June O’Leary für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Fragen
Isabella versuchte, das Beben ihrer Hände in den Griff zu bekommen. Doch es gelang ihr nicht. Ihr Blick war starr auf die matte weiße Tür mit Milchglaseinsätzen gerichtet. Am Ende eines gepflasterten Weges durch einen kleinen Vorgarten, wo an allen möglichen Ecken fröhliche Blumen ihre Blüten der Sonne entgegen reckten. Als Eingang in ein roséfarbenes Haus mit großen weißen Fenstern. Durch die blankgeputzten Scheiben waren die Vorhänge zu sehen.
Neben dem grünen Gartentor wuchs Flieder, dessen süßlicher Geruch durch die geöffnete Beifahrerscheibe ins Wageninnere drang. Vogelgezwitscher vervollständigte das unwirkliche Idyll rechts von ihr, das im krassen Widerspruch zu dem stand, wie es in ihr selbst aussah.
Dort herrschte nur noch Chaos. Seit ihre Eltern Isabella gebeichtet hatten, dass sie adoptiert war. Jetzt verstand sie, warum ihr Vater und ihre Mutter immer wieder stockend ausgewichen waren, wenn sie nach ihrer Herkunft gefragt hatte: Als sie für die Schule einen Familienstammbaum erstellen musste oder sie in Biologie über Gene und Erbkrankheiten unterrichtet wurden und sie sich bei ihrer Mutter danach erkundigte. Wiederholt hatten sich ihre Eltern hinter lapidaren Phrasen verschanzt.
Isabella rollte mit den Augen, als deren Worte erneut in ihrem Kopf hallten, nachdem sie diese zur Rede gestellt hatte: »Wir wollten dich nicht anlügen.«
Aber war das Verschweigen einer derart essentiellen Tatsache nicht auch eine Lüge? Isabella konnte sich die Frage nicht beantworten. Genauso wenig wie die zwölf Millionen anderen, die sich seitdem in ihr türmten.
Eine warme Hand legte sich auf den dünnen Stoff ihres Sommerkleides und hinterließ fast einen Brandfleck auf ihrem Oberschenkel. Isabella riss sich mühsam von dem Anblick der weißen Tür los und ließ ihren Blick zu der Frau auf dem Fahrersitz wandern. Sie hatte gedacht, sie würde sie kennen. Doch jetzt erschienen ihr die dunkelbraunen Augen in dem nahezu faltenlosen Gesicht mit den wirren Locken drumherum und dem schiefen Lächeln auf den Lippen fremd.
Da hatte es auch nicht geholfen, dass ihre Mutter Isabella bei ihren Nachforschungen unterstützte, die sie heute – an diesem wunderschönen Spätsommertag – hierhergeführt hatten. Ihr Adoptivvater war nicht dazu bereit gewesen. Er schien beleidigt zu sein, dass Isabella etwas über ihre wahre Herkunft wissen musste. »Isi, willst du nicht klingeln? Sie scheint zuhause zu sein. Zumindest steht ein Auto vor der Garage.«
Reflexartig nickte Isabella und sie wandte den Kopf wieder ab. Sofort fand ihr Blick zu der weißen Tür zurück. Sie waren extra hierhergefahren, damit sie ihrer leiblichen Mutter in die Augen schauen konnte. Doch was war, wenn die fremde Frau sie fortjagte?
Immerhin hatte diese sie gleich nach der Geburt in eine Pflegefamilie gegeben, bevor sie mit zwei Jahren von ihren Eltern adoptiert worden war. Das alles hatte sie in den Akten nachlesen können, die im Jugendamt auf Isabellas Einsicht gewartet hatten. Sie hatte ein Recht darauf, zu wissen, woher sie kam. Wer ihre Eltern waren. Trotzdem war ihre Kehle so eng, dass sie sich wunderte, überhaupt noch atmen zu können.
Die zwei Stimmen, die in ihr um die Vorherrschaft kämpften, wurden jetzt immer lauter. Die eine verlangte von ihr, aus dem Wagen zu steigen und sich Antworten zu holen. Die andere erklärte, dass sie mit ihren Eltern einen Glücksgriff gelandet hatte. Also, wenn man davon absah, dass sie Isabella in den letzten 15 Jahren verschwiegen hatten, dass sie nicht ihr leiblicher Nachwuchs war. Aber mussten Vater und Mutter gleichzeitig auch die Erzeuger eines Kindes sein, um sich Eltern nennen zu können?
Intuitiv wandte sie sich der Frau neben sich zu und Isabellas Finger legten sich wie von selbst auf jene, die sie gestreichelt hatten, wenn sie sich unwohl fühlte. Die Pflaster auf ihre aufgeschlagenen Knie geklebt und Tränen von ihren Wangen gewischt hatten, wann immer es nötig gewesen war. »Ich habe Angst, Mama. Was ist, wenn sie mich nicht sehen will.«
»Das glaube ich nicht, Häschen. Sie ist deine biologische Mutter und wurde – so hat es uns deine Betreuerin beim Jugendamt erklärt – darüber informiert, dass ihre Daten zur Einsicht freigegeben sind. Sie hat sich damals gegen eine vertrauliche Geburt entschieden. Demnach wusste sie, dass dieser Tag kommen kann.«
Normalerweise hätte Isabella sofort erklärt, dass ihre Mutter sie nicht mehr bei ihrem Kosenamen aus Kindertagen nennen sollte. Doch dann merkte sie, wie sich ein wenig Wärme durch die kleinen Risse im Eisbrocken zwängte, der ihre Brust füllte. Darum nickte Isabella nur.
