Die Zeitfalle

Julia Rainer für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“




Die Zeitfalle

Wenn die Zeit fliegt, kreist sie dann im Gleitflug wie ein Adler? Steht sie wie eine Weihe flatternd in der Luft? Oder rast sie wie ein Turbojet über den Horizont?

Greta blickte in den hellblauen Sommerhimmel mit den vorbeiziehenden Schäfchenwolken. Sie sah dem Flugzeug dabei zu wie es sich seinen Weg bahnte. An der fluffigsten Wolke zuerst vorbei und dann weiter in Richtung Ferne.

Greta hätte sich so gewünscht in diesem Flieger zu sitzen. Auch wenn sie nicht wusste, wohin er unterwegs war, musste alles besser sein als das Hier und Jetzt, das ihre Hölle war.

Greta blickte auf die viereckige goldene Armbanduhr ihrer Mutter mit dem elegant gerippten schwarzen Lederarmband.

Noch 10 Minuten.

Ewig noch und viel zu kurz zugleich. Sie runzelte die Stirn über ihre sprunghafte Lebensart. Sie war Miss Widersprüchlichkeit in Person. Nur heute, heute wusste sie, dass das nicht ging. Dass sie nicht einfach davonlaufen konnte, wie eine flüchtige Ladendiebin. Da war ein Mensch, der auf sie warten würde, etwas von ihr erwarten würde.

Antworten vor allem. Greta hoffte, dass ihr diese in den nächsten 9 Minuten noch einfallen würden.

9 Minuten.

Die Zeit, sie war doch etwas Seltsames. Greta stellte sie sich, wie eine elegant gekleidete Dame vor. Die von weit weg so wirkte, als wäre die Zeit spurlos an ihr vorübergegangen.

Von Nahem betrachtet, sah man die Falten im Gesicht, die Furchen der Erlebnisse. Die Spuren der Freude und der Trauer.

Im Gegensatz zu anderen Menschen verehrte Greta das Alter.

Sicher, unbeweglich und fremdernährt in einem Bett eines Pflegeheims aufzuwachen, war die hässliche Fratze der Vergänglichkeit.

Aber das war für sie nicht das Alter, das sie anhimmelte. Alt sein bedeutete gelebt zu haben, Wissen zu haben, Fehler gemacht zu haben, die so lang her waren, dass man sie einem schon wieder verzieh.

Ja Greta liebte die glänzenden grauen Haare ihrer französischen Nachbarin Marguerite und das alte schwerfällige Schnauben ihrer Bulldogge Jaques. Im Alter schien Marguerite immer ruhiger zu werden, immer langsamer und bedächtiger. Und das war das Schöne.                                        Sie durfte alles und musste gar nichts mehr.

Sie konnte um sich kreisen und nicht zuhören und ihre kirschrot angemalten Lippen spitzen und urteilend „O la la“ ausrufen. Marguerite war eine Grande Dame und genau so eine hatte Greta vor einmal zu werden. Nur dass sie davon aus mehreren Gründen noch etwas entfernt war.

8 Minuten.

Greta betrachtete den ebenfalls kirschroten Nagel ihres linken Daumens. Der Lack war abgekaut und schäbig. Die Nervosität hatte ihre Spuren hinterlassen.

Greta hatte keine Angst davor alt zu werden. Sie hatte immer Angst vor dem Jungsein gehabt.

Zu jung um ernst genommen zu werden, um zu wissen wo es langging, um Verantwortung zu übernehmen. Zumindest war es das, was ihre Mutter Gerhild immer zu ihr gesagt hatte.

„Kind, du bist mit dem Kopf in den Wolken. Und anders als die Vögel, die du so vergötterst, wirst du eines Tages herunterfallen, wenn das so weitergeht.“

Gretas Augen begannen zu prickeln. Wie konnte man Fliegen lernen, wenn die eigene Mutter einen mit der Bodenhaftung eines Bulldozers festhielt? Nie hatte Greta so werden wollen, wie ihre Mutter. Deshalb war sie lieber gar nicht erst eine geworden – eine Mutter.

7 Minuten.

Es stimmte, Greta liebte Vögel. Im Sommer zog es sie in die Berge, wo sie mit offenem Mund Adlern nachsah, die majestätisch in den Lüften ihre Kreise zogen. So frei zu sein, war ihr Zeit ihres Lebens verwehrt geblieben. Zeit ihres Lebens; wie das schon klang. Sie musste schmunzeln. Als wäre ihre Zeit schon abgelaufen. Als wären die Sandkörner in ihrer Sanduhr schon so sehr am Abrutschen, dass Greta den Halt verlieren könnte. Sie hatte nämlich manchmal ein inneres Bild vor Augen, das sie nicht loslassen wollte: Sie selbst als Gefangene in einer solchen Sanduhr. Eingesperrt und krampfhaft nach Halt ringend, versuchte sie sich am rutschigen Glas festzuhalten.

