Randolf Eilenberger für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Die Pfarrhaus-Aufzeichnungen
Marion:
Als ich ein Grundschulkind war, hörte ich, wie meine Mutter einmal sagte: „Die Marion wird später selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen, denn einen Mann, der sie aushält, wird sie kaum finden.“ Was sie damit meinte, habe ich erst nach und nach verstanden. Sie hat sich immer recht viel eingebildet auf ihre Schönheit, bestimmt war es eine Erleichterung für sie, dass ich in dieser Beziehung keine Konkurrenz für sie wurde. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste … Das war immer sie. Dafür habe ich Abitur gemacht. Die Freunde meiner Eltern hatten gesagt: Wozu braucht das Mädchen Abitur, Realschule reicht doch. Aber ich habe mich durchsetzen können und am Ende hat es für einen Zweier-Schnitt gereicht.
Mit Jungs konnte ich nie was anfangen. Als die anderen Mädchen in meiner Klasse schon rumgemacht haben, hat mich der Gedanke an einen nackten Mann nur geekelt. Überhaupt das Sexuelle. Auf einer katholischen Freizeit habe ich dann den Gerhard kennen gelernt. Mit dem konnte ich über Gott und die Welt reden, der wollte schon damals Pfarrer werden. Das fand ich gut, dass er sich so jung für ein zölibatäres Leben entschieden hatte. Wir haben uns dann aber erst einmal wieder aus den Augen verloren.
Nach der Schule habe ich nicht gewusst, was ich machen soll. Zuerst habe ich studiert, Germanistik und Geschichte, aber an der Uni, das war mir zu viel Trubel. Dann hatte ich die Schnapsidee, Stewardess zu werden. Ich glaube, das habe ich nur gemacht, um meiner Mutter eins auszuwischen, denn die hatte sich diesen Beruf immer so toll vorgestellt: fremde Länder kennenlernen, von Passagieren und Piloten begehrt zu werden. Ich habe den Job drei oder vier Jahre durchgehalten, bei wenig Gehalt und immer in der schlechten Kabinenluft. Begehrt haben die Piloten natürlich nur die gut aussehenden Stewardessen, darüber war ich aber auch heilfroh. Irgendwann hat eine Kollegin gesagt: „Was ziehst du denn immer für ein Gesicht beim Boarding, da wollen die Fluggäste ja lieber gleich zu Fuß gehen.“
Etwa zu der Zeit hat sich der Gerhard wieder gemeldet, er war hatte inzwischen seine erste Gemeinde. Er hat mich direkt gefragt, ob ich nicht seine Haushälterin werden wolle. Und ich habe gar nicht lange darüber nachgedacht, sondern ja gesagt.
Gerhard:
Warum ich Pfarrer geworden bin? Wir leben in so einer hektischen Welt, viele Menschen kommen ans Ende ihrer Kräfte, an einen Punkt, an dem sie nicht mehr ein noch aus wissen. Es hilft ihnen dann weder die Medizin noch die Wissenschaft weiter. Wenn die Seele erschöpft ist, braucht man einen Ansprechpartner, der ein offenes Ohr für die Sorgen hat. So ein Ansprechpartner möchte ich für meine Gemeinde sein. Natürlich gehört zum Pfarrersein auch dazu, dass man das Wort Gottes verkündet oder eine schöne Weihnachtspredigt hält. Ein sicherer Job ist es auch.
Als ich Marion kennengelernt habe, habe ich sofort eine Seelenverwandtschaft zwischen uns verspürt. Ich kann mit ihr über alles sprechen, was bei meiner Arbeit in der Gemeinde so passiert – außer natürlich den Dingen, die mir in der heiligen Beichte berichtet werden. In unseren nun schon zwanzig gemeinsamen Jahren ist sie mir zu einer echten Lebenspartnerin geworden. Wir leben zusammen unter einem Dach, sind aber beide keusch. Ich sage manchmal: wie im Paradies.
