DER VATER, DEIN FEIND UND HELFER

Marec Béla Steffens für #kkl45 „Mutter, Vater, eltern“





DER VATER, DEIN FEIND UND HELFER

Es war an einem ruhigen Vormittag in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, da betrat ein Mann nach füglichem Anklopfen das Büro eines Mannes, den das Türschild als Leiter einer Selbsthilfegruppe auswies. Der Eintretende war ein gesetzter Herr mit Schnauzbart. Er hub an, sich vorzustellen, doch der Leiter, wiewohl jüngeren Alters, unterbrach ihn sofort. Hier nennt man nur den Vornamen, erfuhr der Besucher. Der Leiter stellte sich regelgemäß als Jakob vor. Sein Besucher musste sich damit begnügen, sich als Hermann einzuführen.

Jakob hieß Hermann willkommen, bereits im Namen der Gruppe, der er bald angehören würde. Dabei duzte Jakob das neue Mitglied, was bei diesem eine gewisse Irritation hervorrief. Jakob betonte, das Duzen sei ebenfalls eine der Regeln hier. Hermann bestätigte, Regeln seien etwas Gutes, der Mensch brauche Regeln.

Nun fragte der Leiter der Gruppe, was Hermann zu ihm geführt hätte. Dieser gab wahrheitsgemäß an, der Magistrat hätte ihm dies auferlegt. Es hätte wiederholt Beschwerden gegeben seitens der Nachbarn über den Lärm aus der Wohnung. Zuviel Geschrei, pah! Und dann … Arrest oder Gruppen­sitzungen, hätte der Magistrat gesagt.

Hermann wäre der Arrest eigentlich lieber gewesen. Aber man wisse ja, wie das zuginge in der Verwaltung bei den unter­geord­neten Organen. Und so sei er jetzt hier. Bitteschön.

„Was bist du, Hermann?“ erfragte Jakob als Nächstes. – „Nu …“, war die Antwort. „Sohn eines Metzgers. Inhaber einer Galanteriewarenhandlung. Bürger. Familien­vater. Ich habe mich hochgearbeitet.“

Darauf begehrte der Leiter zu wissen, was für ein Vater Hermann denn sei. Dieser betonte, er sei ein Vater, der das Ansehen seiner Familie zu schützen wisse.

Jakob sagte gewichtig: „Wir haben hier folgende Regel: Wer neu in unsere Gruppe kommt, der stellt sich mit seinem Vornamen vor und sagt, ‚Ich heiße Soundso und bin ein aggressiver Vater.‘“ – Das sei hier die Regel, fragte Hermann. Jakob bekräftigte, ja, das sei hier die Regel.

Mit Mühe rief sich Hermann in Erinnerung, dass er Regeln für etwas Gutes hielt, und sprach den geforderten Satz. „Nu.Ich heiße Hermann und bin ein aggressiver Vater.“ Der erfreute Leiter lobte ihn ausgiebig. Dann forderte er ihn auf, ihm offen anzuvertrauen, warum er denn ein aggressiver Vater sei.

Er sei nicht aggressiv, betonte Herrmann. Sein Sohn mache ihn aggressiv. – Wie alt der Junge denn sei, wollte Jakob wissen. – „Junge?“ meinte Hermann. „Ich habe ihm eine gute Ausbildung verschafft. Und eine Anstellung bei einer angesehenen Versicherungsanstalt. Jurist ist er.“

„Hat er den Doktortitel?“ fragte der Leiter nun. – „Natürlich!“ machte Hermann. „Wir sind doch Juden.“ – „Und was ist das Problem?“ – Da seien zunächst einmal die Weibergeschichten des missratenen Sprösslings. Eine Verlobung nach der anderen. Und nie werde etwas daraus. Er könne sich die Namen schon gar nicht mehr merken, gab Hermann zu Protokoll, „von jeder denkt er, sie sei ein Diamant!“

Jakob wollte wissen, was den Sohn an einer Frau reize. Hermann nahm die Hände zu Hilfe: „Weil sie die Röcke gehoben hat, die widerliche Gans. Weil sie die Röcke so und so und so gehoben hat.“

Darauf versetzte der Leiter, wenn dem Sohn die Frauen gefallen, sei das doch kein Unglück. Das überzeugte Hermann keineswegs: „Ich habe ihm geraten: statt sich andauernd zu verloben, solle er lieber wieder ins Bordell gehen.“ – Der Leiter war unbeeindruckt: „Auch dafür haben wir eine Selbsthilfegruppe.“

