Thomas Kade für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Elternsprechtag ein Idyll
Dunkelkammer ein Albumblatt
Vatis Zimmer noch immer
klopf ich an ihn
zu rufen zum Essen morgens
mittags und abends
dasselbe Gerücht
seines Daseins Geruch
hat er jemals geantwortet?
ein leises Ja unvernehmbar
der metallene Rahmen
des Fensters sein Fernseher
schimmelte stumpf
silbergrün das sahen wir
erst als er tot war
der Mond schien
durch ein Dia dicht
vorm Auge im Gucki
so oft seine Welt
auf tausenden Farbfotos
jetzt ist alles
schwarzweiß das sahen wir
beim Wegschmeißen
Vatis Zimmer leer
geräumt von Fremden
renoviert im Erinnern
am Fenster bilden sich
unbekannte Pilze wieder Blicke
weiten sich wie die Blende
verengt schärfer scheint
das Licht Blitz
in den Hof ohne Ausfahrt
vielleicht findet sich
ein Negativ hinter der Heizung
die weiter klopft gluckert
3 Zi K D B eine Anzeige
Mutters Zimmer
die gebohnerten Böden
Raum für Raum
ab und ausgesaugt
Mutters Zimmer
es gab keine
Pflanzen zu gießen
leere Fensterbretter
Verstecke für uns
als wir klein waren
und Staub in den Gardinen
steckten Nadeln
um nicht reinzuschauen
in Mutters Zimmer
trotz Putzen roch alles
nach verbranntem Öl
richtig warm wurden
die Räume nie
monatlich abgewedelt
das dreibändige Lexikon
wir beichteten in der kleinen
Küche weil man dort
nicht sitzen konnte
der Katalog lag
unter dem Couchtisch
Bertelsmanns Lesering
im Vierteljahr zehn Punkte
zwei bis drei Bücher
hieß das zum Auswählen
wer Geburtstag hatte
in Mutters Zimmer
unverrückbar ihr Sessel
zum Lesen Stricken Häkeln
täglich ein Zigarettchen
wenn alle aus dem Haus
eins hab ich geklaut
einen Ruhetag sie schlief
schlecht wenn wir schlecht
schliefen Tabletten
zu schlucken gab es genug
sie aß alle Reste
wurde dennoch immer
dünner Mutters Zimmer
nach Hause eine Bezeichnung
wie lange
kann man das sagen
nach Hause
wenn man aus
gezogen ist mit neunzehn
nackt
im Bett der Freundin
liegt die schmutzige
Wäsche
nach Hause bringt
zum Essen kommt
meist hat‘s geschmeckt
man nimmt immer
noch was mit
in Tüten und Töpfen
aus Plastik die man leer
wieder nach Hause trägt
eine halbe Umarmung
paarmal umgezogen
seitdem im Impfpass
steht noch zu Hause
gegen Polio Pocken
Wundstarrkrampf
die alten Narben
stammen von zu
Hause ab
sagt man nach Hause
bis zum Tod
nicht nur der Eltern
man selbst
muß sterben
zu Hause sage ich
mit siebzig gab es immer
Sahnemerettich
im Kühlschrank
das Kinderzimmer ein Zeitraum
das Kinderzimmer bleibt
das Kinderzimmer selbst ohne uns
auch wenn die beiden Betten
auf dem Müllberg liegen
zwei Jugendschreibtische
in der Wohngemeinschaft stehen
das Kinderzimmer ist
jetzt plötzlich
möbliert mit Nähmaschine
Gästebett und Schränkchen
für Vasen und Geschirr
als ich noch einmal
im Kinderzimmer über
nachtete ragten meine Füße
über die Matratze schlief
ich schlecht im nimmer
Kinderzimmer
Aufgaben eine Teilung
im Flur hinter dem Vorhang
eine Wunderkammer
mit Putzmitteln und Fotozeug
der Mopp einmal im Monat
glitt sein Schwergewicht
über die Böden welch Glanz
und Hürde zweimal
jährlich kamen Entwickler
und Vergrößerer zum Einsatz
wir meldeten uns an
zum Austreten auf der Toilette
abgedunkelt verschlossen
Gerüche von Chemielabor
und Wachs waberten
durch die Wohnung
ich hör noch täglich
den Staubsauger Rumpeln
der Kartoffeln in steinerne
Spüle im Schälchen
säuerte Milch und Zucker
knirschte zwischen Zähnen
immer liefen Nachrichten
und moderne Musik
alles wurde verdaut
das Essen Tonbänder
Kommentare Stöhnen
auf Platte am Mittag
ist das nicht eine Melodie
von Bach ach die Familie
um den Tisch ich
hab den Toaster bedient
so oft verbrannt die Hand
paar Wundenkammern aufgegebe
Thomas Kade
Geboren 1955 in Halle (DDR), 1961 ins Ruhrgebiet, seit 1980 in Dortmund; Sozialpädagoge, Buchhändler und Autor.
Gedichte u.a.: „Landschaft mit Stehgeiger“ „Die Augen beim Lieben“; „Fernabfrage“; „Körper Flüchtigkeiten“. Übersetzt in: „Young German Poets“, „Verabredungen Afspraken“.
„Hautarrest“ Erzählungen, Projekt Verlag, Bochum 2021
„Lesebuch Thomas Kade“ Aisthesis Verlag, Bielefeld 2023
Organisator der Lyrikwochen 1988 bis 1998 und des 1. LesArt Literaturfestivals 2000; Gründer und Leiter von LiteraturRaum DortmundRuhr 2014 bis 2023. Autorenstipendium der Kunststiftung NRW 2015; Postpoetry-Preis 2015 und 2019; Stipendium vom Kultusministerium NRW 2018 und 2020.
Kade ist Herausgeber und Mitautor von „Die lynchen uns. Kriminalistischer Kettenroman“; „Schön hier!“ „Glücksorte in Dortmund“; „all over Heimat“; „Die Zeche zahlen“; „Hölderlinks“, „Über die blaue Steppe“, „“Lebensfugen. Zu Paul Celan“, „Beuys! Beuys! Beuys!“, „Kafka Selfies“ und Autor vom „Lesebuch Thorsten Trelenberg“ und „Lesebuch Jürgen Wiersch“.
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