Denise Lara Becker für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Lieblingskind
Vierte Klasse, Schulschluss
Wieder nix gewusst
Zu viel geschwänzt in den letzten Wochen
Bin, wie Mama, nicht aus dem Bett gekrochen
Sowieso wäre mein Schulalltag geprägt von Lügen
Vertuschen, was wir alles nicht kriegen
Keine Heizung im Dezember, Essen aus Container (sponsored by Rewe in der Nacht)
Seit einer Woche die gleichen Klamotten getragen
Neue Waschmaschine kann Mama nicht bezahlen
Genauso wenig wie neue Schulsachen, Sportkleidung, Klassenfahrt
Ich bleib zu Hause damit Mama Geld für ihr braunes Pulver hat
Mama sagt, das darf keiner wissen
Sonst kommt das Jugendamt und wir werden aus unserm Zuhause gerissen
Doch tief in der Amygdala haben wir es kommen sehen
dass irgendwann zwei Beamte auf dem Schulhof stehen
und mich und meine kleinen Geschwister mit in ihr Auto nehmen.
Ich fühle mich schuldig, denn ich bin nicht sehr traurig
Es ist eher so, dass ich endlich, endlich
den Kampf aufgeben darf, nicht mehr ertrinke in dem Lügenmeer.
Für Mama ist es schwer. Und ihr Leben bleibt auch schwer.
Bis vor einem halben Jahr.
Mit nicht mal 50 stirbt Mama.
An dem Konsum und seinen Folgen.
Es tut mir leid, hier weiß ich jetzt nicht weiter.
Ich weiß nicht, was ich fühlen soll, irgendwie weiß es keiner.
Kinder von Suchtkranken kriegen Depressionen, Essstörungen, Borderline,
Fühlen sich im Innern immer kleiner als sie sind
Weil, das Heroin ist Mamas Lieblingskind
Wir stehen in Schwarz um ihre Urne,
um mich herum paar Leute voller Trauer
Ich aber merke, ich werde sauer
Weil sie mich schon wieder verlassen hat, diesmal für immer.
Ich will eine Entschuldigung, weiß auch nicht wofür.
Können die bitte aufhören Hallelujah zu spielen, das sollte ich immer für sie singen, früher
Die Leute um mich rum in Schwarz
checken nix, wissen nicht was war
Ich hab jetzt keine Mama mehr
Warum schmerzt das so sehr – ich hatte doch nie eine
Entgegen meinem Willen muss ich weinen
Vielleicht, ohne die Drogen wäre sie eine gute Mama geworden
Vielleicht hätten wir ein einfaches Leben ohne Sorgen
Vielleicht hätte ich gelernt, was Familie ist, was Liebe ist
Vielleicht wäre Zuhause nicht nur ein Wunschtraum in meinem Kopf
Sondern ein süßer warmer Ort
Eine Frau in Schwarz hält das letzte Trauerwort
dann begraben sie die Urne.
Und mit der Asche, im Dunkeln vergraben
Liegen nun auch all die Vielleichts
Zusammen mit all den Fragen
Auf die ich keine Antwort weiß
Ich kämpfe gegen Gefühle, die ich nicht versteh
Trauer, Wut, Schuld, die Angst vor dem Verlassen-Werden
Der Kampf ist natürlich aussichtslos, so wie mich zu ritzen
Deswegen schreibe ich das hier
Der Stift ist meine Spritze
Die Tinte – mein Heroin auf dem Papier.
Denise Lara Becker
„Du legst immer alles auf die Goldwaage!“ durfte sie sich schon als Kind von ihrer Mutter anhören. Worte waren schon immer ihrs. Aufgewachsen in armen Verhältnissen und einer suchtbehafteten Familie, sah sie in ihrem Spiel mit Worten, Sätzen und Geschichten, und schon gar nicht in sich selbst, etwas Besonderes – bis sie anfing Englisch zu studieren. Von all den Schreibenden inspiriert (vor allem Autorinnen aus dem 19. Jahrhundert) dachte sie: wie mutig. Das will ich auch. Und mehr.
Ihre Poesie ist wie das Leben. Mal flowt es, dann isses flowetry. Mal isses langsam, dann gibt’s slowetry; und manchmal hat man einfach keine Lust – dann ciaoetry.
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