Das mit den Weibern sei noch nicht einmal das Schlimmste, stöhnte Hermann dann. –
„Und was ist das Schlimmste?“ fragte Jakob. – „Er schreibt. Romane. Erzählungen. Tinnef!“ – Nicht einmal das konnte den Leiter erschüttern. Er fragte ganz sachlich: „Auf Tschechisch? Oder Jiddisch?“ – „Nebbich auf Deutsch“, antwortete Hermann. „Aber in welcher Sprache auch immer: es ist wirres Zeug, das kein Mensch lesen will! So unappetitlich ist es.“ – „Worüber schreibt er denn?“ – „Über riesige Käfer. Sprechende Affen. Schakale und Araber … soll man’s glauben? Gib’s auf, das habe ich ihm hundertmal gesagt. Ich kann mir das Urteil darüber erlauben. Mach kurzen Prozess und wirf deine Manuskripte in den Ofen. Bleibe bei deiner Versicherung, oder von mir aus mache eine Verwandlung durch. Werde ein Landarzt, wenn dir das lieber ist. Wenn es sein muss, geh nach Amerika. Aber lasse das Schreiben sein. Schriftsteller mag ja vor dem Gesetz ein Beruf sein wie andere auch. Aber in der Praxis ist so ein Schreiberling nichts als ein Hungerkünstler.“

Hermann war ins Schnaufen geraten. Jakob war die Ruhe selbst: „Wenn dein Sohn schreibt, so ist das gut für ihn. Wir sollen akzeptieren, was für unsere Kinder gut ist.“ – „Gut für ihn?“ fuhr Hermann auf.  „Unglücklich macht es ihn. Weil kein Mensch das lesen will. Kein Wunder. Ich will es ja auch nicht lesen. Wenn er wieder einmal mit einem Buch ankommt, sage ich: Leg’s auf den Nachttisch.“

Jakob schüttelte sanft den Kopf: „Aber Hermann.“ – Der ließ sich nicht beruhigen: „Und dann diese endlosen Briefe, die er mir schreibt. Dutzende und Aberdutzende von Seiten.“ – Der Leiter versicherte, es sei ein Zeichen der Wertschätzung, wenn unsere Kinder uns schrieben. – Hermann lief rot an:           „Ich schätze ihn mehr, wenn er mir nicht schreibt! Überhaupt will niemand sein Ge­schreibsel lesen. Ein Buch in der Auflage von 800 Exemplaren, was ist das schon! Und nach drei Jahren ist die Hälfte noch nicht verkauft.“

Jakob hielt dem Zürnenden vor, die andere Hälfte sei demnach verkauft worden, das sei doch eine Leistung. Doch Hermann blieb ungerührt: „Ein anderes Buch … es wurde von einem einzigen armseligen Rezensenten zur Kenntnis genommen!“ – Es sei also besprochen worden! Das sei doch großartig. – Hermann zog weiter vom Leder: „Eine legendäre Lesung in München, bei der die Zuhörer schreiend herausrannten … wenn sie nicht vorher ohnmächtig wurden!“ – „Starke Emotionen! Das ist doch wundervoll!“

„Jakob, ich frage dich: Was soll ich als Vater, der sich und seiner Familie den sozialen Aufstieg verschafft hat, mit einem so untauglichen Sohn anfangen!“ – Der also Gefragte betonte, es sei die vornehmste Aufgabe eines Vaters, das Talent seiner Kinder zur Entfaltung zu bringen. – Das überzeugte Hermann ganz und gar nicht: „Talent … Pfui Spinne! Mein gescheiter Sohn ist ein gescheiterter Schreiberling. Und meine eine Tochter ist vollkommen verbauert! Bewirtschaftet ein Gut. Hat einen Bauern geheiratet. Einen Tschechen. Einen Katholiken! Pfui Spinne, gleich dreifach pfui … Ja, ihren Vater unglücklich zu machen, dafür haben meine Kinder Talent!“

