Martin A. Völker für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Ein magisches Instrument
Eine Wiederholung mag zunächst vielleicht langweilig erscheinen, aber das Wiedererkennen bringt das gute Gefühl der Beständigkeit hervor. Eintönig sind Wiederholungen nicht. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat dies beschrieben mit einem Hinweis auf das Posthorn: Der Vorgang, in ein Posthorn hineinzublasen, ist in seiner Wiederholung derselbe, doch könne man dem Instrument niemals denselben Ton entlocken. Dieses Zusammenspiel von Selbigkeit und Verschiedenheit, von Einerleiheit und einem munteren Wechsel erfreut uns ebenso in der Natur. Die Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter wiederholen sich, während sich die jeweiligen Hervorbringungen von Jahr zu Jahr unterscheiden, ganz abgesehen von unseren Erlebnissen in diesen Zeitabschnitten. Die Jahreszeiten finden ihre Entsprechung in jedem Leben. Es durchläuft das kindliche Aufkeimen, das jugendliche Wachstum, die erwachsene Blüte und das graue Absterben. So gesehen gibt es nichts Neues unter der Sonne, doch die ewige Wiederholung glitzert stets in anderen Farbschattierungen, das bekannte Muster erstrahlt in unbekanntem Glanz. Den stärksten Eindruck der dynamischen Einheit von Selbstbleiben und Anderswerden erfährst du in dem Zustand der Elternschaft, der als unendliche Wiederholung den Fortbestand und den möglichen Fortschritt der Menschheit sichert. Irgendwann bist du bei dir selbst angekommen, willst bei dir bleiben, dich wohlig wiederholen, und plötzlich wird alles anders: Ein Kind kommt, womit sich das wiederholt, was sich in der Menschheitsgeschichte schon unzählbar oft wiederholt hat. Allerdings ist die Wiederholung mehr als Reproduktion. Die Vervielfältigung wird zu einer Vervielfachung, an deren Ende, wenn es ein solches gibt, du in deinen Wiederholungen ein anderer Mensch geworden sein wirst. Was bist du anderes als ein Posthorn? In dieses Posthorn wird kräftig hineingepustet, viele neue Töne werden zu hören sein, angenehme und unangenehme, bisweilen erstaunt dich Posthorn die Klangfülle eines ganzen Orchesters, die man an schlechteren Tagen nur als Grummeln eines Hornochsen wahrnimmt. Oft genug wirst du darüber nachdenken, wie um Himmels willen aus deinen bekannten Anteilen und den bekannten Anteilen deines Gegenübers so etwas wirklich anderes, eigenständiges und eigenwilliges entstehen konnte. Als sähest du eine Wiederholung von „Casablanca“, in der sich Ilsa Lund ihre Haare giftgrün färbt, und Rick seinen Pianisten Sam bittet, „Great Balls of Fire“ zu spielen. Erst viel später merkst du, dass du nicht länger der bist, der du warst. Völlig anders bist du geworden, über den Umweg einer Wiederholung, weil das Kind dich wieder kindlich gemacht hat, du alles mit kindlichen Augen gesehen hast. Du kennst den berühmten Satz des Philosophen Heraklit, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Hätte Heraklit Kinder gehabt, hätte er gewusst, dass neben dem vorbeirauschenden Fluss, der nie derselbe ist, der hineinsteigende Mensch es ebenso wenig sein kann. Außerdem hätte Heraklit einem kleinen Menschen am Wasser sofort Schwimmärmel verpasst. Du erfreust dich daran, anders geworden zu sein, was dir die Hoffnung gibt, dass allgemein alles anders, nämlich gut werden könnte. Und dann wiederholt sich etwas, was sich immer wiederholt, wenn es gerade am schönsten ist. Der Abschied naht, viel schneller kommt er heran, als du es ahnst, weil sich alles wiederholen soll: das Geschichtenerzählen auf dem Weg zur Schule, das Bereitstellen von Wärmflaschen in allen Formen und Farben, das tägliche Schmieren der Teewurstbrote nach dem eigentlichen Abendessen, das gemeinsame Schmücken des Weihnachtsbaums. Das und noch mehr darf bitte so bleiben, wie es anders geworden ist. Aber es wiederholt sich eben nur die Veränderung, die sich dann in der Wiederholung wieder besser anfühlt. Das Kind ist aus dem Haus. Ein Platz bleibt leer. Die Leere und der Phantomschmerz bringen dich dazu, nachzuforschen, wer du gewesen bist, ob sich das Gewesene wiederholen lässt. Im Weinen wirst du lachen und mit Kierkegaard ausrufen: „Es lebe das Posthorn!“

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.
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