Markus Weiher für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Keine leere Kammer
Ich hatte in der Nacht geträumt: Meine Schwester fällt aus dem Fenster und ist tot. Ich war verstört und unruhig. Ich hatte am Morgen sofort meine Schwester gefragt, ob bei ihr alles in Ordnung wäre. Ihr ging es gut. Die Unruhe blieb. Dann klingelte etwas später das Telefon. Meine Mutter war in der Nacht gestorben. Auf Umwegen erreichte mich diese Nachricht. Ich erfuhr keine Einzelheiten. Wie, wann und wo, das wusste ich nicht und auch nicht, wie es meinem Vater ging.
Ich hätte mir über diesen Traum und den anschließenden Anruf kurze Zeit später eventuell keine Gedanken gemacht, also vom Tod zu träumen. Dass meine Mutter eines Tages sterben würde, damit habe ich gerechnet. Sie war fast achtzig. Das kam nicht unerwartet. Alte Menschen sterben eines Tages. Auch die eigene Mutter. Nach einem erfüllten oder eben weniger oder nicht erfüllten Leben. Nach einem gelebten oder eben nicht gelebten Leben. Ihr Tod hat mich nicht schockiert, mich nicht traurig gemacht. Ob sie krank war, wusste ich nicht. Wie es ihr ging, wusste ich nicht. Was sie gemacht hat, wusste ich nicht. Ich wusste so vieles nicht von und über meine Mutter. Und doch: Ich wusste viel zu viel von meiner Mutter. Und das, was ich wusste, das hätte ein Sohn von seiner Mutter nicht wissen dürfen oder müssen. Ebenso das, was ich von meinem Vater wusste oder eben nicht wusste.
Aber. Wenn ich nicht vor ungefähr zwei Jahren schon einmal eine solche „Erfahrung“ gemacht hätte. Damals war es eine sehr gute Freundin. Eine bereits vor vielen Jahren bei einem Autounfall gestorbene Mitschülerin verwandelte sich in diesem Traum in diese Freundin. Ich lief zunächst der Mitschülerin im Traum hinterher. Als ich sie erreichte, verwandelte sie sich allmählich in diese Freundin. Schon im Traum wunderte ich mich. Sie schaute mich im Traum an und sagte etwas zu mir, als würde sie mich rufen und zu sich winken, als wollte sie mir etwas sagen. War sie gekommen, um mich zu holen? War es ein Versehen, dass ich überlebt hatte? Ich wachte verstört und verängstigt auf. Als ich sie anrufen wollte, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass sie bereits ein paar Wochen vorher bei einem Motorradunfall tödlich verunglückt war. Sie hatte den Führerschein erst ein paar Tage gehabt.
Da ich vor diesem ersten Traum wenige Wochen vorher einen Schlaganfall hatte, dachte ich in meinem Entsetzen und meiner Angst zuerst, sie, die Toten, wollten mich jetzt doch holen oder mir mitteilen, dass ich doch dran wäre. Mein Überleben war anscheinend ein Versehen, und ich hätte eigentlich tot sein sollen. Wirre Gedanken und Gefühle gingen mir durch den Kopf und durch meinen Körper. Was passierte da mit mir? Sprachen die Toten zu mir? Und wenn ja, was wollten sie mir sagen? Oder war schon dieser Traum doch nur meiner Angst geschuldet, selber zu sterben? Wie auch dieser zweite Traum? Ich habe den Schlaganfall überlebt. Die Ärzte sagten mir, dass ich Glück gehabt habe. Gesund bin ich auch heute noch nicht wieder richtig. Mein Leben hat sich drastisch verändert. Auch meine Wahrnehmung hat sich verändert. Meine Achtsamkeit.
Ich war also durchaus sensibilisiert nach dieser ersten „Traumerfahrung“. Deswegen habe ich am Morgen nach dem Traum des „Fenstersturzes“ meine Schwester sofort gefragt, ob es ihr gut geht. Auch, weil ich zu meiner Schwester, zu beiden Schwestern, eine recht enge Bindung und Verbindung habe. Aber meine Mutter? Und mein Vater? Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen oder gesprochen. Von enger Bindung kann keine Rede sein.