„Kommen wir auf deinen Sohn zurück“, versuchte ihn der Leiter zu beruhigen. „Ist es nicht ein erhabenes Gefühl für einen Vater, wenn sein Sohn zur deutschen Literatur beiträgt?“ – „Ich muß doch bitten“, brach es Hermann heraus. „Deutsche Literatur, das ist Goethe. Schiller. Lessing. Heine. Aber doch nicht so ein Franz … der Enkel eines Metzgers aus dem Dorfe Wossek in Südböhmen! Einer, der über Zirkusreiterinnen schreibt … und über riesenhafte Käfer.“

Albrecht Dürer habe den Hirschkäfer gemalt, gab Jakob zu Bedenken, überlebensgroß sogar! – Auch das überzeugte Hermann nicht: „Ich habe mein ganzes Leben schwer gearbeitet. Alles für meine Kinder! Ich verlange dafür keine Dankbarkeit. Aber doch wenigstens irgendein Entgegenkommen. Statt dessen hat mein Sohn sich seit jeher vor mir verkrochen: in sein Zimmer, zu seinen Büchern, zu seinen verrückten Freunden, zu seinen überspannten Ideen.“

Was Hermann denn wünsche, dass sein Sohn tun solle, fragte Jakob. – „Ich habe ihm gesagt: Wenn du nicht parierst – ich zerreiße dich wie einen Fisch!“ – Jakob fand, das seien harte Worte. Er sei sich sicher, Hermann selbst hätte keine einfache Kindheit gehabt. – „Schon mit sieben Jahren musste ich mit dem Karren durch die Dörfer fahren“,bestätigte Hermann diese Vermutung.

Er wollte diese Aussage durch eine Reihe von Details bekräftigen, doch dazu kam es nicht. Unangeklopft stürmte ein eleganter Herr hinein, auch mit Schnauzbart, doch eine Generation jünger als der sorgengeplagte Vater. Den er sofort enthusiastisch begrüßte: „Gott sei Dank, endlich habe ich Sie gefunden!“

Hermann war überrascht, den eilig Eingetretenen hier zu erblicken, und wollte ihn mit dem Leiter der Selbsthilfegruppe bekanntmachen. „Das ist der Herr Doktor …“, hub er an, wurde aber wegen der Vornamenregel erneut unterbrochen. Der Neuankömmling stellte sich demgemäß nur als Max vor. Er gab an, er verdiene sein Brod mit Schriftstellerei.

Hermann, immer noch verwundert, erkundigte sich, was den Herrn Doktor … also Max … hierhergeführt hätte. Ob der Magistrat womöglich auch ihm die Selbsthilfegruppe auferlegt hätte? – „Herr K …!“ Max unterbrach sich gerade noch rechtzeitig, „Hermann! Sie müssen hier raus!“

Seufzend berichtete Hermann, er hätte durchaus lieber in Arrest gewollt. Aber der Magistrat habe es nun einmal nicht erlaubt. – Jakob warf begütigend ein, unser Freund Hermann habe keinen einfachen Charakter. Aber das sei sein gutes Recht. – „Oh, er hat immer Recht“, wusste Max. – „Und wenn ich in einer Sache keine Meinung habe“, strahlte Hermann, „dann sind eben alle Meinungen dazu falsch.“

Nun war der Leiter doch ein wenig fassungslos geworden. Kopfschüttelnd blätterte er in seinen Aufzeichnungen und versuchte, einen neuen Ansatz zu finden. Doch Max war ungeduldig. „Hermann!“ rief er aus. „Stellen Sie sich vor, seit Sie verpflichtet sind, hier in diese Gruppe zu gehen, schreibt Ihr Sohn nicht mehr!“

Wie tragisch, spottete Hermann. Da müsse er ja direkt außer der Reihe in den Tempel gehen und dem Herrn danken! – Max raufte sich die Haare: „Keine einzige Zeile hat er mehr zustandegebracht!“ – Ob der Vater das vor der Literatur verantworten könne, fragte Jakob, und Max pflichtete ihm bei. – Hermann winkte ab: „Seine Kritzeleien … was gehen die mich an!“ – „Sein ganzes Schreiben handelt von Ihnen!“ Max rang die Hände. „Wissen Sie das denn nicht?“

