Dr. Stephie Abels für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
so wie du bist
Neues Menschlein, neugeboren,
nackt und hilflos noch verloren
in der Welt, die deine Hände
noch nicht greifen können. Fände
sich ein warmes Herz,
gelindert wär’ dein Seelenschmerz.
Ich halte dich ganz vorsichtig.
Dein kleiner Kopf in meiner Hand,
geborgen liegst du hier ganz nah
in meinem Arm
an meiner Brust.
Ich trage dich
den ganzen Tag
und durch die Nacht
und nähre dich
und wärme dich
und tröste dich
und halte dich
und streich’le dich
behüte dich
und schütze dich
und liebe dich
und sehe dich
so wie du bist.
Der kalte Abschied
Ich bewegte mich nicht. Die Hände hatte ich zu Fäusten geballt. Den Schweiß spürte ich überall, obwohl es in diesem Raum des Abschieds nicht warm war. Da lag er, bewegungslos. Und ich erwartete jeden Moment, dass er aufstand und wieder rumschrie wie früher. Wie hatte sich der Blick seiner Augen mir eingebrannt, wenn er wutverzerrt über irgendetwas schimpfte. Ich hab mich immer ganz klein gemacht. Wie als wenn ich dadurch verhindern könnte, dass es mich trifft. Hat nicht immer geklappt. Ich hatte große Angst vor seiner Wut.
Meine Mutter auch. Sie konnte nicht ausweichen. Und hat dann immer so geweint, wenn er zugeschlagen hatte. Ich konnte sie nicht trösten.
Als die Diagnose kam, waren wir alle geschockt. Ich hab es gar nicht richtig verstanden, ich war ja erst 9. Gehirntumor, OP, Bestrahlung. Da hatte er keine Haare mehr auf dem Kopf. Aber immer noch Wut im Bauch. Vor allem dann, wenn er nicht mehr so konnte wie früher. Wenn ihm die Erbsen von der Gabel gekullert sind. Alles ging so schnell.
Und jetzt lag er da. Und war tot. Und ich war wütend. So wütend wie noch nie in meinem Leben. Darüber dass er einfach abhaute. Ich konnte nicht glauben, dass er nicht mehr schreien würde. Es drängte mich, ihn anzufassen. Ich schwitzte, und mit einer Mischung aus Panik und Mut löste ich meine Faust und berührte mit dem Zeigefinger seinen Arm. Kalt. Kalt und zäh fühlte sich das an. Jetzt hatte ich Gewissheit. Und würde langsam Frieden finden können.

Dr. Stephie Abels, Jahrgang 1976, lebt und arbeitet im Herzen des Ruhrgebiets.
Als promovierte Juristin mit altsprachlicher Schulbildung setzt sie sich schon ihr Leben lang mit den verschiedenen Facetten der Sprache auseinander. Sie schreibt beruflich, und sie schreibt privat. In ihren Kurzgeschichten beschäftigt sie sich insbesondere mit der Übersetzung von Emotionen in Worte. Im Mittelpunkt immer: der Mensch.
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