Michael Wenzel für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Was Vater uns über die südländischen Völker lehrte
Eines, was Vater uns lehrte, war ein tiefes Wissen über Wesen und Lebensart südländischer Völker. Nicht dass Vater einmal dort gewesen wäre. Keineswegs Aber er wusste trotz allem eine Menge von denen.
Und das kam so. Vater arbeitete als Oberer in einem Transportgeschäft, wo Tag um Tag ewiglange Lastwagen anröhrten, um ihren Bauch, mit Kisten und Kästen befüllt, entladen und wieder neu gestopft zu bekommen, damit sie gleich wieder abröhren konnten.
Weil hierzulande zu der Zeit kaum irgendwelche nach der Zufriedenheit des Vaters diese Sache verrichten wollten, haben die im Transportgeschäft laut gerufen. Gerufen, damit solche bei uns her- und einziehen sollten, um sich mit unseren Kisten und Kästen abzurackern.
Die müssen im Geschäft laut gerufen haben, denn es sind welche gekommen.
Aber die waren nicht von hier.
Die ersten, die wohl den Ruf gehört haben, waren die Spanier, die, von uns geschaut, ganz rechts unten wohnen.
Die Spanier, hat Vater gesagt, sind ein edler und furchtbar vornehmer Menschenschlag und obendrein stolz wie der Hahn auf dem Mist. Du siehst gleich, dass da ein Spanier vor dir steht, so mit seiner grünlichen Haut, den dunklen Augen und den pechschwarzen Haaren, die er sich mit Olivenöl an den Kopf klebt. Sie haben auch so edle Namen und bei ihrer Musik stampfen sie auf wie die Pferde.
Nach einer Zeit hat er aber nicht mehr viel von den Spaniern erzählt, sondern sich über sie ausgeschwiegen und wieder eine Weile später hat er durch die Zähne gedrückt, das mit den Spaniern sei bei Gott ein beinhartes Kreuz. Weil die so piekfein sind, wollen die nicht mal die Finger in den Dreck stecken und schauen lieber edel über die Arbeit hinweg.
Also, das ist nichts mit den Spaniern, hat der Vater zuletzt geknurrt, und sie haben die Spanier wieder zurückgerufen, dorthin, wo die hergekommen sind, nach rechts unten nämlich.
Aber weil in dem Geschäft jetzt keiner mehr die Ärmel aufzukrempeln gedachte, scheinen sie noch einmal gerufen zu haben. Die nächsten, welche das offenbar hörten, sind die Italiener gewesen. Denn in Scharen, mit Mama mia und Bambini und Spagetti, und wieselflink kamen die an, nicht so vornehm einhergeschritten wie die Spanier, und sie sind tief aus ihrem Stiefel raufgeflitzt, der direkt unter uns hängt.
Die Italiener hat Vater von Anfang an nicht arg leiden können ‒ und zwar schon seit dem Krieg. Da haben die Italiener fast alles angezettelt, hat er gesagt, und sich nachher feig auf die Socken gemacht. Zuletzt haben die uns noch so was von verraten und verschachert.
Ich konnte mir bei all dem nicht die Bohne vorstellen, bin aber richtig stolz auf den Vater gewesen, wie der so was Mächtiges wie den Krieg durchblicken und auf ein paar Worte zusammenschnüren konnte. Ich, ich hab die Italiener kennengelernt, bis obenhin, hat der Vater ahnungsvoll gesagt und mit dem Kopf gewackelt, und natürlich sind seine unheilvollen Prophezeiungen in Erfüllung gegangen.
Die Italiener sind nämlich wirklich aufbrausend und großmäulig gewesen, haben ihre Mamas vergessen und lieber den Büromädchen nachgepfiffen und Amore, Amore geträllert und alles mitgehen lassen, was nicht angenagelt war. Hab ich`s nicht gesagt, hat der Vater geschnaubt, die bringen höchstens die mit, die bei denen Mafia heißen, richtige Dreckshunde.
Die meisten Italiener sind nachher wieder in ihren Stiefel gekrochen, nur die mit den Pizzaläden und der Eisdiele blieben hier. Die Mafia natürlich auch.
Als nächstes standen die Jugoslawen vor dem Tor, wo Vater gearbeitet hat. Auch sie kamen mit Oma und Slibowitz und mit dem Balkangrill, wo die feinen Knoblauchwürstchen drauf liegen. Aber auch die Jugoslawen hat der Vater vom Krieg her nicht in guter Erinnerung gehabt, denn er hat gesagt, die haben hinterrücks unsre Soldaten abgeknallt, ohne eigentlich Soldat gewesen zu sein, was ein feiger Partisan ist. Und den Obersten der Partisanenschufte haben sie gleich zum Allerobersten gemacht. Zudem sind die Jugoslawen untereinander wie die Wölfe, die sich zusammenbeißen, weil welche von den Jugoslawen gar keine Jugoslawen sein wollen, sondern irgendwas anders. Das ist im Balkantopf gang und gäbe, dieses Völkergulasch, wo sich jeder an die Kehle geht, ist seine Rede gewesen, und wieder haben sich die düsteren Vorahnungen des Vaters erfüllt.
