Gsälz

Ursula Gangl für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“




Gsälz

Im Hof ist alles unverändert – seit heute Morgen, als sie zur Schule ging. Das Küchenfenster ist gekippt, der Vorhang, halb zugezogen. Hören kann sie nichts. Es türmen sich Bretter, Kisten, Flaschen, Werkzeug, Körbe, alte Möbel. Kuh- und Schweinestall unbewohnt und angefüllt mit Schrott. Das Scheunentor steht halboffen, weil das Scharnier herausgebrochen ist. Das Heu so trocken, das es in sich zusammenfällt und durch die Bretter rieselt. Es ist schon lange her, dass die Katze darin gespielt hat. Davor der Deutz Traktor von 1950, grün, da wo er nicht rostet. Wer sollte ihn auch woanders hingebracht haben? Nur die zum Quadrat gefaltete Wolldecke auf dem Sitz verrottet jeden Tag ein wenig mehr. Kein Wunder. Sie lebt ja. Mal ist sie hochgeklettert und hat Hunderte von Mottenlarven aufgeschreckt als sie ein Ende hochhob.

Sie durchquert den Hof. Der Müll neben der Haustür quillt noch immer über. Mutter hat ihn doch rechtzeitig rausgestellt. Hat ihn die Müllabfuhr nicht abgeholt? Es ist doch Dienstag. Kommen die jetzt etwa an einem anderen Wochentag? Wenn Mutter eins richtig macht, dann ist es Termine und Regeln einhalten. Fünf Mal am Tag den Rosenkranz beten. Sonntags früh in die Messe und abends nochmal. Am Mittwoch Frauenkreis. Samstags und sonntags wird niemals gewaschen, auch nicht die Wäsche auf der Leine gelassen. Freitags gibt es grundsätzlich kein Fleisch. Eigentlich gibt es nie Fleisch. Alle vierzehn Tage werden die Betten frisch bezogen. Samstags wird gebadet und Haare gewaschen. Und das gesamte Haus geputzt. Das heißt sie hat das Haus zu putzen. Und zwar direkt nach dem Frühstück um sechs Uhr.

Frühstück, das ist, wenn sie Glück hat, eine Tasse Milch, sonst heißes Wasser, selten Malzkaffee und eine Scheibe Graubrot mit Butter und Gsälz. Wenn es Gsälz gibt. Das gibt es, wenn sie Erdbeeren im Juni, Brombeeren und Himbeeren im Juli und Birnen und Äpfel im August pflückt, putzt, zerkleinert, mit Zucker und Pektin aufkocht und in Gläser füllt und auch nur dann, wenn Mutter neue gekauft hat. Und wenn Vater nicht wieder in den Keller geht und sie allesamt auf dem Boden zerschmettert, weil er denkt, man wolle ihn vergiften. Eine solche Zerstörung kann Stunden dauern, und Mutter schließt sämtliche Fenster und Türen. Vater hat auch schon das gesamte Regal umgeworfen, ohne zuvor die Gläser einzeln heraus zu holen, dafür im Hof umso länger herumgeschrien und jeden Stein umgedreht, weil er glaubte, jemand habe sich versteckt, um ihm aufzulauern und gegen die platten Reifen vom Traktor getreten und sich dabei den Fuß gebrochen und dann noch mehr gebrüllt. Dann hat Mutter die Fenster wieder aufgemacht und gerufen ‚Staudinger! Treib‘s nicht zu bunt!‘

Das Chaos danach muss jedes Mal sie beseitigen. Und das dauert Tage. Für den Rest des Jahres kommt Salz auf die Butter. Schon das dritte Jahr jetzt. Gsälz kommt von Salz. Da ist sie sich sicher. Auch wenn andere behaupten, es ist Schwäbisch für Marmelade.