Hermann blieb ungerührt. „Man hat mir schon gesagt, ihm und seinen Bohème-Freunden hat der Konflikt zwischen ihm und mir mittlerweile mehr Gesprächsstoff geliefert als der gesamte verflossene Weltkrieg!“ – „Max!“ brachte sich der Leiter in Erinnerung. „Du wirst mir helfen, diesem hart arbeitenden Vater einen Weg aufzuzeigen, wie er das Talent seines Sohnes zum Wachsen und Gedeihen bringen kann.“ – Max wehrte die Unterstützung ab: „Den Weg dazu weiß ich.“ Und zu Hermann sprach er:„Sie müssen Ihren Sohn weiter sekkieren! Nach Strich und Faden schurigeln müssen Sie ihn, damit er weiter so genial schreibt!“

„Max!“ Jakob war entsetzt. „Was muß ich hören?“ – Max ignorierte ihn und sprach weiter zum Vater: „Er muß als Sklave unter Ihrem strengen Gesetz leben. Unter einem Gesetz, das nur für ihn erfunden ist und dem er niemals völlig genügen kann.“ – Dem Leiter standen die Haare zu Berge: „Aber Max! Wir sollen unsere Kinder ermuntern und fördern!“ – „Papperlapapp“, machte Max. „Er hat Furcht vor seinem Vater. Und die braucht er zum Schreiben wie die Luft zum Atmen!“

Noch immer gab Jakob nicht auf. „Ermuntern und fördern!“ stammelte er. – „Humbug“, rief Max. „Schauen Sie sich Mozart an. Was hätte er schon zustandegebracht ohne seinen Popanz von Vater!“

Nun war sogar Hermann entgeistert: „Aber Herr Doktor …“ – Der ließ sich nicht aufhalten: „Oder nehmen Sie den Barockdichter Johann Christian Günther. Der hat mit seinem Werk noch Goethe beeinflusst. Fünfmal hat er versucht, sich mit seinem Vater aus­zusöhnen. Fünfmal hat sein Vater ihm die Tür gewiesen! Und was glauben Sie? Das hat ihn inspiriert!“

In seiner Verzweiflung versuchte es Jakob auf einem anderen Weg. Wenn Hermann die Selbsthilfegruppe verlasse, müsse er in Arrest. Das könne Max doch nicht wollen? – „Ich habe eine andere Gruppe für ihn“, trumpfte Max auf. „Besser für ihn, und für die Literatur! Wenn er von jener Gruppe eifrig lernt, wird er seinen Sohn schikanieren, dass es eine reine Freude ist. Zu nie da gewesenen Höchstleistungen wird er ihn antreiben!“ Stechenden Blickes schaute er Hermann an: „Franz braucht das! Das, und nur das, wird ihm die Unsterblichkeit sichern.“

Der niedergeschlagene Leiter erkundigte sich, was für eine famose Gruppe das sein solle. – „Die russischen Eislauf-Eltern!“ triumphierte Max. „Grenzenlos ehrgeizig, und gemein bis zum Gehtnichtmehr.“

Jakob brachte nur noch ein kraftloses „Aber …“ hervor. – „Meinen Sie wirklich, Herr Doktor Brod?“ fragte Hermann skeptisch, aber nicht uninteressiert. – „Nu kommen Sie schon, Herr Kafka“, rief Max aus. „Die Literaturgeschichte wird Ihnen zu Dank verpflichtet sein, in Ewigkeit!“

Arm in Arm verließen die beiden das Büro des konsternierten Leiters der Selbsthilfegruppe. So ein Fall war ihm noch nicht untergekommen. Er beschloss, seiner Gruppe lieber nichts davon zu erzählen. Wenn der junge Mann tatsächlich in die Literaturgeschichte einginge, würden sie es schon merken.





Marec Béla Steffens, geboren 1964 in Hamburg. Er hätte Kaffeehausliterat werden können, allein – er trinkt keinen Kaffee. So zog er als promovierter Volkswirt in die Welt hinaus, u.a. für Siemens, mit mehrjährigen Aufenthalten in München, Shanghai, Budapest, Warschau, Düsseldorf, Houston, Fürth, Dammam/Saudi-Arabien, Bayreuth und neuerdings Gladbeck. Von ihm sind bisher sechs märchenhafte Bücher erschienen, alle bis auf eines im Geest-Verlag. In Konzerten des Siemens-Orchesters Erlangen wurden mehrere Theaterszenen von ihm aufgeführt. Zudem schreibt er Libretti für je zwei deutsche und amerikanische Komponisten, mit Aufführungen in London, Rheinsberg, Kassel, Houston und Round Top/Texas. Mehr auf http://www.maerchenkater.de






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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