Denn die keine Jugoslawen sein wollten, haben mit den richtigen Jugoslawen nicht nur nicht schuften wollen, sondern ihnen auch noch ihre scharfen Messer gezeigt. Und als es nicht nur beim Zeigen blieb, haben die im Geschäft die Jugoslawen ‒ oder wie die auch alle heißen wollen ‒ zurückverfrachtet in ihr Jugoslawien oder wie das heißen soll, also in ihr Land, wo sie weiterhin die Messer wetzen durften.
Beim nächsten Mal haben die im Geschäft schon richtig laut schreien müssen, bis tief im Süden ihnen noch jemand Antwort geben wollte, und das waren die Türken. Mit Kind und Kegel und Knoblauch, Teppich und Tee und mit dem Dönerspieß voran sind die hier angerückt. Über die Türken ist Vater offenbar schon ins Staunen und Stutzen geraten. Denn die waren nämlich keineswegs arbeitsscheu, trugen nicht die Nasen zwei Meter hoch oder haben sich mit irgendwelchen Messern gepiekst. Und gepfiffen haben die nicht nach den Mädchen, weil das bei denen verboten ist, sagte der Vater.
Die sind rührig wie die Ameisen, hat der Vater nach einer Weile gesagt, schieben hier die Stunden, um sich daheim, irgendwo in Anatolien, die Häuser hochzuziehen ‒ und die werden immer mehr. Zudem sind sie sich, hat er noch gemeint, zu nichts zu schade, quatschen auf der Stelle in jedem Kauderwelsch los wie die Teppichhändler und grinsen zu allem und überhaupt. Ist halt die orientalische Art, sich überall reinzuwursteln und gleich einen auf Freundfreund zu machen.
Und dann kam die Zeit, wo ich ab und an selbst im Transportgeschäft des Vaters arbeitete. Und es schlich zudem die Zeit heran, wo ich das Wissen des Vaters, nicht nur über südliche Völker, zu durchlöchern suchte. Doch trotz der vielen und gewaltigen Löcher, die sich da auftaten und die mir eigentlich einen ungetrübten Blick erlaubt hätten, hat sich tief drinnen das väterliche Wissen über die Lebensweise und überhaupt das Wesen südländischer Völker erhalten ‒ was kaum verwundern mag.
Die Hottentotten
So jeweils, wenn die Brüder, solche Hundsbengel, die sich eigentlich vertragen sollten, sich stattdessen an die Köpfe kriegten, hat der Vater gesagt, was das doch für eine Art sei, wie ihr euch hier beutelt. Sapperlot noch mal, hat der Vater darauf gesagt, ihr seid hier nicht bei den Hottentotten, während seine Hand weitweit in eine unbestimmte Ferne stocherte.
Dort hauen sie sich nämlich die Nasen platt, und deshalb haben die auch so Nasen, übers ganze Gesicht gebreitet, die Hottentotten, hat er noch gesagt, und dabei machte die Zunge Bocksprung und Überschlag zugleich.
Die Hottentotten hüpften eine recht lange Strecke mit, während hie und da ein kleines Stück von ihrem Geheimnis gelüftet wurde. Ewigkeiten weg nämlich hausten die, dort, wo selbst die Geier vom Himmel plumpsen und die Skorpione verdursten, weil die Sonne so grausam herunterbrennt, wie man es sich überhaupt nicht vorstellen kann. Deshalb hatten die so eine garstige Hadersucht am Leib und dazu eine richtige Kohlenkellerschwärze, denn sie waren echte Neger, also nicht wie wir. Aber auch für Neger sind sie ziemlich klein, hat der Vater gesagt, und bestimmt deshalb so dampfig. Denn die Hottentotten wollten von den braven Missionären und einem reinen Christenherzen nicht einen Furz wissen, sondern blieben bei ihren rabenschwarzen Seelen und steckten lieber die gottesfürchtigen Männer in die Kochtöpfe, wo die ihr letztes Liedlein psalmodieren durften. Wie haben die auch gedacht, den Hottentotten was wie frommes Benehmen einbleuen zu können! hat der Vater gesagt und den Kopf geschüttelt, als wäre das schier hoffnungslos gewesen.
Wenn in der Nachbarschaft oder auch bei welchen, die wir nur vom Hörensagen kannten, mal die Fetzen flogen, weil der Vater vielleicht gesoffen hat, die Kinder prügelte und die Mutter obendrein, oder die Tochter ein schamloses Flitscherl gewesen ist, was für uns noch von undurchdringlicher Dunkelheit überzogen war, ging es bei denen greulich und abscheulich zu. Halt wie bei den Hottentotten. Da durfte kein Stein auf dem andern geblieben sein, und es hat an allen Ecken und Enden gescheppert, denn der Vater hat das mit den Hottentotten gesagt, als lägen die alle brunnentief im Dreck und hätten das so verdient. Jeder kriegt nun mal seine Portion ab, hat er gesagt. Und wenn die nun an den Bettelstab kommen und alles den Bach runtergeht, so ist`s dreimal recht.
