Karin Sommer für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Gas
“Ich habe ihn getötet, weil ich endlich wieder wissen musste, wer ich bin.”
Durch das schlierige, vergitterte Fenster fällt mattes Winterlicht in den kleinen Raum, in dem das Weiß der Wände eine stille Bedrohlichkeit besitzt. Es spiegelt das Nichts, das in ihr herrscht, in einer bedrückend akkuraten Weise wider. Sie sieht auf ihre Finger, die wie ferngesteuert aneinander reiben, sich drücken und immer wieder die abgenagten Ränder der Nägel entlangfahren. Der Mann, der ihr gegenüber an dem kleinen Metalltisch sitzt, hat eine Glatze und eine rahmenlose Brille auf dem runden Gesicht. Er kritzelt etwas in ein ordentlich mit dunkelgrünem Plastik eingeschlagenes A5-Heftchen. Als das Geräusch seines Stiftes auf dem Papier verklingt, hebt er seinen Blick und sieht sie erwartungsvoll an.
“Wie meinen Sie das?”, fragt er. Seine Augen sehen müde aus, sein ganzes Gesicht hat etwas resigniert Desinteressiertes.
Sie schweigt eine Weile. Wie soll sie jemandem verständlich machen, was in ihr vorgegangen war? Was sie selbst nicht vollständig versteht? Sie muss wohl etwas ausholen, um zu einer Erklärung zu kommen. Also beginnt sie zu erzählen.
“Wir wohnten in einem kleinen, renovierungsbedürftigen aber charmanten Häuschen am Rande der Stadt. Es war von einem kleinen Garten umgeben, der jedoch über die Jahre von wucherndem Unkraut besiedelt wurde. Vor langer Zeit hatte jemand Rosen gepflanzt. Sie blühten jeden Sommer in einem kitschigen Marzipanpink und leuchteten wie Erinnerungen an eine bessere Zeit aus dem steppenähnlichen, hohen Gras hervor. Wir waren beide keine besonders guten Gärtner, wissen Sie? Aber ich bemühte mich wenigstens. Für ihn war Gartenarbeit so etwas wie eine Rodung, für die er die Machete, die wir aus Guatemala mitgebracht hatten, und einen benzinbetriebenen Rasenmäher verwendete. Manchmal, so von Zeit zu Zeit, als ich wieder etwas Hoffnung hatte, kaufte ich Stauden und Ziergräser und Hortensien und versuchte, es uns hübsch zu machen. Doch entweder vertrockneten sie, weil ich keine Kraft mehr hatte, mich um sie zu kümmern, oder er mähte sie in seinem testosterongeschwängerten Amoklauf mit der Machete gemeinsam mit dem Unkraut ab. Können Sie sich vorstellen, wie traurig ich jedes Mal war?”
Sie macht eine Pause, der Mann sieht sie verständnislos an. Dann nickte er ihr zu, sie solle doch weitererzählen.
“Mir fällt eine Begebenheit ein, die vielleicht ganz gut darstellt, wie es zwischen uns war. Eines Tages kamen Freunde zu Besuch. Es war ein schöner, sonniger Nachmittag, nicht zu heiß. Wir heizten den Grill an und wollten gemeinsam eine entspannte Zeit verbringen. Wir tranken, aßen und erzählten Geschichten von Früher. Auch mir fiel eine Geschichte ein, von der ich dachte, dass sie interessant ist. Also fing ich an zu erzählen: ‘Als wir in Guatemala waren, wollten wir mit der ganzen Gruppe einen Ausflug zu einer Kräuterheilerin im Nachbardorf machen.’ Dann unterbrach er mich: ‘Naja, nicht die ganze Gruppe.’ ‘Doch’, antwortete ich, ‘wir wollten das alle zusammen machen’. So erinnerte ich mich daran. ‘Nein’, sagte er, während er eine weitere Fuhre Steaks am Grill umdrehte. Ich fuhr fort: ‘Egal, jedenfalls war der Ausflug für zehn Uhr angesetzt, doch als wir bei dem Haus der Heilerin ankamen, war keiner da.’ – ‘Das war am Nachmittag’, warf er ein. Ich ging nicht weiter darauf ein, weil ich die unsicheren, bemerkenden Blicke unserer Gäste sah. ‘Unser Reiseleiter erzählte uns dann, dass das ganz normal sei. Die Menschen im ländlichen Guatemala nehmen Uhrzeiten nicht so genau. Also versuchten wir es später nochmal. Wieder ohne Erfolg. Insgesamt sind wir sicher fünf Mal von unserer Finca in das Dorf gewandert, bis wir sie endlich zuhause antrafen!’, lachte ich. Noch bevor jemand am Tisch auf die Geschichte reagieren konnte, sagte er: ‘Jetzt übertreibst du aber.’ Niemand außer mir lachte, die Gäste warfen sich kurze, vielsagende Blicke zu. Ich fühlte mich so gedemütigt. Können Sie das verstehen? Ich schlug die Augen nieder und sagte den ganzen restlichen Nachmittag und Abend nichts mehr.
Verstehen Sie? Es ging immer um solche Belanglosigkeiten. Nachdem die Freunde dann gegangen waren, kam ich zu ihm ins Wohnzimmer. Ich blieb in der Tür stehen und lehnte mich an den Türrahmen. Er sah nur kurz zu mir auf und klickte dann weiter auf seinem Laptop herum. ‘War das denn unbedingt nötig?’, fragte ich ihn. ‘Was denn?’, erwiderte er. ‘Dass du mich vor allen so bloßstellst, wenn ich etwas erzähle!’. Ich weiß noch, wie meine Unterlippe bebte, vor lauter Angst davor, wie dieses Gespräch enden würde. ‘Wenn du Unsinn erzählst, kann ja ich nichts dafür.’ – ‘Das war kein Unsinn, ich habe die Geschichte richtig erzählt. So, wie ich mich daran erinnere!’ – ‘Hast du nicht’. Natürlich kam es zum Streit. Worte flogen durch den Raum und trafen sich in der Mitte, um aneinander zu zerschellen. Ich versuchte ihm zu erklären, wie dumm und herabgesetzt ich mich durch seine Zwischenrufe und Korrekturen gefühlt hatte. Er sah nur gelegentlich von seinem Laptop auf und verneinte alles, was ich ihm vorwarf. ‘Ich habe dich nicht unterbrochen und dich auch nicht herabgesetzt.’
Verstehen Sie? Ich sprach gegen eine Wand, nichts drang zu ihm durch, alles was ich sagte wurde abgeschmettert. So lief es immer. Ich lachte verzweifelt und kämpfte mit den Tränen. ‘Wie kannst du das sagen? Natürlich hast du mich unterbrochen – mehrmals sogar!’, meine Stimme zitterte. Doch er blieb dabei. Wir stritten uns so lange, bis ich nicht mehr genau wusste, was eigentlich passiert war und wer wann was gesagt hatte. So lief es jedes Mal, wenn ich ihn auf etwas aufmerksam machen wollte, mit dem er mich verletzt hatte. Es war ihm einfach egal. Dabei hätte mir doch ein einfaches ‘Ich verstehe dich, das wollte ich nicht. Tut mir leid.’ völlig gereicht. Was ich stattdessen bekam, waren schier endlose Diskussionen mit rhetorischen Tricks und Kniffen, oder so krassen Widersprüchen, dass es unmöglich war, vernünftig miteinander zu reden. Wenn ich sagte, dass er mich verletzt hat, sagte er, dass er das nicht getan hat. Warf ich ihm vor, mich zu unterdrücken, verneinte er auch das. Es schien alles nur in meinem Kopf vor sich zu gehen, ich war mir irgendwann nicht mehr sicher, ob ich nicht völlig verrückt war. War ich so krank im Kopf, dass ich mich falsch an Begebenheiten erinnerte? Konnte ich meinem Gedächtnis, konnte ich mir selbst noch trauen? Waren meine Gefühle gerechtfertigt oder die Folgen einer Verrücktheit, die nicht mit der Realität übereinstimmten? Er drehte meine Argumente herum, bis sie ihn bestätigten, legte mir Worte in den Mund, von denen ich dachte, sie nie gesagt zu haben und verkehrte Gesagtes in das Gegenteil, bis Fiktion und Realität in einem unentwirrbaren Knoten miteinander verschmolzen. Ich spielte Situationen tausende Male in meiner Vorstellung durch, auf der Suche nach der Wahrheit.
Wissen Sie, er war sich stets so sicher. Ich glaubte immer mehr, dass ich es war, die sich in allem irrte. Schließlich wollte ich morgens nicht mehr aufstehen. Im Traum war nichts wirklich, nichts echt, und doch hatten Träume eine Wahrheit an sich, die mir niemand ausreden oder verknoten konnte. Wenn ich morgens aufwachte und mich in der Realität wiederfand, war das eine Realität, in der nicht mehr sicher war. Ich blieb oft lange wach im Bett liegen. Manchmal weinte ich dann. Immer wieder fragte ich mich, ob ich das Problem war, ob ich professionelle Hilfe aufsuchen sollte.
Dann, eines Abends, machte ich mir ein entspannendes Bad. Mein vom Weinen verquollener Blick viel auf die Gastherme, die das Wasser erwärmt hatte, das sich nun wohlig und heiß um meinen Körper drängte. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie ich mit einer kleinen Säge die Gasleitung ansägte. Ich stellte mir vor, wie ich in das wärmende, nach Rosen und Patchouli duftende Wasser stieg und mich völlig fallen ließ. Wie das Gas mich langsam und friedlich aus dieser Welt in die Traumwelt holte, in der wahre und falsche Erinnerungen keine Rolle spielten und ohnehin nichts wirklich war. Ich stellte es mir vor, und wissen Sie, es fühlte sich richtig gut an. Eine Art Sehnsucht stieg in mir hoch. Das erschreckte mich: Selbstmord? Erstmals dachte ich wirklich ernsthaft und mit einem guten Gefühl daran. Ich fragte mich, ob ich mir nicht Hilfe holen sollte, bevor ich diesen Plan wirklich ausführte.”
