Erinnerungsspiele

Dr. Volkmar Klundt für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“




Erinnerungsspiele

Mia war schon groß. Jedenfalls sagten das alle, wenn sie etwas tun sollte. Jetzt sollte sie möglichst nicht im Weg sein. Sie wurde bald fünf. Nächste Woche. Und ihr war langweilig. Und es herrschte eine ziemliche Unruhe. Die Erwachsenen stopften Sachen in Kartons, riefen sich zu, wie man dieses oder jenes machen wollte, was sie wichtig oder nicht so wichtig fanden, und rannten hierhin und dorthin. Wie die Hühner, wenn es Futter gab. Was Mia möglichst nie verpasste. Weil es witzig war. Manchmal schienen sie zu streiten, die Erwachsenen. Die Hühner auch. Zwei Koffer standen schon gepackt im Flur. Mama sagte, morgen wollten sie verreisen. Ganz früh. Mia setzte sich in eine Ecke, steckte, was sie manchmal noch machte, wenn sie nachdenken wollte oder sie etwas beunruhigte, den Daumen in den Mund und betrachtete Kasimir, ihren Bären. Dann stand sie auf und setzte Kasimir zur Seite. Der Bär fiel auf die Nase, aber das war jetzt nicht so wichtig. Sie öffnete den Kühlschrank, balancierte die Flasche mit dem Saft auf den Küchentisch, rückte einen Stuhl zurecht, kletterte hinauf und holte sich ein Glas aus dem Schrank. Mama kam, nahm ihr das Glas ab, bevor etwas passieren konnte, und füllte es mit Saft. Mia nahm auf dem Küchenstuhl Platz und trank einen großen Schluck.

„Mir ist langweilig. Spielst du mit mir?“

„Na gut“, sagte Mama, „wir spielen `Ich packe meinen Koffer und nehme mit…´“

„Das ist blöd“, sagte Mia, „und langweilig.“

„Nein“, sagte Mama, „das ist ganz bestimmt nicht langweilig. Also, du fängst an.“

„Na gut“, sagte Mia. Besser das als gar nichts. „Ich packe meinen Koffer und nehme mit… meinen Kasimir. Jetzt du.“

„Ich packe meinen Koffer und nehme mit“, die Mama zögerte einen Moment, „Mias Teddy und die Pässe.“

„Wieso Pässe“, fragte Mia.

„Ist doch klar“, sagte Mama, „wenn man verreist, braucht man Pässe, sonst kommt man nicht in ein anderes Land.“

„Okay“, sagte Mia. Langsam kam sie in Fahrt. „Ich packe meinen Koffer und nehme mit… Kasimir, die Pässe und…

meine Puppe.“

„Hm“, Mama schien nicht ganz zufrieden, „das sind ja schon zwei Kuschelchen. Willst du nicht lieber ein Buch mitnehmen?“

„So geht das Spiel nicht“, sagte Mia, „ich kann mitnehmen, was ich will. Dann nehme ich die Bücher eben das nächste Mal mit.“

„Ein Buch“, sagte Mama. „Ich packe meinen Koffer und nehme mit… Mias Teddy, die Pässe, Mias Puppe und den Ordner mit den Zeugnissen.“

„Du bist komisch“, sagte Mia. „Ich packe meinen Koffer und nehme mit, meinen Teddy, die Pässe, meine Puppe, den komischen Ordner und… mein Fahrrad.“

„Nein“, sagte Mama, „nicht das Fahrrad, das ist zu groß. Nimm was Anderes mit.“

„Aber so sind die Regeln“, Mia war sauer.