Sie holte tief Luft und bewegte fahrig ihre freie Hand gen Griff. Der Hauptteil ihrer Fragen würde sich nie beantworten lassen, wenn sie sich jetzt nicht traute, bei der Frau zu klingeln, die sie geboren hatte. Die wusste, was mit ihrem Vater passiert war. Seinen Namen. Denn angegeben hatte sie ihn nicht. ›Ob sie ihn nicht weiß?‹
Ein Schauer lief ihr über das Rückgrat und stellte die feinen Härchen auf ihren Armen und in ihrem Nacken auf, als sie die feinkörnige Kunststoffoberfläche des Türöffners unter ihren Fingern ertastete und daran zog. Die Wagentür sprang sofort auf und Isabella holte erneut tief Luft.
Doch der Kloß in ihrem Hals schwoll so an, dass sie kaum Sauerstoff vorbeidrücken konnte. Dennoch schob sich Isabella von ihrem Sitz und spürte, wie die – nun beruhigende – Wärme von ihrem Oberschenkel glitt, die von der Hand ihrer Mutter ausgegangen war. Eine Gänsehaut zog augenblicklich über ihre Arme. Ihre Beine schienen aus Pudding zu sein, während sie sich aufrichtete. Trotzdem setzte Isabella einen Fuß unsicher vor den zweiten.
Mit jedem Schritt trommelte ihr Herz schneller und wilder gegen ihre Rippen und die Atmung fiel ihr schwerer. Es war sicher noch nie so mühsam gewesen, eine Distanz von ungefähr sieben Metern zu überbrücken. Währenddessen stürmten einige Fragen ungehindert auf sie ein: Wem würde sie gleich gegenüberstehen? Sah sie ihrer Erzeugerin ähnlich? Hatte die sie vergessen? Würde sie überhaupt den Mut haben, auf den Klingelknopf zu drücken?
Etwa in der Mitte des gepflasterten Weges mit dem Unkraut in den Ritzen blieb Isabella stehen. Sie drehte sich zum Wagen um und sah ihre Mutter. Diese strahlte sie an und zeigte mit beiden Daumen nach oben. Dennoch stockte Isabella der Atem und sie musste sich zwingen, sich ihrem Fluchtreflex zu widersetzen.
Kurzerhand straffte Isabella ihre Schultern, drehte sich zurück zu der weißen Tür mit den Milchglaseinsätzen und ging weiter. Wenn ihre Erzeugerin sie nicht sehen wollte, war das deren Verlust. Oder? Oder?
Als sie die zwei Stufen zur Haustür erklommen hatte, atmete sie schnell und der Schweiß brach ihr aus. Ihr Blick fiel auf den unscheinbaren weißen Knopf, der ihr Leben für immer verändern würde. Der darüber entschied, ob einige ihrer Fragen beantwortet werden würden oder nicht. Über ihm hing ein Schild aus Ton, auf dem der Familienname stand. Sie war definitiv richtig. Isabella schluckte. Nochmal. Ein weiteres Mal. Dann streckte sie bebend den Zeigefinger aus und drückte auf die Klingel.
Ihr stockte der Atem und sie trat von einem Fuß auf den anderen, während sie wartete, ob hinter dem Milchglas ein Umriss erschien, um ihr die Tür zu öffnen. Sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen und jeden Moment umzukippen. Doch dann war er da. Der Schemen einer Frau. Vermutlich.
Fast wäre sie zurückgesprungen, als die Tür ruckartig geöffnet wurde. Sie starrte in ihr Ebenbild: Blondes, glattes Haar, aufgerissene braune Augen, sanftgeschwungene offenstehende Lippen. »Ha … Hall … Hallo. Mein Name ist … Isi … Isabella. Ich glaube, Sie sind meine Mutter.«
Sie beobachtete, wie sich der Schock aus dem Gesicht ihres Gegenübers allmählich verflüchtigte. Stattdessen zupfte ein zaghaftes Lächeln an dessen Mundwinkeln. »Hallo Isabella. Schön, dass du da bist. Ich habe gehofft, du findest mich. Du hast bestimmt viele Fragen.«
June O’Leary, geboren 1983, wohnt außerhalb im Grünen nahe einer kleinen bayrischen Stadt. Seit sie 2022 zugezogen ist, lässt deren Wahrzeichen immer noch ihr Herz höherschlagen, sobald ihr Blick darauf fällt. Sie ist zweifache Mutter, in einer liebevollen Partnerschaft und liebt es, Klischees aufzugreifen und von einer anderen Seite zu beleuchten, weil sie der Meinung ist, dass Sozialkritik nicht immer mit einem erhobenen Zeigefinger einhergehen muss. Außerdem schwärmt sie für Irland, was sich nicht nur in ihrem Pseudonym abbildet, sondern auch daran, dass einige ihrer Werke genau dort ihren Schauplatz haben. Sie hofft, die grüne Insel selbst einmal besuchen zu können.
Bisher hat sie zwar noch keinen ihrer Romane veröffentlicht, jedoch plant sie ihre Buch-Premiere für das Jahr 2025 mit einem ihrer Jugendbücher. Dennoch konnte sie – unter Ihrem vorausgehenden Pseudonym – bereits diverse Kurzgeschichten im Rahmen von Literaturwettbewerben in Anthologien veröffentlichen. Auf verschiedenen Autorenwebsites hat sie sich zudem eine noch kleine, stetig wachsende Fanbase aufgebaut und dort ein paar ihrer Werke bisher kostenlos zum Lesen angeboten. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit hat ihr geholfen, ihren Werken noch mehr Tiefe und Feinschliff zu geben, getreu dem Motto: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, doch mit Übung und konstruktiver Kritik kann jeder Mensch lernen, das Beste aus sich herauszuholen.
Über #kkl HIER