Sie macht eine Pause und forscht in dem Blick des Mannes gegenüber nach einer Reaktion. Doch er schreibt nur Stichworte in sein Heft. Als er damit fertig ist, bedenkt er sie erneut mit dem ausdruckslosen und abwartenden Blick.
“Naja, jedenfalls folgte auf diesen Abend ein vergleichsweise guter Tag. Er und ich saßen abends auf dem Sofa, tranken Wein und unterhielten uns. Wir redeten, wie wir schon lange nicht mehr geredet hatten. Eine kleine Hoffnung stieg in mir auf. Wir redeten offen, vertraut und ehrlich. Es war schön. Es erinnerte mich an die Zeit, in der wir glücklich waren und über alles miteinander sprechen konnten. Also nahm ich meinen Mut zusammen und erzählte ihm von meinen düsteren Gedanken in der Badewanne. Ich wusste, dass es gut war, jemandem davon zu erzählen. Er hörte mir zu, schwieg dann eine Weile und sagte dann – und an diesen Satz kann ich mich wörtlich erinnern, als wäre es gestern gewesen: ‘Ach komm. Wenn schon, dann bitte nicht hier…weißt du, was ich damit für eine Arbeit hätte?’
Der Satz saß treffsicher wie die Faust eines Profiboxers, der in einem ungedeckten Moment seinen Gegner im Ring k.o. schlägt. Er kam aus dem Nichts und traf mich, offen und verletzlich, wie ich da so saß. Es war ein Satz, der mir alle Worte nahm, der mir die Luft zum Atmen abschnürte und der sich um mein Herz legte und zuzog wie des Henkers Schlinge um den Hals des Gehängten. Wieder hatte ich mich geirrt, ich war so naiv gewesen. Ich hätte es niemals ansprechen sollen. Einige stille Momente vergingen. Als ich dann wieder in der Lage war zu sprechen, fragte ich ihn: ‘Wie kannst du so etwas Gefühlloses sagen?’ Er sah mich nur verständnislos an und antwortete: ‘Was meinst du?’ Also wiederholte ich den Satz, der sich für immer und ewig in mein Gedächtnis eingebrannt hatte. ‘So habe ich das nicht gesagt’, war seine Antwort. Und dann, das müssen Sie doch verstehen, dann war plötzlich alles vor meinen Augen schwarz, und dann rot. Ich verlor meine Form, ich verlor meinen Charakter, meine Gefühle. Ich löste mich einfach auf. Ich war nicht mehr ich, war nicht mehr da. Ich sah meine Hand, wie sie nach der leeren Weinflasche griff. Und dann, nur wenige Sekunden später, fiel er nach hinten auf die Lehne des Sofas und über seine Stirn floss ein zähes, rotes Rinnsal.”
“Sie haben ihn erschlagen?”, fragt der Mann, als hätte sie das nicht gerade eben erzählt.
“Ja, also ich kann mich an diese paar Sekunden nicht erinnern, nur an die vorher und nachher. Aber so muss es gewesen sein. Es war Notwehr, verstehen Sie? Er hat mich fast täglich so behandelt, hat mir alles genommen, was mich vom Wahnsinn trennte. Wer ist man denn, wenn man seinen Erinnerungen und seinen Gefühlen nicht mehr trauen kann? Wenn man beginnt, an allem zu zweifeln, was man als wahre Vergangenheit abgespeichert hatte? Wenn man an sich selbst und seiner mentalen Gesundheit zweifelt? Sind wir denn nicht die Summe unserer Erinnerungen? Ist unser Gedächtnis denn nicht der Sitz dessen, was wir denken, zu sein? All das hat er mir gestohlen, er hat mich systematisch dessen beraubt, was mich ausgemacht hat. Ich konnte irgendwann nicht mehr sagen, welche meiner Erinnerungen wahr und welche falsch waren. Bis ich ihn umgebracht hatte. Das war eine wahre und wirkliche Tat, eine, an der nicht zu rütteln war. Endlich eine Erinnerung, an der es keinen Zweifel gibt, etwas, das er mir nicht wegnehmen konnte. Da wusste ich endlich wieder, wer ich bin.”
Der kritzelnde Stift in der Hand des Mannes macht sie verrückt. Am liebsten würde sie ihn ihm aus der Hand schlagen, doch ihre Hände sind mit Handschellen an die Armlehnen ihres Stuhls gefesselt. Schließlich blickt er von seinem Heft auf, sieht ihr geradewegs in die Augen, und fragt: “Sie haben ihn also getötet, weil er nicht ihrer Meinung war?”
Karin Sommer ist 39 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann in Heidenreichstein. Sie arbeitet als Fach-Bloggerin für ein IT-Unternehmen und als freiberufliche Autorin und Texterin. Zu ihren Kunden zählen renommierte Fachmagazine aus dem Bereich Gemeinnützigkeit und Fundraising sowie viele Non-Profit-Organisationen. Sie schreibt in ihrer Freizeit Kurzgeschichten, in denen sie ihre Alltagserfahrungen künstlerisch verarbeitet, außerdem arbeitet sie an einem Romanprojekt.
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