Dabei hat die Mutter ganz tief und verächtlich durch die Nase geschnaubt und dann gesagt, wir könnten unserm Herrgott danken und froh sein, dass wir keine eine solche Hottentottenfamilie seien. Bei uns freilich geht der Vater Tag für Tag in die Arbeit und opfert sich auf für alle, und da gibt`s kein böses Wort, und wenn`s mal ein paar Ohrfeigen setzt, trifft es schon alleweil den Richtigen.
Und ich war hoffnungslos eingekeilt, irgendwo zwischen stiller Dankbarkeit und Ergebung in das Geschick, das es so gut gemeint hat, mich nicht als Hottentotte auf dieser ungastlichen Welt abgeladen zu haben.
Ganz urplötzlich war dann die Zeit herangestolpert, wo man erst verstohlen maulte und herummäkelte, an diesem und auch an jenem herumkrittelte und manches von vorn bis hinten durchkauen wollte. Besonders, von dem man meinte, es hätte nicht ewig und immer die Richtigkeit gepachtet und könne sich auch mal ein paar Zentimeter oder mehr verrucken. Aber das ist schrecklichfurchtbar gewesen. Denn da ist dem Vater oben rechts am Kopf die Ader geschwollen, und er hat gesagt, das ist doch kein Negerkral hier, in dem jeder daherpalavert, wie ihm gerade der Schnabel im Wind hängt. Denn wir können doch, bittschön, aber gleich und allesamt zu den Hottentotten abziehen, hat er noch gesagt, weil bei denen ist das so. Da gefällt´s euch bestimmt.
Ich hab mir aber insgeheim gedacht, das muss ein gar lustiges Völkchen sein. Dort rumst und knallt es wenigstens einmal feingescheit, und jeder darf mal sein Maul aufreißen, ohne dass er gleich aus der Hütte fliegt oder aus dem ganzen Stamm. Die würden nicht so viel schrägen Wind machen, wenn einer ein bisschen auf den Busch trommelt. Bestimmt wären die ganz froh, wenn es was zum Aufkochen gibt.
Ein wenig später haben die sich wirklich hier bei uns breit gemacht. Wer sich nämlich die Haare lang und zottelig wachsen ließ, also Läuse und Krätze hatte, in bunte Tücher gehüllt, barfuß wie aus dem Dschungel daherkam und dazu noch stampfende Negermusik hörte, konnte nur ein echter Hottentotte sein.
Er war natürlich auch noch faul, stinkend, großmäulig und verlottert, würde es, wie jeder dahergelaufene Hottentotte, im Leben zu rein gar nichts bringen. Er pfiff auch auf unsere Allerobersten und machte deren Dienern viel, viel Ärger; denn er selbst kickte rotzfrech jedes bisschen Sitte und jeden Schnippel Moral in die Gosse, und war sonst nur ‒ für den eigenen Arsch, wie der Vater gesagt hat. Sobald der Vater endlich fertig gewesen ist, hat die Mutter gesagt, aber grad in denselben Topf gehören, die rumlaufen, dass es vorne und hinten nur so wackelt und wippt, solche abgeschmackten Hottentottenweiber, weil die nichts mehr anhätten, was ihr Zeugs stützt. Die würden auch nach Liebe mit jedem und sonst was plärren, oder wie die das nennen wollen.
Sie hätten aber von nichts eine Ahnung und vor allem keinen Funken Anstand am Leib und besonders dort, wo sie ihn dringend bräuchten. Wenn wir zu unsrer Zeit so gewesen wären, hat die Mutter bedeutungs- und ahnungsvoll gesagt, um aber bei dem abzubrechen, was Schreckliches da passiert wäre.
Noch ein wenig später habe ich einiges nachgelesen, weil sie nicht mehr rausgingen aus meinem Bauch, die Hottentotten. Ich habe gelesen, unsere Vorvorväter hätten sie gehörig dezimiert, die kleinen, lustigen und streitsüchtigen Hottentotten. Auch sonst noch manches angestellt, um ihnen auszutreiben, was bei den Vorvorvätern bis zu uns als verachtenswert galt.
Gewundert habe ich mich darüber nicht, es ist mir sogar schrecklich folgerichtig vorgekommen. Dass die Hottentotten, was Stotterer heißt, sich in ihrer Sprache Menschen nennen, hat mich aber schon angerührt.
Michael Wenzel
In Aschaffenburg 1953 geboren, Studium der klassischen Philologie, Theologie und Psychologie, Lehrer, arbeitet und lebt in Augsburg, etwa siebzig Einzelveröffentlichungen in Anthologien, Sammelbänden und Zeitschriften, zahlreiche Lesungen, Auszeichnungen, u. a. Literaturpreis der Universität Bamberg 1. Preis (Fragmente 2000), Evangelischer Literaturpreis für Kurzgeschichten 2010 (2. Preis), Bonner Parkbuchhandlung 2015 (1. Preis), Bonner Buchmesse 2015 (1. Preis für Kurzgeschichte), mitteldeutscher Literaturpreis Sparte Lyrik 2016 (1. Preis).
Einzelveröffentlichung: Dorfmenschen – Menschendorf, Kid Verlag 2019.
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