„Die Regeln sind jetzt anders“, sagte Mama, „du wolltest doch ein Buch mitnehmen.“

„Okay“, sagte Mia missmutig, „also ich nehme mit meinen Kasimir….“ Sie zögert. „Die Pässe“, half Mama weiter. „Ach ja, also, die Pässe, meine Puppe, den komischen Ordner und ein Buch.“

„Ich packe meinen Koffer“, sagte Mama, „und nehme mit… Mias Teddy, die Puppe, den Ordner, ein Buch und meinen Schmuck.“

„Du nimmst vielleicht komische Sachen mit“, sagte Mia

„Vielleicht solltest du auch deine Winterjacke mitnehmen“, sagte Mama, wischte sich die Tränen weg und lächelte, als sei gar nichts gewesen. Dann hatte Mia eine Idee: „Warte.“ Sie rannte Richtung Keller und öffnete die Tür. „Nicht so schnell Mia.“ „Ich pass auf“; rief Mia zurück. „Wir spielen gleich weiter“, rief ihr die Mutter noch hinterher, „ich helfe Papa nur, die Sachen rauszutragen.“ Einen Wimpernschlag später blähte unbegreifliches Heulen und Krachen die Welt vollständig auf, schüttelte sie mit zorniger Faust, ließ sie platzen und verteilte die Wirklichkeit in der Umgebung.

Der Staub zog sich zurück wie ein Vorhang. Wie bei einem Puppenhaus lag das Innere nun schutzlos, entblößt und nackt da und gewährte den neugierigen Blick auf Kacheln, Spültresen und den umgeworfenen Kühlschrank mit der halboffenen Tür, aus dem die Lebensmittel hervorquollen wie Gedärm. Ringsherum verstreut, lagen nun gänzlich nutzlos gewordene Dinge des täglichen Bedarfs als Zeugen einer unbeschwerten Vergangenheit. Indem sie so umso deutlicher den erfolgten Einschnitt hervorhoben, behielten sie doch noch eine gewisse Bedeutung.

Das Haus war in einer Weise getroffen, dass ein großer Teil der Außenwand einfach weggesprengt und der Rest so in sich zusammengerutscht war, dass er das Kind nicht nur getötet hatte, sondern es auch noch in der Tiefe gefangen hielt, als gehörte es dorthin. Reste eines Gitterbettes hatten sich in einer Art und Weise verkeilt, dass es Diesseits und Jenseits trennte, so dass die kleine Hand, die die Frau nun festhielt, als wollte sie sie nie wieder loslassen, herausragte. Den schattenhaften Rest des kleinen Körpers konnte man im Zwielicht der Ruine nur erahnen und jeder Versuch, das Gitter zu beseitigen und den Körper herauszuziehen, musste zu einem Nachrutschen der Trümmer führen. Ohnehin ließ sich das Gitter, so fest man auch daran zog, nicht bewegen. Davon abgesehen: Die Kleine war bereits tot. Das sah man. Das spürte man. Irgendjemand hatte das so vorgesehen.

Der Mann, in Arbeitshosen und eine alte Cordjacke gekleidet, umfasste die Schultern der Frau und hatte den Kopf auf ihren Rücken gelegt.

Darum herum standen, inmitten der Trümmer, in scheinbar hilfloser Anteilnahme die restlichen Dorfbewohner.

Ein oder zwei Schritte dahinter konnte man Kasimir sehen, der in einer Pfütze vor dem Auto lag.




Dr. Volkmar Klundt

Dr. Volkmar Klundt, geboren am 10.01.1957, lebt nördlich von Hannover. Er ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.

Nach dem Abitur studierte er 1977 kurze Zeit Germanistik und Soziologie in Marburg, beendete aber das Studium bereits nach kurzer Zeit.

Nachdem er einige Zeit als Rettungssanitäter und Taxifahrer tätig war, begann er 1982 mit dem Studium der Humanmedizin.

Nach dem Studium der Medizin und der darauffolgenden langjährigen Tätigkeit als Anästhesist in verschiedenen Kliniken befindet er sich nunmehr im Ruhestand.

Bisherige Veröffentlichungen:

„Am Depot ist Endstation“, Kurzgeschichte Radio Bremen, c.a. 1979

„Begräbnis für zwei“, Glosse, Pardon 11/81

„Der Versuch“, Erzählung, Fantasia 1108e

„Zwischen zwei Gedichten“, Gedichte, Fantasia 1112e

„Nicht öffnen“, Erzählung, Fantasia 1115e

„Gestern, Jetzt und Irgendwann“, Gedicht, Fantasia 1138e

„Das Lied der Amsel“, Gedicht, Fantasia 1142e

„Übergang“, Gedicht, Fantasia 1146e






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar