Neugeboren – Mutterland

Karin Seidner für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“




Neugeboren

Ich lag im Bett. Ich rauchte nicht. Ich aß nicht. Ich trank nicht. Ich glaube, ich lächelte nur so vor mich hin und sah zum Fenster hinaus. Davor ein sonnenbeschienener Septemberbaum, ein blauer Himmel, Vogelsang. Es kam mir vor, als hätte ich nie einen schöneren Tag erlebt oder als ich hätte ich davor noch keinen einzigen Tag bewusst erlebt.

Im anderen Fensterausschnitt wippte eine glänzende Amsel am Tannenast und schien sich ebenfalls ihres Lebens zu freuen.

Mir erschien alles neu, der Ausblick, der Fensterrahmen, das Herbstlicht, das Zimmer, ich selbst. Jetzt verstand ich, was es hieß, zu wünschen, ein Augenblick währe ewig.

Wie hatte ich mein Leben bisher verbracht? Wie und wofür hatte ich existiert? Ich hatte plötzlich den Eindruck, als hätte ich nichts anderes getan, als tagein, tagaus kopflos herumzulaufen, zuerst in die Arbeit, um Geld zu verdienen, danach durch die ganze Stadt, um es wieder auf die eine oder andere Art auszugeben. Es wunderte mich, dass mich das nicht gestört hatte. Wie hatte mir das genug sein können?

Im Augenblick fühlte ich mich sehr glücklich und irritiert zugleich. Womit waren all die anderen da draußen beschäftigt? Wie konnten sie ohne solche Liebe, wie ich sie empfand ihre Tage verbringen?

Ich kam mir einzigartig vor in meinem Zustand und war so verliebt ins Leben, dass es unter normalen Umständen als kitschig zu bezeichnen gewesen wäre. Jetzt aber erschien es mir wie eine Erkenntnis, ein Erwachtsein, ein unbändiges, neues Lebendigsein.

Ich war also verliebt. Zweifellos. Und gewiss nicht nur ins Leben. Wieder musste ich unwillkürlich lächeln. Das Außergewöhnliche war nicht die Verliebtheit selbst, sondern ihr Ausmaß, das Durchdrungensein und die Intensität vom allerersten Augenblick an. Das musste mehr als Liebe auf den ersten Blick sein, dessen war ich mir sicher.

Wie hatte alles begonnen? Ich lehnte mich wohlig zurück, betrachtete den schlafenden, regelmäßig atmenden Körper neben mir, fühlte mich sicher und geborgen und genoss die auftauchenden Erinnerungen.

Das Wetter vor meinem Fenster erschien mir ungewöhnlich sanft und milde für einen späten Septembervormittag und ich hatte das Gefühl, jedes Blatt in den Bäumen bewusst zu erleben.

Vor einiger Zeit hatte ich eine zuerst unbeachtete, dann immer stärker werdende Sehnsucht danach verspürt, ein – wie ich es bezeichnete – normales Leben führen zu wollen. Darunter verstand ich eine feste Beziehung zu einem Mann, mit dem ich zusammenleben konnte und mit dem ich mein Leben verbringen, ja gestalten wollte, auch wenn ich mich dadurch von meiner bisher so gelobten und geliebten Unabhängigkeit würde trennen müssen. Meine Freundinnen, denen ich von diesen bis dahin geheimen Wunschträumen erzählt hatte, witzelten spöttisch über mein fortschreitendes Alter, aber mein Bedürfnis blieb und wurde noch ernster.

Das war der Anfang. Und jetzt lag ich da, so aufgewühlt, so verzaubert, so umfassend froh trotz aller Ängste, Zweifel und Schmerzen, von denen ich – das muss ich auch zugeben – zwischendurch geplagt worden war.

Und jetzt lag ich da mit ihm neben mir.

Meine Hingabe kostete mich mein ganzes bisheriges Leben. So viel konnte ich jetzt schon sagen. Auch wenn ich sonst keine Ahnung hatte, wie es weitergehen sollte. Mit mir. Mit uns. Mit unserem gemeinsamen Leben.

Er räkelte sich ein bisschen und schlief weiter. Paul. Ich streichelte seinen Kopf und fühlte mich sehr zufrieden.

Ich hatte viele Hoffnungen, Träume, Wünsche, Ängste und Befürchtungen gehabt, doch ich hatte nicht geahnt, wie es tatsächlich sein würde. Plötzlich räkelte er sich wieder, schlug verwundert die Augen auf und ich nahm ihn an die Brust. Meinen Sohn. Meinen Erstgeborenen.




Mutterland

Sie hatte sich schon immer zwischen und in verschiedenen Welten bewegt, aber seit ihren Kindern lebte sie nur noch in Zwischenräumen/-zeiten. Dazwischen fiel sie immer wieder aus der Zeit, aus dem Raum, aus der (Erwachsenen-) (Arbeits-)Welt, teilte nicht mehr die (Arbeits-)Zeiten, den (Tages-) (Nacht)rhythmus, den durch den Arbeitsplatz von Beschäftigten vorgegebenen.

Als Studentin hatte sie ihren eigenen Rhythmus, ihre Ausdehnung/Existenz in Zeit und Raum selbst bestimmt, doch jetzt war sie durch ihr Leben als Mutter eine durch den Raum und die Zeit gebrochene. Das Ergebnis, das „ist gleich“ auf der anderen Seite, war das den Bedürfnissen ihrer Kinder/des Tages/der Nacht unterworfene, von den äußeren Ereignissen gelenkte, ihren Körper unterdrückende Verhalten. Oftmals drängte sich ihr jetzt der Begriff der Maschine auf.

Oder hatte sie sich durch die Kinderaufzucht auf die rechte Gehirnhälfte

reduziert? Jedenfalls passierte es ihr immer häufiger, dass sie, wenn sie kurz aus ihren Automatismen erwachte (z. B. wenn sie zufällig alleine unterwegs war), überrascht darüber war, wie fremd sie sich unter den Menschen fühlte, die plötzlich andere Moden trugen, als hätten sie die von tags zuvor schon fallengelassen und ausgetauscht, das geschah nicht nur mit Kleidung, sondern auch mit Kunst und mit Sprache. Sie wusste dann nicht mehr, wie sie sich anziehen sollte oder welche Worte sie verwenden konnte ohne lächerlich und deplaziert zu wirken. Sie wusste nicht, ob sie ein Opfer der Sucht nach Veränderung der anderen war oder ob sie einfach wieder einmal aus dem Zeit-Raum-Kontinuum gefallen und schief zurückgerutscht war.

Arbeiten bedeute zur Selbstentfremdung fähig sein, das hatte ihr das Radio auch erzählt an einem dieser endlosen Nachmittage, an denen sie ständig auf die Uhr sah, weil sie darauf wartete, die Kinder, die gerade vom Mittagsschlaf erwacht waren, wieder ins Bett stecken zu können. Und sie hatte den Satz zuerst gar nicht verstehen können, er stand beinahe wie in Zeitlupe im Raum und sie las/hörte ihn im Geiste wieder und wieder, bis sich langsam eine Verbindung zum Wort selbst in ihrem Gehirn aufbaute und bis zu Entfremdung war es noch eine ganze Weile, mindestens bis sie dem einen Kind die Banane geschält und in Stücke geschnitten hatte

Sie klammerte sich wie eine Ertrinkende ans Verdursten. Denn sie wusste, dass andere die Tragik deren Lebens darin sahen, genau das zu entbehren, was ihr zuviel war.

Sie hatte nur soweit voraus geplant, bis der erwählte Mann in ihrem Leben gelandet war und hatte gedacht, damit müsste alles Glück sich von selbst ergeben und im rechten Maß einstellen. Also hatte sie ihrerseits das Planen eingestellt – ein Fehler, wie sie im Nachhinein zugeben musste.

Sie bewunderte die Menschen, die ihr Selbst anscheinend so gut kannten, dass sie wussten, wann sie sich davon entfremdet hatten und da, jetzt war sie schockiert und erleichtert zugleich, mussten ja Millionen von Selbstentfremdeten auf der Straße herumlaufen, diese für sie durch Arbeit Aufgewerteten waren in Wahrheit alle Selbstentfremdete? Mechanisch wischte sie den Kindern die klebrigen Finger mit einer feuchten Windel ab. Dann war es schon wieder Zeit etwas mit den Kindern zu unternehmen; die Kinder mussten gefördert werden; die von der Mutter ausgesuchte Tätigkeit musste den verschiedenen Altersstufen gerecht werden und sollte die Kinder anregen/aktivieren/fordern, aber nicht überfordern oder sie zu Passivität verleiten; die Mutter sollte ihren Pflichten selbstverständlich nachkommen, aber nicht zu sehr an den Kindern kleben; sie durfte es sich auch nicht leicht machen und sie einfach vor den Fernseher setzen, sondern im Falle sie mit ihnen eine ausgesuchte Sendung ansieht (altersentsprechend), darüber sprechen, damit sie alles verarbeiten können; abwechslungsreich sollen die Aktivitäten sein, aber nicht zu vielfältig, damit die Kinder nicht zu gedankenlosen Konsumenten und Konsumentinnen heranwachsen oder gar aus diesem Grund hyperaktiv werden; die Mutter konnte mit ihnen in Museen/Ausstellungen/Kindertheater gehen, aber da war es wichtig gestylt und gut drauf zu sein und das gelang ihr nicht so perfekt wie sie eigentlich wollte; sie wollte ja auch weder sich selbst noch die Kleinen blamieren; sie konnte vielleicht mit ihnen kochen oder backen, das war eine kreative Tätigkeit (soft skills trainieren!), die allen nützlich war (Sozialverhalten lernen!) und beim Kneten die Feinmotorik trainierte und den Kindern die Arbeitswelt der Mutter näherbrachte.

Wann immer sie konnte, schickte sie sms an ihre Freundinnen oder saß vor dem Computer, um E-Mails und Texte zu verfassen, dann, wenn alle Kinder schliefen, manchmal mittags, aber da hatte sie Angst, sie könnten durch  das Geklapper der Tasten aufgeweckt werden oder spät abends, nachdem sie die Küche saubergemacht, die Wäsche weggeräumt und die Wohnung in putztechnisch einwandfreien Zustand gebracht hatte. Sie war dann meistens sehr müde und ihr Mann meinte tadelnd, sie solle sich jetzt ausruhen bzw. eigentlich gleich schlafen gehen, aber sie wollte noch unbedingt etwas intellektuell halbwegs Reizvolles erleben. Letzten Abend jedoch hatte der PC gestreikt „unerwarteter Ausnahmefehler“ stand groß am Bildschirm. „So ein Selbstbewusstsein möchte sie auch einmal haben“, dachte sie voll Neid und fuhr das Gerät herunter.




Karin Seidner, freie Schriftstellerin und Performance-Künstlerin, Psychotherapeutin

¼ der literarischen Performance-Gruppe „grauenfruppe“ www.grauenfruppe.at

Leitet Kreative Schreibworkshops www.sprach-raum.at

zahlreiche Veröffentlichungen im In- und Ausland

einige Literaturpreise: zuletzt Forum Land Literaturpreis Prosa 2016 und Gewinnerin #IGFem Herbstausschreibung 2021






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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