Christian Günther für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Es ist besser so
Das Sonnenlicht suchte sich seinen Weg durch die zugezogenen Vorhänge. Es war Herbst, die Tage wurden kürzer. Zeit zum Aufstehen, auch wenn der Wecker mir noch eine halbe Stunde zugestanden hätte.
Der wichtige Termin war um elf Uhr und ich hatte zum Glück einen Urlaubstag dafür bewilligt bekommen. Es war keine leichte Entscheidung gewesen, ihn zu vereinbaren. Auf lange Sicht jedoch die richtige Entscheidung. Zu dem Ergebnis war ich theoretisch gelangt. Nur waren Verstand und Herz erfahrungsgemäß nicht immer einer Meinung.
Im Bad sah ich in den Spiegel. Niemand wird jünger, dachte ich mir. Im Gegenteil: Wir werden älter, Männer interessanter. Wobei: Mein Letzter war gleichaltrig gewesen, gleicher Jahrgang. Ihm habe ich gefallen, so wie ich war!
Eine Tasse Kaffee, dazu ein Croissant, anschließend eine Zigarette.
Permanent dachte ich an den Termin. Der Zeiger der Uhr stand still, so schien es. Doch tatsächlich: Als ich wieder darauf schaute, war es ein paar Minuten später! Ich konnte jetzt nichts anderes tun. Kein Buch lesen, kein Fernsehen, keine Wäsche bügeln.
Endlich halb elf, Zeit zum Aufbrechen! Draußen ein kühler Wind, Blätter wirbelten über meinen Kopf hinweg. Der Himmel bezog sich. Für den Mittag war Regen angekündigt. Bis dahin würde ich nicht nach Hause kommen. Hätte ich lieber meinen Schirm mitgenommen?
Kurz vor elf betrat ich das Gebäude. Am Empfang stellte ich mich vor. Ein Gespräch mit Herr Brockmann, der die Einrichtung leitete.
Er ließ mich nicht lange warten, wenige Augenblicke später stand er vor mir und begrüßte mich mit festem Händedruck. »Frau Schaehr, was halten Sie davon, wenn wir erst durch das Haus gehen für einen ersten Eindruck? Den Rest besprechen wir danach bei mir im Büro?« »Gerne, Herr Brockmann!«, stimmte ich zu. »In der Hinsicht bin ich völlig offen. Es ist eine schwierige Entscheidung! Ich hab es mir nicht leichtgemacht.« »Sie fällt keinem leicht, glauben Sie mir! Wie Sie sehen, ist im Erdgeschoss der Empfangsbereich mit Sitzmöglichkeiten. Da vorne die Cafeteria, die Küche hat von sieben bis sieben geöffnet. Ansonsten ist hier nur noch die Wäscherei. Es wird alles im Hause gewaschen, nimmt keinen Umweg über einen externen Anbieter.« »Okay! Wirkt sehr hell und nett.« »Das wurde schon bei der Bauplanung berücksichtigt.« Er drückte am Aufzug auf einen Knopf, das Fahrgerät kam umgehend. »Sie haben Glück, Frau Schaehr, das Mittagessen ist um zwölf. Wir sind der Welle voraus, die gleich einsetzt.« »Manche essen unten in der Cafeteria?« »Ja! Die, die fit sind, nehmen das gerne in Anspruch. Auf den Stationen sind aber ebenfalls Speiseräume, und auf dem Zimmer ist es möglich.« Im ersten Stock verließen wir den Aufzug und Herr Brockmann suchte seinen Generalschlüssel vor. »Die Bewohnerin ist gerade im Krankenhaus. Sie hat einiges an Inventar mitgebracht, was hier erlaubt ist und den uns Anvertrauten den Umstieg erleichtert. Es ist eben nicht das eigene Zuhause.« »Das ist für mich ein wichtiger Aspekt«, meinte ich, während er aufschloss.