Als sie in die erste Klasse kam, gab es noch Wurst, Leberwurst und Blutwurst und zu Bratkartoffeln Sülze. Geschlachtet wird schon lange nicht mehr. In der vierten Klasse war sie, als der Priester und der Lehrer extra vorbeigekommen waren und den Eltern gesagt haben, dass sie unbedingt aufs Gymnasium gehen solle. Am selben Tag hatte der Schlachter angerufen, dass er nicht mehr kommt. Mutter hatte gesagt ‚Heutzutage kann man sich auf niemanden mehr verlassen!‘. Die Wahrheit ist, sie konnte ihn nicht mehr bezahlen, und die Schweine waren zu mager. Vater vertrinkt alles Geld. Dabei gibt es noch sämtliches Werkzeug: die Bottiche zum Sieden und sogar die Wanne zum Ausbluten und Abbrühen. Was fehlt ist das Schwein, eigentlich nur ein Ferkel. Sie würde es großziehen, weiß sie doch noch, wie es geht. Immerhin eignen sich die Gefäße zur Entsorgung der Glasscherben. Fast voll sind sie schon. Die Fleischerhaken und Messer hat sie sicherheitshalber gut versteckt.

In der Küche ist niemand. Auf dem Tisch stehen noch Teller und Tassen vom Frühstück. Das Brot nicht aufgeräumt. Die Butter verlaufen. Vater schläft wohl schon wieder. Oder noch? Vorsichtig lugt sie durchs Schlüsselloch ins Wohnzimmer, das an die Küche grenzt. An der Türschwelle knarren die Dielen besonders leicht. Zwar kann man nur das untere Ende des Sofas sehen, aber das reicht aus. Füße mit Socken ohne Decke, das bedeutet er liegt noch von gestern. Das bedeutet auch, er kann jeden Moment aufwachen. Also so geräuschlos wie möglich die Küche in Ordnung bringen. Jacke und Schultasche auf den Küchenstuhl.

Wo ist Mutter? Vielleicht in die Stadt gefahren? Das tut sie manchmal, wenn er morgens noch schläft. Geld für Fahrscheine hat sie in einem leeren Waschmittelkarton versteckt. Dann besucht sie das Münster und geht zur Beichte. Beim Bischof. Mutter wird jedes Mal böse, wenn sie ihr sagt, dass es niemals der Bischof sein kann, sondern nur ein ganz normaler Priester. ‚Du solltest besser beten statt schlau daher zu schwätzen!‘

Es ist bereits kurz vor eins. Sie sollte Mittagessen kochen.

Wenn sie nicht kocht, wird Vater ausrasten, wenn er aufwacht und nichts auf dem Herd steht, und Mutter auch, wenn sie heimkommt.

Wenn sie kocht, weckt sie ihn mit Sicherheit. Dann kann es sein, dass sie zu ihm an‘s Sofa kommen soll.

Ohnmächtig werden. Tot umfallen. Wenn sie doch der Schlag träfe! Niemand ihrer Klassenkameraden würde so etwas auch nur denken. Könnte sie auch keinem erzählen. Ist sie undankbar? ‚Gott hat das Leben gegeben, und niemand hat das Recht, es wieder zu nehmen. Das ist eine Todsünde!‘ hat Mutter gesagt, als der Sohn vom Dorfwirt erhängt aufgefunden wurde. Sechzehn war der Michael damals, nur zwei Jahre älter als sie. Er war öfters nicht zur Schule gekommen. Wenn er kam, hatte er immer lange Ärmel getragen und lange Hosen sogar im Sommer. Aber sie hatte es gesehen. Als er sich einmal umgezogen hat am Stauwehr nach dem Baden. Grün und blau waren seine Arme und Beine und der Rücken voll Striemen. Michael wusste von ihrem Vater, denn der hatte oft genug die Dorfkneipe aufgemischt. Er würde sie verstehen! Manchmal, wenn sie zusammen auf den Schulbus warteten, hat er ihr lange in die Augen geschaut, und sie hatte sich nicht weggedreht. Danach hatte sie angefangen von ihm zu träumen. Einmal waren sie Hand in Hand über ein Feld gelaufen, das gelber und heller wurde, je länger sie liefen, und schließlich in den Himmel überging. Dorthin waren sie miteinander davongeflogen.

Als sie aufwachte, stand Vater neben ihrem Bett, die Hose in den Kniekehlen, die Hand am Glied.

Durchschlafen kann sie keine zwei Stunden. Konnte sie es jemals?

In zwei Jahren wird sie achtzehn. Dann wird sie ausziehen. Egal wohin.




Dipl.-Psych. Ursula Gangl
Psychologische Psychotherapeutin






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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