Ein paar Jahre, nachdem Marion zu mir ins Pfarrhaus gezogen war, sagte sie: „Ich möchte ein Kind.“ Ich habe verstanden, dass es ihr großer Lebenswunsch war, ein Kind groß zu ziehen. Sie wollte aber nicht adoptieren, sondern einem eigenen Kind das Leben schenken. Ich habe sie beurlaubt, und sie hat unsere Gemeinde verlassen. Wohin sie ging, darüber haben wir nie gesprochen. Sie sagte, das sei ihr Geheimnis vor Gott. Nach etwa anderthalb Jahren kam sie zurück mit Laura auf dem Arm. Ich muss zugeben, dass ich da etwas konsterniert war. Vielleicht zweifelte ich sogar für einen Moment an meinem Dasein als Priester. Sie bat mich um Geduld und mein Wohlwollen für das kleine Mädchen. Seither leben wir zu dritt im Pfarrhaus.
Ich will zugeben: die Situation ist nicht immer einfach. Im Ort gab es Spötter, die allerlei Mutmaßungen anstellten, wer Lauras Vater sei. Ich tue mir mit meiner Rolle dem Mädchen gegenüber schwer: ich bin nicht ihr Vater, auch nicht ihr Stiefvater, aber durch unser Zusammenleben doch so eine Art Erziehungsberechtigter. Es ist klar, dass es hin und wieder zu Konflikten kommt. Auf so eine Konstellation wird man im Theologiestudium ja nicht vorbereitet.
Laura:
Frage ich Mutter nach meinem Vater, sagt sie immer: „Hab Geduld, du wirst es erfahren, wenn du volljährig bist.“ Ich denke mir, er muss ein Mann mit richtig viel Temperament sein. Ich bin so gar nicht wie meine Mutter oder Gerhard, die seit Jahren zusammenleben, ohne dass es einmal funkt oder knallt. Auch mir gegenüber: bloß kein Überschwang der Gefühle. Mutter hat es noch nicht mal geschafft, mir zu sagen, dass sie mich liebt. Sowas sagt man seinem Kind doch, oder? Von Gerhard ist ja sowieso nicht mehr als Nächstenliebe zu erwarten. Davon hat er für seine verkalkten Schäfchen allerdings im Überfluss.
Als ich acht Jahre alt war, habe ich mit zwei Freundinnen in der Kirche Gummitwist gespielt. Direkt vor der Jungfrau Maria und ihrem Erstling. Fand Gerhard natürlich nicht so toll, als er uns entdeckt hat. „Warum dürfen wir das nicht?“ habe ich ihn gefragt, „die Kirche ist doch sowieso immer leer“. Eine vernünftige Antwort habe ich von ihm, na klar, nicht bekommen.
Vor dem Essen dankt Gerhard immer Gott für seine Gaben. Und Amen. Bei meiner Mutter, die das ganze Gemüse geschnippelt und das Essen gekocht hat, hat er sich nie bedankt. Es gab höchstens mal ein Lob, wenn es ihm geschmeckt hat. Eines Tages habe ich ihn deshalb zur Rede gestellt. Und ihn mit meinen Augen angefunkelt, denn das kann ich ziemlich gut, böse funkeln. Er sah ein wenig erschrocken aus – und tatsächlich dankt er seither meiner Mutter fürs Kochen, gleich nach dem Gebet.
Die beiden wissen gar nicht, wie schlimm es für mich in der Schule ist. Mal bin ich dort das Kind des Pfarrers, der sich nicht an sein Gelübde gehalten hat, mal der uneheliche Balg, der im Pfarrhaus untergekrochen ist. Neulich, als ich wieder einmal damit aufgezogen wurde, dass meine Mutter sich mit einem Hallodri eingelassen hat, dessen Tochter ich sei, sagte ich in ganz kühlem Ton:
„Nein, ich bin das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis. Ihr könnt euch also ausrechnen, wer ich bin.“
Ich weiß auch nicht, wie mir das eingefallen ist. Meine Mitschülerinnen waren erst mal baff, aber leider ging der Spruch danach im Ort rum und schließlich hat auch Gerhard davon erfahren. Zum ersten Mal hat er sich so richtig aufgeregt. Er hat meiner Mutter vorgeworfen, mich verzogen zu haben. Zu mir hat er gesagt:
„Ich habe dich aufgenommen wie meine eigene Tochter, und du führst dich so auf.“
„Wie führe ich mich denn auf?“
„Wie ein kleiner Teufel!“
Seither habe ich einen Verdacht, wer mein Vater sein könnte.
Randolf Eilenberger
Jahrgang 1964
verheiratet & ein Sohn
wohnt bei Heidelberg
Studium der Physik
langjährige Beschäftigung mit Performance (von Software)
Autor von Kurzgeschichten, Märchen, Gedichten
web: www.mandaphant.de
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