Wie im Eingangsbereich, so war es in dem Zimmer durch zwei große Fenster ebenso hell. »Wir haben Rollläden«, fuhr Herr Brockmann fort. »Sonst hätten wir im Sommer viel Hitze drin. Der Tisch, der Sessel und der Kleiderschrank sind individuell, das hat die Bewohnerin mitgebracht. Das Pflegebett mit Fernbedienung ist Einrichtungseigentum, es erleichtert den Pflegekräften die Arbeit. Tiefes Bücken tut dem Rücken nicht gut. Wir sind sehr zentral gelegen. Der Nachteil, Sie können gerne hinaussehen, ist, dass wir nur einen kleinen Garten haben. Er ist aber umzäunt, damit niemand verduftet. Vor allem Demente haben eine Tendenz dazu. Zumal die Haltestelle nicht weit weg ist.« Draußen vernahm ich eine Sirene, die vor dem Haus stoppte. »Ein Notfall?« »Ist jemand gestürzt«, erklärte er. »Das können wir leider nicht immer verhindern, dass solch etwas passiert.« »Das hatte ich letzte Woche selber, daher bin ich hier bei Ihnen. Ich komme extra in meine Heimat zurück. Vorher wohnte ich jahrelang im Süden.« So ganz stimmte es nicht. Das mit dem Süden schon, aber ich kam nicht alleine. Mein Sohn musste die Schule wechseln und Freundschaften abbrechen. Zudem hatte ich mir einen Fehltritt geleistet. Es lag nicht an meinem Freund, der mir sogar einen Weg zurück ermöglichte. Dennoch mussten wir feststellen, es war nicht wie vorher. So kam es zu einer Trennung im Guten. Ihn hatte ich bei meiner Entscheidung als Ratgeber einbezogen, und heute Abend würden wir über das Treffen reden.
Hin und wieder war ich bei meinen Eltern zu Besuch in der Heimat. Mutter noch geistig fit, aber mein Schwiegervater entwickelte Demenz. Ich bemerkte das! Mutter wirkte jedoch fit, dass sie das allein schaffte. Was war das ein Schock, als ich letzte Woche zu Besuch kam!
»Sie sind wegen Ihren Eltern hier, wenn ich das beim Telefonat richtig verstanden habe?«, fragte nun Herr Brockmann.
Ich nickte. »Letzte Woche fand ich beide in der Wohnung. Mutter war gestolpert und konnte nicht selber aufstehen. Sie lag die ganze Nacht auf dem Boden. Ihr ist nichts passiert, aber sie kam halt nicht mehr hoch. Sie geht auf die achtzig zu! Schwiegervater konnte ihr nicht helfen, geschweige denn Hilfe holen. Er ist immer um sie herumgelaufen und hat den Kühlschrank geräubert. Alles, was er finden konnte, gegessen, teils ungekocht. Zur Toilette ist er nicht gegangen. Seine Kleidung und der Boden an verschiedenen Stellen nass. Kein Fenster auf, wie die Wohnung roch! Sie könnte theoretisch dort bleiben, aber sie ist mit Vaters Versorgung überfordert. Das klappt nicht mehr! Es ist nicht leicht, sie nach fast vierzig Jahren Ehe zu trennen und ihm mit der Diagnose die neue Umgebung, den Ortswechsel zuzumuten. Ich würde das gerne anders regeln, es tut mir im Herzen weh.« Mir fällt es schwer, die Tränen zu unterdrücken. »Nur der Verstand sagt mir: Es ist besser so!«
So etwas passiert nicht einfach
»Junge«, seufzte dessen Mutter.
»Ja, Mama?«, entgegnete er leise.
»Es ist für euch schon schwierig genug, oder nicht?« Er senkte den Blick.
»Du bist gerade zwanzig und im ersten Ausbildungsjahr.« »Mir bereitet das viel Freude«, erwiderte er nun.
»Das weiß ich, und das glaub ich dir gerne. Allerdings liegen noch zwei Jahre vor dir, bis du die Ausbildung abschließt. Ihr habt die gemeinsame Wohnung, und nur du verdienst das Geld. Für die Ausbildung, nicht schon feste im Beruf arbeitend.« »Ich weiß das, aber …« Er stockte.
»Ihr müsst zu dritt von dem Geld leben. Ich kann euch nicht helfen, komme selber schwer mit meinem aus. Bin dazu selber noch berufstätig, zeitliche Hilfe ist ebenso schwer.« »Wir wollen das möglichst selber schaffen.« »Das ist euch hoch anzurechnen.« »Freust du dich denn überhaupt nicht?« »Natürlich freu ich mich über einen zweiten Enkel, aber ihr seid noch so jung und hättet noch so viel Zeit gehabt.« »Es ist einfach passiert.« »Es lässt sich verhindern. So etwas passiert nicht einfach.«
Christian Günther wurde 1979 in Essen geboren. Er ist gelernter Industrie-Technologe und examinierter Altenpfleger. Schon in jungen Jahren veröffentlichte er Zeitungsartikel und Bücher.
Seit 2022 geht sein Essener Ermittlerduo Judith Reiter & Nick Fengler mit Ruhrpott-Slang und gleichberechtigt als »Die zivilen Fahnder/innen« auf Streife, als Krimiserie und in Kurzgeschichten.
Mit bairischem Dialekt stieß 2024 das uniformierte Duo Miriam „Miri“ Homberg und Michael „Mike“ Homberg dazu. Zunächst mit Kurzgeschichten, aber auch hier ist eine Serie geplant.
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