Kristina Miller für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Parklücke
Mit dem Zutrauen ist das ja so eine Sache. Zu viel ist schlecht, zu wenig aber auch nicht besonders förderlich. Ich zum Beispiel traute mir als Fahranfängerin recht viel zu. Den Führerschein hatte ich im September bekommen. Anfang November fuhr ich auf eine Parkfläche ein und war überzeugt, der von den Pfeilen vorgegebenen Fahrtrichtung, nicht Folge leisten zu müssen, weil der Weg zur erspähten Lücke ja anders viel kürzer war.
Zwei eingedellte Autotüren später war dann das Zutrauen sichtlich geschmälert.
Das erwartete Donnerwetter blieb jedoch aus, mein Vater ging nicht mal in die Garage, um den Schaden zu begutachten: „Hin sind’s halt.“, meinte er nur. Ihn trifft also wohl keine Schuld für die Minderung meines Vertrauens in die eigenen Fahrfähigkeiten. Mittlerweile ist das Zutrauen nicht selten sogar so gering, dass ich lieber dreimal am Parkplatz im Kreis fahre, um dann ja eine Lücke zu finden, die groß genug ist. Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Ich habe trotzdem oft ein schlechtes Gewissen und höre im Kopf sowas wie: „Typisch Frau, die können einfach nicht einparken!“ Wenn ich etwas nicht möchte, dann ist es der Grund dafür zu sein, Vorurteile noch mehr zu zementieren. Zwei Dinge gilt es jedoch meiner Meinung nach bei der Betrachtung des Stereotyps „Frauen am Steuer“ zu beachten:
- Wir werden nicht gleich gut gefördert. Jungs bekommen viel früher viel mehr Möglichkeiten zum Üben. Dreirad, Bobbycar, Go-Kart etc. – auch ferngesteuerte Autos gehören für mich zur Frühförderung. Ich beobachte, dass oben genannten Dinge in vielen Mädchen-Haushalten nicht vorhanden sind. Ältere Brüder sind von Vorteil für die weiblichen Fahrkünste.
Kann doch nicht wahr sein, dass wir selbst in diesen Belangen von den Männern abhängig sind!
- Das Vorurteil, dass Frauen insgesamt schlechte Autofahrerinnen sind, hat einen Bart. Früher als nur Männer fahren lernten und Frauen, wenn überhaupt, erst spät, mag das möglicherweise wahr gewesen sein. Derzeit erspähe ich immer öfter eher ältere Männer, die gemeingefährlich unterwegs sind. Das Ego und der Führerschein sind bei diesen Exemplaren quasi eins, und in ihrer Wahrnehmung sind das Verkehrsproblem auch nicht sie, sondern alle anderen.
Nun erwähnter Vater jedenfalls, der als Bub damals offensichtlich beste Bedingungen vorgefunden hatte, um sein Zutrauen stark und nicht übermäßig werden zu lassen, hat mich einmal restlos von seiner exakten Kenntnis der eigenen Fahrkünste überzeugt. Man stelle sich eine kleine Parklücke vor, das ebenso kleine Auto sollte hineinpassen, muss aber seitlich hineinmanövriert werden. So weit so gut. Besagte Lücke ist in steilem Gelände, und wenn ich steil sage, dann meine ich steil, ich komme aus den Bergen. Die ersten Leute blieben schon stehen, um zuzuschauen, als sie erkannten, was mein Vater da vorhatte. Milde lächelnd, Arme verschränkt. Der Vater schlang seinen Arm um die Kopfstütze meiner Mutter. Blickte fokussiert zwischen uns Kindern hindurch zur Heckscheibe. Bei jedem Zurücksetzen musste die Handbremse verwendet werden. Mein Bruder und ich saßen stillschweigend und bewegungslos auf dem Rücksitz. Die Mutter wollte immer wieder etwas sagen, öffnete den Mund und ließ es dann doch bleiben. Wir hatten vorher vergeblich eine andere Parkmöglichkeit gesucht. Anspannung lag in der Luft. Nach gefühlten zwanzig Mal Vor und Zurück stand das Auto tatsächlich in der Lücke. Erst beim Aussteigen rochen wir, was das Einparken dem Gefährt abverlangt hatte, und ich erkannte, dass uns nur wenige Zentimeter von eingedellten Stoßstangen trennten.
Die Schaulustigen waren bereits enttäuscht abgezogen als klar wurde, dass sich hier Erfolg einstellen würde. Ich für meinen Teil hätte mich wirklich nicht gewundert, wenn jemand geklatscht hätte, aber so sind die meistens Menschen nunmal leider nicht.
Ich übe inzwischen noch Zutrauen und Fahrkünste in Einklang zu bringen und lasse meine Tochter im Garten den Elektrotraktor rückwärts einparken – mit Anhänger.

Kristina Miller wurde 1986 in St.Johann in Tirol geboren und lebt seit 2018 mit ihrem Ehemann und ihren bald drei Kindern in Kufstein. Davor hat sie über zehn Jahre in Innsbruck verbracht, wo sie Deutsch und Mathematik auf Lehramt studiert und dann am Gymnasium Sillgasse vorwiegend Mathematik unterrichtet hat. Das Schreiben war schon als Kind eine große Leidenschaft, jetzt nimmt sie die Feder wieder in die Hand und schöpft daraus Verständnis für sich selbst und die Welt.
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