Monika Schlößer für #kkl45 „Mutter, Vater, Eltern“
Probeaufenthalt
„Ich kann die Straßenbahn hören.“
„Ja, Mutter.“
„Nun hör‘ doch mal, wie laut die Bremsen wieder kreischen!“
„Hm.“ Birgit blättert gleichmütig in einer Frauenzeitschrift. Nicht etwa, dass die vielen bunten Fotos ihre Neugier geweckt hätten oder gar einer der Artikel sie fesseln würde – Birgit nimmt das Magazin nur zur Hand, um einmal am Tag eine Viertelstunde lang untätig im Sessel sitzen zu können.
Seit nunmehr zehn Minuten läuft ihre Mutter im Wohnzimmer auf und ab. „Kind, hörst du mir überhaupt zu?“, fragt die 84-jährige mit vorwurfsvoller Stimme.
Birgit schließt die Augen und lässt das Heft zu Boden fallen: „Ja doch, Mutter. Der Verkehr, draußen auf der Straße ist es so laut, hast du gesagt.“
Energisch schlägt Birgits Mutter mit ihrem Stock gegen den Fußboden. „Meinst du wirklich, ich sei so blöd und wüsste nicht, dass in diesem Dorf hier, in dem zu leben ich von dir und meinem Schwiegersohn gezwungen worden bin, keine einzige Straßenbahn fährt? Noch nicht mal einen Bus gibt es hier. Geschweige denn …“, sichtlich verärgert winkt sie ab.
Während Birgit aus dem Sessel hochfährt, starrt sie mit weit geöffneten Augen ihrer Mutter nach, die unbeirrt zum Fenster geht und mit sehnsüchtigem Blick zur Straße schaut. „Obwohl ich leider kaum noch etwas sehen kann, bekomme ich ganz genau mit, was sich da draußen abspielt“, zischelt sie. „Ich bin keineswegs so senil, wie ihr alle denkt.“
„Mama …!“
„Ruhe! Jetzt hör mir mal gut zu: morgens um acht fährt das Milchauto vorbei. Es hört sich schwer und dumpf an. Seine Räder rollen mit einem fetten Schmatzen über den Asphalt. Besonders bei Regen.“
Birgit sinkt auf den Sessel zurück, nimmt die Illustrierte wieder auf und beginnt wahllos, die bunten Seiten umzuschlagen.
Inge Hoss klopft abermals mit ihrem Stock aufs Parkett und räuspert sich: „Um elf kann ich den satten Sound eines VW-Transporters wahrnehmen. Wenn er anhält, kann ich hören, dass eine Schiebetür geöffnet wird. Dann laufen eilige Schritte aufs Haus zu. Das ist der Postbote. Klack, klack macht der Briefkasten. Der Bote läuft wieder zum Auto zurück und die Schiebetür …“
„Mama, ich glaube, du hast deine Tabletten heute noch nicht genommen“, unterbricht Birgit den minuziösen Vortrag.
„Bleib‘ mir vom Leib mit diesem Teufelszeug!“
„Die Ärztin …“
„Papperlapapp. Die Ärztin …“, äfft Frau Hoss den Tonfall ihrer Tochter nach. „Das junge Ding hat doch überhaupt keine Ahnung! Gibt es heute etwa kein Mittagessen?“
„Der Briefträger war doch noch gar …“
Bis vors Haus dürfte das schrille Lachen der Mutter zu hören sein: „Ach – das Koch-Rezept kommt heute mit der Post?“ Während die alte Frau mit kleinen Schrittchen am Blumenfenster entlang tippelt, berührt sie einige der Pflanzen mit den Fingern. „Dein Usambaraveilchen ist vertrocknet. Fass mal die Blätter an. Sie knistern wie welkes Herbstlaub.“
Birgit schlägt mit ihrer Zeitung nach einer Fliege. Oder einem anderen Störenfried.
„Wenn das dein armer Vater noch erlebt hätte!“, Inge Hoss blickt auf die verdorrten Blätter in ihren Händen. „Du bist übrigens genau so phlegmatisch wie er. Was dir fehlt, ist ein wenig Pepp!“
Birgit schluckt. Dann versetzt sie dem unschuldigen Tischbein einen kräftigen Tritt. In dem nachtgrauen Blau ihrer Augen zucken Blitze auf: „Lass gefälligst Papa aus dem Spiel.“
„Dein Vater konnte wenigstens kochen! Der brauchte keine neumodische Rezeptsammlung, die ihm irgendwelche Kochgurus zuschickten.“ Birgits Mutter rückt mit leichter Geste ihre Frisur zurecht. „Hm! Sein Sauerbraten war ein Gedicht. Wenn Papa am Herd stand, dann hat es ganz fantastisch gerochen.“ Über das von silbernen Locken gerahmte Gesicht huscht ein sanftes Lächeln: „Oft genug sind die Leute auf der Straße stehen geblieben und haben verwundert zu unserem Küchenfenster hochgeschaut …“
„War ja auch kein Wunder – bei deinen eigenen Kochkünsten“, fällt Birgit ihrer Mutter ins Wort.
„… und dann konnte man regelrecht sehen, wie ihre Nasen dem Duft nachgewandert sind.“ Inge Hoss lächelt versonnen und seufzt: „Leider hast du die Talente deines Vaters nicht geerbt.“
„Nee. Ich komme eben ganz nach dir, Mama.“ Birgit legt den Arm um die Schultern ihrer Mutter: „Papa hat mich übrigens nie so mies behandelt wie du.“
„Du warst sein Goldfasan, ich weiß. Und ich war die Glucke, die das Küken umsorgen durfte.“ Unverhofft spitzt Birgits Mutter die Lippen. „Gluck gluck gluck!“, ruft sie, so laut sie nur kann, und ahmt das hektische Flattern imaginärer Flügel nach.
