Das Fräulein Amberger

Falk Andreas Funke für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“




Das Fräulein Amberger

Wer besitzt schon ein Cembalo, noch dazu in der Striegelstraße? Doch dringen nicht silberne Töne aus dem offenen Wohnzimmerfenster der zweiten Etage? Das ist die Ambergerin. Die sitzt im Altjungfernkleid in ihrer Welt aus lockengedrehter Musik. Eine Standuhr gliedert die Stunden des Tages in den Rhythmus versunkener Zeit. Streng blickt die Büste von Vater Haydn, dem keiner mehr heute das Wasser reicht. Die Ambergerin schüttelt ihren Jungfrauenkopf und legt die Stirn in Falten. Aber bei Schubertklängen öffnet sie ihren Blick ins Sternenhafte. Dort liegt die Heimat Frau Musikasder will sie frönen. Jedenfalls nichtdiesen Wagnerwalküren! Die Ambergerin kitzelt einen Triller in die Cembalotastatur. Sie lächelt wie über ein mildes Verbot hinweg. Ja, auch der Herr Mozart habe sich gerne mal einen Scherz erlaubt. Die Standuhr hackt ihren trockenen Takt in die Stille nach der Musik. Im Schlafzimmer liegt die Ambergermutter, dreiundneunzig Jahre die Frau, aber im Kopf noch ganz klar. Seit dem Sturz im Flur pocht der zertrümmerte Oberschenkel wie ein  Hummer im Sudtopf mit der Schere gegen die Kesselwand. Zur Ambergermutter aber kommt keiner der modernen Doktoren. Nein, die ließe das Fräulein niemals über die Schwelle. Wichtigtuer. Menschenvergifter. Auch nicht den Mann von der Stadt. Der mit dem dienstlich-besorgten Blick: Man habe gehört, der Frau Mutter gehe es… Es geht der Frau Mutter gut! Sie blüht und gedeiht unter der Tochterpflege. Solche Worte stellt die Musikerin überraschend laut zwischen sich und den Herrn vom Amt in den hallenden Treppenhausflur. Maman schläft in ihrem, der Tochter eigenem Bett. Sie, das Fräulein, ist nur noch ganz Tochter, hat sich eine Matratze zurechtgelegt, zu Füßen der alten Dame. Die braucht nur einmal sich rühren, nachts, schon ist sie wach, die brave Tochter, reicht der Mutter das Wasser oder den Malventee. Jedenfalls nicht dieses neuartige Zeug der hoffärtigen Medizin. Früher habe Maman für einen gesorgt, jetzt sorge man eben zurück. Oh ja, zur Not auch doppelt und dreifach. Liebe wird hier mit Liebe vergolten. Anders als sonst überall auf der Welt. Nun, Maman ist heute nicht wohl, jammert bös vor sich hin, aber sie hat das Glück, in den treuesten Händen zu sein, die es gibt. In Tochterhänden. Nein, die alte Frau steht ganz gewiss nicht mehr auf. Doch nun bittet das Fräulein den Herrn von der Stadt, sie zu entschuldigen, es komme ein Schüler und sie müsse zum Tee. Außerdem hat Maman schon wieder gerufen.





Falk Andreas Funke, Autor aus Wuppertal, Jahrgang 1965. Brotberuflich seit 1982 in der Arbeitsverwaltung tätig. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Seit 2001 Mitarbeiter des Satiremagazins ITALIEN, Wuppertal.

Bücher: Tier und Tor, 2004; Ballsaal für die Seele, 2010 (Gedichte, Turmhutverlag, Mellrichstadt), Krause, der Tod und das Irre Lachen, 2012 (kleine Geschichten, Verlag Thomas Tonn), Lausägefisch – Maritime Seelen 2022 (Gedichte, gemeinsam mit Jule Steinbach, Holzschnitte, Kunstbuch-Eigenverlag).

Eugen-Wolff-Literaturpreis der Fachschaft Deutsch, Christian-Albrechts-Universität Kiel, 2004. Erster Platz beim Bad Godesberger Literaturpreis, 2017.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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