Ich fragte mich ernsthaft, ob mit mir etwas nicht stimmte. Nach dem Schlaganfall. Hatte sich meine Wahrnehmung tatsächlich verändert? Geschärft oder fing ich an durchzudrehen? War ich einfach zu sensibel? Oder waren etwa Hirnregionen aktiviert worden, die ich vorher nicht genutzt habe? Fing ich an, auf die falschen Sachen zu achten? Ich fürchtete mich schon vor dem nächsten Traum, in dem jemand stirbt. Ich wollte davon vorher nicht träumen. Bei meinem Vater war es jedoch wieder ähnlich. Ich träumte vom Tod und dann stand die Polizei vor meiner Tür. Seitdem warte ich auf den nächsten Traum.
Dass es meine Mutter war, die gestorben war und nicht meine Schwester, beruhigte mich zwar zunächst, machte es aber nicht besser. Weil ich mich fragte, woher diese Verbindung plötzlich kam. Als wollte sie mir sagen, dass sie jetzt tot ist und ja, dass es ihr jetzt besser geht. Denn anders kann es nicht sein: Es geht ihr jetzt besser, nach dem Leben, dass sie gelebt oder besser nicht gelebt hat.
Als würde mich das interessieren, nach all den Jahren des Schweigens. Wie es ihr ging oder geht. Und wie es ihr ergangen ist mit diesem Mann, der mein Vater ist. Sie hatten den Eltern-Kind-Vertrag einseitig gekündigt. Wenn es denn einen solchen Vertrag überhaupt gibt. Er, mein Vater, hat ihn aufgekündigt. Sie hat dazu nicht viel gesagt. Wie meistens. Sie hat geschwiegen. Von einer offensichtlich engen Verbindung zwischen uns konnte also keine Rede sein. Sie haben sich für mein Leben nicht interessiert. Aber sie war meine Mutter, sie schenkte mir das Leben, sie trug mich in sich. Wenn das keine starke Verbindung ist, welche war es dann? Die eigene Mutter ist ein besonderer Mensch, auch wenn ich in den vergangenen Jahren keinen Kontakt zu ihr hatte. Diese Verbindung bleibt. Über den Tod hinaus. Was kann es Wundersameres geben als der Mensch, in dessen Leib du warst? Neun Monate! Was kann es Wunderbareres geben als diesen einen Menschen: deine Mutter.
Aber eines war mir tatsächlich sofort klar: Es kann ihr jetzt nur besser gehen, weil ihr Leben bis auf eine paar Ausnahmen und wenige glückliche Momente die Hölle auf Erden war. Deswegen wünsche ich ihr aufrichtig und von Herzen: Dass es ihr jetzt besser geht. Das Gute an dieser Vorstellung: Sie hat die Hölle schon hinter sich.
Wenn ich an Hölle denke, denke ich an den letzten Kreis in Dantes „Göttlicher Komödie“. An das Zentrum der Hölle, wo nach Dantes sehr bildlicher Beschreibung die größten Sünder leiden und bestraft werden. Lange und elendig leiden. Lebendig unbeweglich. Das ist die Hölle. Sich bei vollem Bewusstsein nicht bewegen zu können. Genauso hatte meine Mutter ihr Leben geführt: unbewegt und unbeweglich. Lebendig eingefroren. Gebunden und geknebelt. Lebendig zur Bewegungslosigkeit verdammt oder gezwungen. Das war nicht besonders schwer für meinen Vater. Nicht, weil er besonders schlau, listig oder stark war. Meine Mutter hat es ihm sehr leicht gemacht. Sie hat sich nicht gewehrt. Sie hat sich gefügt. Erstarrt im Leben. Lebendig begraben. Sie hat sich gebeugt. Mein Vater war ein guter Höllenmeister. Der Chef der Hölle meiner Mutter. Er saß ihr im Nacken und brach ihr im wahrsten Sinne des Wortes das Rückgrat. Sie konnte ohne Korsett nicht aufrecht gehen.
Doch bin mir sicher: Egal wo meine Mutter jetzt ist, es geht ihr besser. Bei ihrer Beerdigung flogen plötzlich Schmetterlinge und Libellen um meine Schwester und mich herum. Das war meine Mutter. Jedes Mal, wenn ich heute eine Libelle oder einen Schmetterling sehen, denke ich an meine Mutter.
Das Leben aber, das ihr mit ihrer Geburt geschenkt wurde, hat meine Mutter nicht gelebt. Sie hat mit diesem Geschenk nichts anfangen können. Dass ich nur wegen ihr auf dieser Welt bin und lebe, das ist kein Trost.
