Mila Alieva für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Echo der Erinnerungen
Der Regen fiel in sanften Strömen, als Anna vor dem alten Familienhaus stand, das in der Dämmerung wie ein Schatten der Vergangenheit wirkte. Es war viele Jahre her, seitdem sie das letzte Mal hier gewesen war, und die Erinnerungen an ihre Kindheit waren mit Trauer über den Verlust ihrer Eltern vermischt. Das Haus, einst voller Leben, war jetzt still und leblos.
Mit einem tiefen Atemzug öffnete Anna die knarrende Tür und trat ein. Der Geruch von feuchtem Holz und verblassten Erinnerungen empfing sie. Jedes Zimmer war wie eine Zeitkapsel, gefüllt mit den prägenden Momenten ihrer Vergangenheit. Die Wände waren mit Bildern ihrer Familie geschmückt – glückliche Momente, die nun wie ferne Träume erschienen.
Im Wohnzimmer entdeckte sie das alte Klavier ihrer Mutter, das in der Ecke stand und mit einer dicken Staubschicht bedeckt war. Ihre Mutter hatte oft darauf gespielt, manchmal auch zusammen mit ihr. Anna setzte sich vorsichtig auf den ledernen Hocker, und drückte einige Tasten. Der Klang hallte durch den Raum, und für einen Moment fühlte es sich an, als wäre ihre Mutter bei ihr.
Sie blickte um sich und entdeckte in einem alten Kasten das Notizbuch ihrer Mutter. Es war voller handgeschriebener Gedanken, Erinnerungen und Geschichten aus ihrer Jugend. Eine Seite war dem Thema Familie gewidmet, und Anna las: „Familie bedeutet, die Stürme des Lebens gemeinsam zu überstehen. Es sind die kleinen Dinge, die uns verbinden.“ Mit jedem Satz spürte Anna, wie eine Welle der Traurigkeit sie überkam, aber auch ein Gefühl der Dankbarkeit für die Momente, die sie geteilt hatten. Die Worte ihrer Mutter schienen in ihr weiterzuleben, auch wenn sie nicht mehr da war.
Plötzlich hörte Anna ein Klopfen an der Tür. Verwundert ging sie zur Tür und öffnete sie. Draußen stand ein Nachbar, ein älterer Mann, den sie aus der Nachbarschaft kannte. „Ich habe gehört, dass du zurück bist“, sagte er mit einem warmen Lächeln. „Es tut mir leid um deine Eltern. Sie waren wunderbare Menschen.“ Anna nickte, während die Tränen in ihren Augen schimmerten. „Danke“, murmelte sie, „es ist schwer, hier zu sein.“ Der Nachbar trat ein und sah sich um. „Das Haus hat viel erlebt. Es hat Geschichten gesehen, die wir nie vergessen dürfen.“ Er hielt an einem Foto über dem Kamin an, das ihre Eltern an ihrem Hochzeitstag zeigte. „Ich erinnere mich, als sie hier vor vielen Jahren gefeiert haben. Es war ein großer Tag für alle.“ In den folgenden Tagen lud Anna alle Nachbarn ein, um gemeinsam Erinnerungen zu teilen. Sie kochten, erzählten Geschichten und spielten die alten Lieder ihrer Mutter am Klavier. Das Haus, das einst von Stille umgeben war, erwachte zu neuem Leben.
Anna wurde bewusst, dass ihre Eltern nicht nur in Erinnerungen lebten, sondern auch in den Menschen, die sie umgaben. Es war an der Zeit, ihre Geschichte weiter zu schreiben und die Werte ihrer Familie lebendig zu halten.
Das Echo der Erinnerungen erfüllte das Haus, und Anna wusste, dass die Liebe und die Worte ihrer Eltern immer bei ihr sein würden, egal wohin das Leben sie führte.
Mila Alieva (Liudmila Alieva)
„geb. 1976, seit 2008 in Berlin
Studium der Germanistik
schreibe Lyrik, Prosa und Musik.“
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