Franca Lingua für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Die Verwandlung
Als ich an diesem Nachmittag vom Einkaufen nach Hause hetze, höre ich bereits draußen, noch bevor ich den Schlüssel ins Schloss stecke, dass drinnen etwas nicht in Ordnung ist. Die Geräusche und Schreie, die ich noch nicht einordnen kann, lassen mich nichts Gutes erahnen.
Trotzdem hoffe ich, dass Wilhelm den Fernseher ganz laut gestellt und ihn dann einfach vergessen hat.
Am ganzen Körper zitternd schließe ich die Haustür auf. Während ich durch das Treppenhaus haste, stelle ich als erstes die drei kleinen Taschen und den schweren Einkaufskorb auf die Stufen der ins Obergeschoss führenden Treppe, winde mich so schnell ich kann aus meiner Jacke und streife noch in der Bewegung meine regennassen Schuhe ab.
Vorsichtig öffne ich die Tür zum Flur. Da sehe ich ihn. Wilhelm tobt. Immer und immer wieder schlägt er auf den Wandspiegel ein und schreit sein eigenes Spiegelbild an. Genau genommen sind nur noch Fragmente von Wilhelm vorhanden. Seine hellbraunen Hausschuhe sind von blinkenden Scherben übersät und auf seiner Kleidung sind zahlreiche hellrote Blutspuren wahrzunehmen. Immer wieder schreit er „Verschwinden Sie! Sie haben hier nichts verloren! Verschwinden Sie!“
Vorsichtig spreche ich ihn an. „Ist alles in Ordnung, Wilhelm?“ „Nein, siehst du nicht, was hier los ist?“ fährt er mich unwirsch an. Nein, ich sehe es nicht und die Situation wirkt geradezu kafkaesk auf mich.
„Kann ich dir helfen, Wilhelm?“ Aber er antwortet mir nicht. Vielleicht gelingt es mir, ihn auf andere Gedanken zu bringen.
Wilhelm isst gerne Butterkuchen mit Mandeln, was nicht gut mit seinem Diabetes Mellitus zu vereinbaren ist, aber was ist schon gut zu vereinbaren in Wilhelms Leben?
„Wilhelm, ich habe frischen Butterkuchen gekauft. Wollen wir uns gemütlich hinsetzen, Kaffee trinken und den Butterkuchen essen?“ Wilhelm reagiert nicht auf mein Angebot. „Wilhelm, die nette Frau Maier beim Bäcker hat mir extra ein Stückchen mit vielen Mandeln für dich gegeben.“ Wilhelm zeigt keinerlei Interesse an meinem sonst so verlockenden Angebot.
Er kann sich nicht beruhigen, er hört nicht auf, auf den Spiegel einzuschlagen. Nochmals versuche ich, ihn aufzuheitern.
„Wilhelm, weißt du, wen ich beim Einkaufen getroffen habe? Grete! Ich soll dich ganz herzlich von Grete grüßen.“ An Grete kann er sich erinnern, sie haben vor 75 Jahren dieselbe Klasse in der benachbarten Grundschule besucht. In seinem Fotoalbum finden sich drei Fotos von Grete: Eins zeigt sie elegant im Pelz, ein anderes präsentiert sie exotisch mit Straußenfeder am Hut und auf dem dritten sieht man sie als Chefin des Tante-Emma-Ladens, den sie von ihren Eltern übernommen hatte, vor prall gefüllten Lebensmittelregalen mit einem riesigen Apfel in der Hand.
Aber Wilhelm lässt sich heute nicht ablenken, weder der Butterkuchen mit extra vielen Mandeln noch Grete, das Mädchen mit dem langen, blonden Pferdeschwanz, können ihn von seinem Vorhaben abbringen, seinen Vernichtungsschlag zu Ende zu führen.
Ein letztes Mal versuche ich, ihn aufzumuntern. Wilhelm liebt nicht nur Butterkuchen mit Mandeln, sondern auch alles, was mit Eisenbahnen zu tun hat.
„Wilhelm, heute regnet es. Wir können heute nicht spazieren gehen. Wollen wir uns gleich ein Fotoalbum nehmen und die Fotos mit den Zügen ansehen?“
Doch der Zug ist längst abgefahren. Schon beim letzten Durchsehen des Albums hat Wilhelm einige Fotos herausgerissen und sie umgedreht, um den Zug von der anderen Seite betrachten zu können. Beim Anblick der weißen, enttäuschend leeren Rückseite geriet er in Wut und schmiss die Fotos auf den Fußboden, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.
Ich gebe auf, hier kann ich mit Worten nichts mehr ausrichten. Sanft versuche ich, Wilhelm vom Spiegel wegzuschieben, aber das regt ihn nur noch mehr auf. Er schubst mich beiseite, fuchtelt wild herum und schlägt umso heftiger in Richtung des hölzernen Etwas, das heute Morgen noch ein Wandspiegel in unserem Flur war und nun traurig in wenigen kleinen Stücken von der Tapete herabhängt. Auf dem Teppich liegen hunderte kleiner, zerschlagener Mosaikteilchen, die nie mehr ein harmonisches Ganzes ergeben werden.
Vor dem Verlassen des Hauses hatte ich noch schnell hineingeschaut, um den Sitz meiner Haare zu überprüfen, und ich hegte keinen Zweifel daran, dass ich es bei meiner Rückkehr wiederholen würde. Ein Blick in diesen Flurspiegel hatte mich stets beruhigt und mir ein Stück Sicherheit für mein Leben vermittelt.
Wilhelms Wut und Verzweiflung steigern sich immer weiter, ich habe das Gefühl, dass in seinen Schreien und seinem wilden Armrudern auch eine gehörige Portion Angst mitschwingt.
„Verlassen Sie mein Haus!“ schreit er immer wieder in Richtung der Spiegelreste.
Erst als die letzte funkelnde Scherbe unerträglich langsam und zugleich unaufhaltsam am linken Bein seiner Lieblingshose mit den drei Streifen hinuntergleitet und den Boden erreicht, glaubt er, den Einbrecher besiegt zu haben.
Wilhelm öffnet erschöpft die Tür zum Treppenhaus, schleppt sich schwer atmend die Treppe hinauf und setzt sich weinend auf die vorletzte Stufe, direkt vor das kleine Fenster. Auf der Fensterbank hat ein großer schwarzer Käfer Schutz vor den Regenschauern und heftigen Windböen gefunden. Dort wartet er geduldig auf die Sonne.
Da erkenne ich, dass Wilhelm die vorletzte Stufe, nämlich Stufe sechs von sieben in dieser unabwendbaren Metamorphose, erreicht hat – und wir mit ihm.
Genauso wie es der Neurologe bei der Diagnose vorhergesagt hatte und wir es nicht wahrhaben wollten.
(Erschienen in Tentakel 1/2022, Bielefeld, 29-31)
Franca Lingua, geboren 1966 im Kreis Herford, Studium der Slavistik, Romanistik und Deutsch als Fremdsprache in Göttingen, Kiew und Bielefeld, Lehrerin und Fortbildnerin in der Erwachsenenbildung, zahlreiche literarische Veröffentlichungen, noch immer begeistert von allem, was mit Sprache und Sprachen zu tun hat.
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