Dennoch: Die Hölle ist kein Ort im Jenseits, kein Ort, der nach dem Leben kommt, sie ist weder unten noch oben. Sie ist kein Konstrukt der kirchlichen Obrigkeit. Mit Säulen in der Mitte. Dort lodern keine ewigen heißen Feuer. Dort steht kein Teufel mit Hörnern am Kopf und einem Dreizack in der Hand. Dort laufen keine hässlichen und nach Schwefel stinkenden Helfer herum, die uns in die Feuer werfen, uns wieder herausholen und uns wieder hineinwerfen, ohne dass wir jemals verbrennen. Die Hölle? Das sind wir. Nicht die anderen, wie Sartre es formuliert. Im Nachbarhaus, auf der Straße, nebenan im Kinderzimmer. Im Beichtstuhl und in der Sakristei. Wenn ich schweige, und wenn ich wegsehe, wenn ich nichts tue. Wenn ich zulasse, dass Böses geschieht. Nicht irgendwo im Jenseits oder in den Beschreibungen eines frustrierten und fiebernden Dantes.
Wie war das mit dem Zimmer oder der Kammer, von dem Pascal schreibt? Wahlweise Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer oder Keller! Das ganze Unglück der Menschen rühre nach Pascal daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben könnten. Blöd nur, wenn andere mit in diesem Zimmer eingesperrt sind. Dann geschieht Böses, früher oder später. Es gibt keine ruhigen Zimmer. Es sei denn, es befindet sich kein Mensch darin. Menschen erfüllen Zimmer mit Unruhe.
Allzu oft ist diese Kammer, das Kinderzimmer, kein sicherer Ort, an dem du spielen kannst. An dem du deinen Träumen und Phantasien nachhängen kannst. In dem du mit deiner Eisenbahn, deinen Puppen, deinen Legosteinen oder deinen Autos spielst oder liest. Manchmal wird dieses Zimmer zu einem Alptraum, der kein Traum ist, aus dem du morgens erwachst.
Und dennoch: Ich sehe oft Schmetterlinge und Libellen.
Vielleicht achte ich auch nur mehr auf sie.
Markus Weiher, geb. 1968 in Schwalmstadt, lebt in Limburg an der Lahn. Ist Vater zweier erwachsener Kinder.
Studierte Evangelische Theologie in Marburg und Lehramt in Gießen.
Arbeitete als Assistent bei einem Menschen mit Progressiver Muskeldystrophie. Jobbte als Gärtner, Müllmann, Kartenabreißer, Sozialpädagoge, Altenpfleger, und Archivar. Arbeitet heute als Lehrer an einer Grundschule.
Mit 53 erlitt er zwei Schlaganfälle, obwohl er nicht zu der klassischen Risikogruppe gehörte. Seitdem begleiten ihn die Nachwirkungen der Schlaganfälle und Doris, so nennt er seine Angst, erneut zu erkranken.
Zwei Jahre nach den Schlaganfällen lernte er die Frau kennen, die er heute liebt. Neben dem Leben an sich und seinen beiden Kindern eines der größten und wunderbarsten Geschenke überhaupt.
Lesen und Schreiben waren und sind wichtige Säulen in seinem Leben. Er schreibt seit seiner Jugend Kurzgeschichten, Gedichte und immer an einem Roman. Er sieht überall Geschichten.
Veröffentlichungen:
Die Gemeinde, eine der 20 besten Kurzgeschichten beim Schreibwettbewerb 2015 des Buchjournals und BoD, veröffentlicht auf buchjournal.de
Sommerhaus geht, Kurzgeschichte, veröffentlicht 2015 in der Literaturzeitschrift zugetextet.com
Projekt Hügelkamm, Kurzgeschichte, veröffentlicht 2016 in der Anthologie „Parallelwelten“, Schreibwettbewerb WIRmachenDRUCK
Der Schlag seines Lebens, Kurzgeschichte, veröffentlicht 2016 in der Anthologie „Schlüssel, Keller“, ruhrliteratur
Der Einsatz, Kurzgeschichte, veröffentlicht 2016 auf zugetextet.com
erkennen, Gedicht, veröffentlicht 2016 in der Anthologie „Aufgehen in dir“, SternenBlick, Sonderband
Die möglichen Freuden einer Insel der Freiheit, Kurzgeschichte, veröffentlicht 2016 in der Literaturzeitschrift zugetextet.com
No Land´s End, Kurzgeschichte, veröffentlicht 2017 in der Anthologie „Fenster, Rahmen“, ruhrliteratur
Der Drachensee, Ein Märchen, veröffentlicht 2017 in der Anthologie „Liebesmärchen“, Sperling-Verlag
Kaffeeduft, Kurzgeschichte, veröffentlicht 2018 in der Anthologie Gefangensein – Drinnen und Draußen, muc Verlag
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