Plötzlich greift sie nach ihrem Herzen und lässt sich auf die Armlehne des Fernsehsessels plumpsen. „Such’ das Fläschchen mit dem Nitrospray“, japst sie. „Schnell! Irgendwo in dem Zimmerchen, in dem ich nun hausen muss!“
Birgit blickt ihre Mutter fassungslos an: „Wenn du jetzt wieder mit dieser Tour anfängst, bringe ich dich auf der Stelle ins Seniorenheim zurück.“
„In diesen Käfig draußen am Stadtpark? Da fehlt doch nur ein Schild am Gitter, auf dem Füttern verboten steht“
„Dann beschwer dich nicht über den Lärm, den unsere Straßenbahn macht.“
Frau Hoss stampft mit dem Fuß auf: „In diesem Kaff hier gibt es keine Straßenbahn, Kind. Wie oft soll ich dir das noch erklären!“
„Ja, Mama“, Birgit stützt ihren Kopf in beide Hände. Er fühlt sich heiß an. „Ist ja schon gut.“
„Und in dieses Heim kriegen mich keine zehn Pferde jemals zurück. Hast du nicht gehört, wie entsetzlich laut der Gong dort ist? Die Insassen haben jedes Mal den Atem angehalten. Denn sie wissen ganz genau: wenn der Gong ertönt, dann geht für ein, zwei Minütchen das eiserne Gatter auf. Und irgendein Besucher darf den Käfig wieder verlassen. All die andern müssen drinnen bleiben. Hinter dem Gatter. Weißt du, dass dieser verdammte Gong meine Seele jedes Mal aufs Neue in Stücke gerissen hat?“
„Nun übertreib mal nicht so.“ Birgit sinkt aufs Sofa. Auf der Stirn der 52-jährigen sind feine Schweißperlen zu sehen. „Der Gong ist ein akustisches Signal, das verhindern soll …“
„Du Rotzlöffel! Ausgerechnet du willst mir erklären, was es mit diesem Gong auf sich hat? Dein akustisches Signal hat mir beinah‘ die Eingeweide aus dem Leib gerissen! Ich kann und will dieses laute Pooong einfach nicht länger ertragen!“
„Mama!“, Birgit kann ihre Gereiztheit kaum noch beherrschen. „Das Personal gibt sich doch solche Mühe!“
„Keine Ahnung, wie die das aushalten.“
Jetzt erst merkt Birgit, dass ihre Mutter am ganzen Leib zittert. Zögernd nimmt sie deren Hand in ihre Hände: „Mama, du weißt doch, dass du alleine nicht mehr gut zurechtkommst. Und in dem Heim warst du von so vielen reizenden alten Damen umgeben“, sagt sie mit sanfter Stimme.
„Wo hatten sich diese reizenden Damen denn versteckt, als du mich dort abgeliefert hast?“, höhnt Frau Hoss. „Ich habe während meines Probeaufenthalts lauter keifende Frauen gesehen, die allesamt hackig aufeinander waren. Jawohl – das waren sie, deine reizenden alten Damen!“
Auf Birgits Gesicht werden rote Flecken sichtbar. Beinahe scheint es so, als würde sie jeden Moment umkippen.
„Verzeih mir, Liebes. Du hast ja so recht.“ Inge Hoss schlägt die Augen nieder. „Die meisten waren ganz still und friedlich. Und das war erst recht die Hölle, sag‘ ich dir.“
Birgit zuckt merklich zusammen. Mit versteinertem Gesicht hört sie ihrer Mutter zu, die nun ganz ruhig erzählt: „Diese Stille, wenn morgens beim Frühstück keiner etwas sagt. Wenn alle am Tisch sitzen und jeder nur dumpf vor sich hindämmert. Wenn der Goldfisch hinter seinem Panzerglas der Einzige ist, der gerne reden würde, wenn er denn könnte.“
Die Blicke der alten Frau wandern in Richtung Fenster: „Dann doch lieber das Gequietsche eurer Straßenbahn. Von mir aus rund um die Uhr. Da hört man wenigstens, ob man noch lebt.“
„Wäre Milchauto auch okay, Mama?“
„Und einmal im Monat ein Stadtbummel! Aber mit Sahnetorte!“
„Meinetwegen auch mit Rollmops.“
Glückliche Reise
Heiner trug das Eimerchen
bei der Zugfahrt an die See
und die Mutter nickte fröhlich
ihrem Heiner ging es gut
Koffer Rucksack Luftmatratze
Gummitiger noch dazu
schleppte klaglos Heiners Mutter
und er trug sein Eimerchen
Wortgewitter Notenbrei
dröhnten aus dem Radio
Heiner hielt das Eimerchen
lallte laut und freudig mit
Zärtlich schaute Heiners Mutter
wie glücklich doch ihr Junge war
zeigte stolz sein Eimerchen
umklammerte das Gummitier
Heiners Mutter suchte lachend
seinen frohgemuten Blick
fünfzehn ward‘ ihr Junge gestern
die Reise heut sein größtes Glück
Monika Schlößer
Geboren 1949, lebt mit ihrem Mann in Bad Münstereifel, 2 Töchter und Enkel. Über 100 Veröffentlichungen von Lyrik, Kurzkrimis, Kurzprosa und Märchen in Anthologien, Kunst-Kalendern, Jahrbüchern, (Literatur)-Zeitschriften, Schaufenstern, auf einer Lyriksäule und bei online-Magazinen wie kunstkulturliteratur.com
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