Sabine Beck für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Der Geburtstagskuchen
„Pack es aus!“
Mama wirkt fahrig, ein wenig hysterisch. Widerwillig versuche ich das silbrig glänzende Band aufzuknüpfen.
„Reiß doch auf!“
Mama ist heute wirklich sehr nervös. So aufgeregt, als wäre es ihr Geburtstag.
„Aber das Band ist schön, ich kann es nochmal verwenden”, setze ich leicht dagegen.
„Ach, nichts da!“
Mama schiebt mich zur Seite, in der Hand eine kleine, verschnörkelte Handarbeitsschere. „Die hab ich immer bei mir, ein Andenken an meine Mutter“, dabei betont sie meine mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton. Ein glatter Schnitt und zwei Silberfäden fallen zur Seite. „So, das hätten wir und nun kannst du es ja allein!“
Ich löse vorsichtig die Tesastreifen, die unregelmäßig an den Kanten verteilt sind.
„Es ist auch nicht schade um das Papier“, Mama frotzelt weiter, „mein Gott, nun mach es doch nicht so spannend!“
„Mama“, sage ich leise, „es ist mein Geburtstag“.
„Gut, dass du dich daran erinnerst, meine Gute, ich dachte schon, wir sind hier auf einer Beerdigung. Keine Musik, keine Luftballons, keine Kerzen.“
„Ich habe euch nicht eingeladen“, entgegne ich immer noch leise.
„Wen hast du überhaupt eingeladen? Jedenfalls ist nichts vorbereitet. Ich frage mich ernsthaft, was ich dir beigebracht habe. Schlampige Wohnung, schlampige Haare, schlampige Kleidung.“
„Ach, Mama“, sage ich, „ich bin eben eine Schlampe. Und du bist die Mutter einer Schlampe.“
Mamas Augen funkeln bedenklich: „Mach jetzt auf!“
Dann sagt sie den Spruch, den ich seit meinem sechsten Lebensjahr zu hören bekomme und der mir auch heute, an meinem vierunddreißigsten Geburtstag den Tag verdirbt: „Verdient hast du es aber nicht!“
Ich wickle das Papier ab und blicke auf einen kleinen, grauen Karton. „Na, was habt ihr euch denn ausgedacht?“, frage ich mit gespieltem Erstaunen.
„Ich. Nicht ihr. Dein Vater denkt schon lange nicht mehr. Jedenfalls nichts Vernünftiges.“
„Ist besser so“, Vater nickt mit müden Augen. Er hat sich in die Sofaecke reingedrückt. „Zum Kaffeekochen reicht es dir doch allemal, meine Gute.“
„Kann ich auch nicht trinken, deine Brühe, schwarz wie Moor, krieg ich nen Herzkasper von.“ Mama spricht mit ihrem Mann und schaut dabei mich an.
„Darf ich jetzt öffnen oder wollt ihr noch eine Weile diskutieren?“, leicht erschöpft hebe ich den Deckel an. „Kuchengabeln?“
„Ja, ganz besondere, Schatz. Die sind von deiner Oma!“
„Und was soll ich damit?“
„Den Kuchen essen, was denn sonst!“
„Welchen Kuchen? Ich hab keinen gebacken“.
„Ja, das dachte ich mir schon. Hier nimm. Das ist dein Kuchen!“ Mama drückt mir resolut ein folienbezogenes Holzbrett mit einem unförmigen Etwas darauf in die Hand. Das Etwas schimmert leicht gelblich und riecht mir sehr bekannt.
„Ein Hefezopf?“, frage ich und wickle die Frischhaltefolie ab.
„Ein Mann!“, erstaunt fahre ich zurück. „Das ist ja geil. Wer hat denn diese Idee gehabt?“
„Dein Vater natürlich! Der kommt immer auf solchen Mist. Ich wollte dir eigentlich einen schönen Hefekranz backen, so wie früher. Und dann ist der Teig nicht richtig aufgegangen, weil dein Vater abgelaufene Hefe gekauft hat. Muss ja immer an allen Ecken sparen.“
„Jaja, ich wieder. Ich bin immer schuld“, Vater brabbelt leise in der Sofaecke.
„Und da habe ich den Hefematsch in den Müll geschmissen, und dein Vater sagte, wenn es mir nicht passen würde, dann könne ich mir ja einen Mann backen. Endlich mal ne gute Idee von dem Mann!“
Mama zeigt begeistert auf ihr Backwerk: „Schau mal die Augenlöcher an, da habe ich Rosinen reingepickt.“ Sie dreht sich zu mir und ihre Augen nehmen einen verschwörerischen Ausdruck an. Dann holt sie tief Luft und setzt feierlich an: „Das Beste aber, das Beste kommt noch!“ Ihr langer Zeigefinger mit dem sorgsam manikürten Fingernagel wandert langsam den Hefekopf hinab über den Hefebauch bis in die untere Region vom Hefemann. Der Finger meiner Mutter schwebt über eine kräftige Mandel, die von zwei kleinen, zarten Haselnüssen eingerahmt ist. Mamas ordinäres Lachen verschluckte fast ihren Satz: „Die kann man auch essen!“
Vater steht auf. Er holt sich einen Kaffee und murmelt beim Gang in die Küche: „Frauen!“
Sabine Beck
– 1971 in Quedlinburg geboren
– Studium der Literaturwissenschaften in Erfurt, Würzburg, Marburg
– wohnhaft in Schwerin
– Ghostwriter, Projektkoordinatorin, Referentin
– Veröffentlichungen in Inskriptionen (Leipziger Literaturverlag), karacho:magazin (Berlin)
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