„Lass einfach los und vertrau dem Lauf der Dinge“, sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Aber sie konnte nicht. Sie klammerte sich an diese ersten Sandkörner ihres Lebens und versuchte eine Antwort auf die Frage zu finden, warum ihre Jugendjahre, die doch so leichtlebig sein hätten sollen, sie so sehr verfolgten.

Sand im Getriebe meines Lebens, dachte Greta frustriert, der die Sanduhr nicht mehr aus dem Kopf ging.

6 Minuten.

Die Tür knarrte. Er konnte doch wohl nicht zu früh da sein?

Bitte nicht. „Bitte lieber Herrgott, egal ob es dich gibt oder nicht. Bitte nicht. Ich brauche meine 6 Minuten noch. Ich kann ihm noch nicht in die Augen blicken.“, dachte Greta.

Mit 17, als sie gerade begonnen hatte von einer Zukunft zu träumen, weit weg von ihrer Mutter, vielleicht als Ornithologin vogelforschend in den Anden oder als Reisejournalistin mitten im Regenwald, da, genau da, hatte sie Mark kennengelernt.

Groß gewachsen war er, mit dunklen Augen wie Marlon Brando und einer Ausstrahlung, die den Bildern der Hochglanzmagazine glich, die sie immer las, wenn sie bei der Frisörin auf ihre Mutter warten musste.

„Ein richtiger Dandy“, hatte die Huber Ines geflüstert und ehrfürchtig die Augenbrauchen gehoben. „So einen wie ihn, könntest du nie bekommen,“ hatte die fiese Tante Gusti beiläufig zu ihr gesagt. „So einen wie ihn, könntest du nie halten,“ ihre Mutter.

„So einen wie ihn brauchst du nicht“, ihr Vater.

5 Minuten.

Als wäre es ein Wettlauf gegen die Zeit, oder gegen das Schicksal oder gegen das Gerede der Leute, hatte sie es also probiert. Mit den Augen geklimpert und versucht kluge Worte zu sammeln, die sie Mark dann präsentieren konnte. Doch aus ihrem Mund war dann nichts herausgekommen. Was Mark, wie es schien, sowieso am liebsten gewesen war.

4 Minuten.

Wie die Zeit doch galoppiert war, dachte Greta und betrachtete das Wasserglas mit ihrem Lippenstiftabdruck darauf. Wie gestern kam es ihr vor, dass Mark sie nach einer Probe des Kirchenchors abgefangen hatte. In der dunklen Gasse, waren es seine glühenden Augen gewesen, die ihr den Weg zu weisen schienen.

3 Minuten.

Greta wusste, sie würde sich blamieren. Was sagte man einem, den man doch eigentlich gar nicht kannte? So nach 20 Jahren der Stille. „Hallo, ich bin‘s. Wie geht’s?“

Zu platt, schalt sich Greta, zu platt.

2 Minuten.

Wenn sie eine Sache ändern könnte im Zeitenlauf? Wäre sie doch nur an Marks glühenden Augen vorbeigegangen an diesem Abend. Einfach an seiner eleganten schlanken Statur vorbeigeschlüpft. Sie hätte all diese Vögel erforschen können. Die Welt sehen können.                     Sie selbst sein können.

Doch als sie sich damals an ihm vorbeidrücken wollte, hatte er sie am Arm festgehalten und ihr das eine ins Ohr geflüstert, das sie immer schon hatte hören wollen.

„Komm, lass uns gemeinsam frei sein.“

1 Minute.

Er kam eine Minute zu früh. Typisch, genau wie sie selbst.

Sie erkannte ihn sofort, als er zur Tür hereinkam. Auch wenn sie das Bild 20 Jahre lang nicht vor Augen gehabt hatte, war es eindeutig: Er war dem jungen Mark wie aus dem Gesicht geschnitten. Da stand er und blickte sie an.

Dann sprach er und es war ihre Stimme, die aus seinem Mund kam.

Diese Stimme sagte:

„Hallo Mama. Da bin ich. Und du bist auch da. Schön dich kennenzulernen.“




Julia Rainer, Jahrgang 1992, ist Juristin und Sozialwissenschaftlerin mit einer Leidenschaft für kreatives Schreiben. An der Universität Wien hat sie Rechtswissenschaften studiert und den Bachelor für Internationale Entwicklung abgeschlossen. Heute ist sie beruflich als Expertin für Kinderrechte, Jugendpolitik, Familienrecht und Integration tätig. Nebenbei gibt sie Workshops an Schulen und in Jugendgruppen. Im „Writers Studio“ Wien hat sie 2022 einen Lehrgang für kreatives Schreiben absolviert.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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