Restzeit

René Oberholzer für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“




Restzeit

Ich heisse Mutter
Ich wünsche mir
Einen neuen Namen
Einen neuen Pass

Ich möchte fliehen
Aus diesen Wänden
Und untertauchen
An einem fremden Ort

Ich möchte weinen
Um meine Jugend
Um meine Kinder
Um die heile Welt

Ich möchte atmen
Die Stille der Freiheit
Und mich öffnen
Dem Frühling der Liebe

Ich möchte tanzen
Und mich sehnen
Nach der Zeit
Die noch bleibt

Ich bin Mutter
Und werde es bleiben
Meine alten Koffer
Sind bereits gepackt




Ein Stück Kindheit

Wortlos
Das Schneiden
Wie damals

Lautlos
Die grauen Haare
Die zu Boden fallen

Wortlos
Die alte Mutter
Bei der Arbeit

Lautlos
Ihre Schmerzen
Meine Trauer




Weiss lackiert

Die Eltern freuen sich
Über das neue Auto
Weiss lackiert
Zum Andenken
An ihren Sohn

Gefallen sei er
Im Krieg
So ein Auto
Hätte er sich
Immer gewünscht

Aus der Beihilfe
Für tote Soldaten
Sei das Auto bezahlt
Ziel der ersten Fahrt
Sei der Friedhof




Das Finale

Mein Vater liegt im Sterben
Die Strassen sind leer
Frankreich spielt gegen Kroatien
Ein Sturm kündigt sich an

Mein Vater liegt im Sterben
Ich versuche zu lesen
3:1 ist der Zwischenstand
Der Himmel verschleiert sich

Mein Vater liegt im Sterben
Ich halte seine grosse Hand
Frankreich gewinnt mit 4:2
Regen prasselt an die Fenster

Mein Vater liegt im Sterben
Ich sitze im sicheren Auto
Eine kilometerlange Schlange
Die Fahrbahn ist überschwemmt

Mein Vater liegt im Sterben
Eine Raststätte hat noch geöffnet
Ich kaufe einen Vegiburger
Der Himmel hat sich beruhigt

Mein Vater liegt im Sterben
Ich verlasse die Raststätte
Die Entscheidung ist gefallen
Die Provence muss warten

Mein Vater liegt im Sterben
Die Ausfahrt kommt
Er ist ein gütiger Vater gewesen
Meine Tränensäcke sind leer




Windstill

Zu Hause
Brennt eine Kerze
Seit 10 Uhr

Im Krematorium
Brennt der Sarg
Mit meinem Vater

Um 11 Uhr
Erlischt die Kerze
Wie von selbst

Es ist windstill
Die Sonne scheint
Ein heisser Werktag




René Oberholzer      

Literaturport: https://www.literaturport.de/lexikon/rene-oberholzer/

wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Oberholzer

Lebt und arbeitet seit 1987 als Oberstufenlehrer, Autor und Performer in Wil/Schweiz.

Schreibt seit 1986 Lyrik, seit 1991 auch Prosa.

War Mitbegründer der literarischen Experimentiergruppe „Die Wortpumpe“ (mit Aglaja Veteranyi) und der Autorengruppe Ohrenhöhe, ist Mitbegründer der „Tischkante 16“, Mitglied der Autoren der Schweiz (AdS) und des Zürcher Schriftstellerverbands (ZSV). Erhielt 2001 den Anerkennungspreis der Stadt Wil für sein literarisches Schaffen und 2022 den 23. Nahbellpreis des G&GN-Instituts in Düsseldorf für das lyrische Gesamtwerk.

Publikationen:

„Wenn sein Herz nicht mehr geht, dann repariert man es und gibt es den Kühen weiter“ (39 schwarze Geschichten) (2000), Verlag Im Waldgut in Frauenfeld.

„Ich drehe den Hals um – Genickstarre“ (92 Gedichte) (2002), Nimrod-Literaturverlag in Zürich.

„Die Liebe wurde an einem Dienstag erfunden“ (120 Geschichten) (2006), Nimrod-Literaturverlag in Zürich.

Kein Grund zur Beunruhigung“ (236 Gedichte) (2015), Driesch Verlag in Drösing.

„Sehnsucht. Mit Weitblick“ (80 Gedichte) (2020), Klaus Isele Editor in Eggingen

„Das letzte Stück vom Himmel“ (80 Gedichte) (2021), Klaus Isele Editor in Eggingen

Analphabeten der Liebe“ (80 Gedichte) (2023), Klaus Isele Editor in Eggingen

Gedichte und Kurzgeschichten in Anthologien, Zeitungen, Literaturzeitschriften und Online-Portalen im gesamten deutschsprachigen Raum (über 3000 Einzeltexte). Einzelne Texte sind auch ausserhalb des deutschsprachigen Raums übersetzt und veröffentlicht worden.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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