegschicken musste. Aber der dicke Bauch. Es ging nicht anders.“

Heike schluckt. Die Enttäuschung schmeckt bitter. Der alte Mann verwechselt sie mit ihrer Mutter. Er ist total verwirrt. Das Mädchen versucht vergeblich ihre Hände aus der Umklammerung zu lösen. Er hält sie wie ein Schraubstock. Sie muss sich mit Schwung aufrichten, um sich zu befreien.

„Ich bin nicht Susanne. Ich bin Susannes Tochter.“ Heike fühlt sich auf einmal unendlich erschöpft. Sie will nur noch nach Hause. Sie will diesen Tag aus ihrem Leben streichen. Heike bewegt sich rückwärts zur Tür.

„Ich muss jetzt gehen. Aber ich komme irgendwann wieder und dann unterhalten wir uns länger.“

„Du darfst mich nicht verlassen!“ Fritz Schöller betätigt einen Schalter an seinem Rollstuhl. Es summt und der Rollstuhl bewegt sich auf das Mädchen zu. Heike beginnt die Situation peinlich zu werden.

„Herr Schöller, ich komme sie bestimmt wieder besuchen. Aber jetzt habe ich einfach keine Zeit mehr.“ Sie wendet sich um und ist mit wenigen Schritten an der Tür. Sie marschiert so schnell durch den Korridor, wie ihre Würde es zulässt, aber das Summen des Rollstuhls folgt ihr. Endlich hat sie die Treppe erreicht. Sie springt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, abwärts. Plötzlich wird sich Heike der Absurdität ihrer Flucht bewusst. Das Mädchen bleibt stehen und schaut sich um. Oben am Treppenabsatz steht der Rollstuhl. Die mitleiderregende Gestalt ist allerdings verschwunden. Fritz Schöller hat sich in seinem Gefährt aufgerichtet und den einen Arm zu einer Drohgebärde erhoben:

„Du entwischst mir nicht noch einmal, du kleines Luder. Mit dem Balg im Bauch hattest du mich in der Hand. Aber das ist jetzt vorbei. Du hast zu spuren, sonst komme ich über dich! Du weißt, was das bedeutet.“

Heike starrt ihn an. Alle Farbe ist aus ihrem Gesicht gewichen. Nur ganz langsam sickert die Bedeutung seiner Worte in ihr Bewusstsein. Konnte das sein? Vater und Großvater? Sie steht immer noch wie unbeweglich, als der Rollstuhl zurückweicht. Dann wird das Summen plötzlich wieder lauter. Wie gebannt starrt Heike nach oben. Sie sieht nichts, sie hört nur. Plötzlich hat sie das Gefühl, dass das Summen zu einem Dröhnen anschwillt. Sie hat das Gefühl, als ob sich ihr ein Zug nähert. Gnadenlos. Unbeirrbar. Als wolle ein tonnenschweres Eisenungetüm sie zermalmen. Heike rührt sich nicht.




Anne Jansen

Geboren 1960/ wohnhaft im Rheingau/ bis 2023 im Schuldienst tätig

2002 Gewinnerin des Kurzkrimipreises von Buch Habel Wiesbaden

2003 Veröffentlichung des Textes „Der fliegende Holländer“; Festspielnachrichten, Bayreuth 2003; Ellwanger Verlag

2004 Gewinnerin des Kurzkrimipreises des Autorenkreises Little Pen; Reutlingen

2005 nominiert für den deutschen Kurzkrimipreis: Tatort Eifel

2023 Gewinnerin der Kategorie „Literarischer Text“ in einer Ausschreibung der Stadt Wiesbaden zum Thema: „Meine Walhalla-Geschichte“

Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Kurzkrimis in verschiedenen Anthologien






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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