Christiane Seebach für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Als ich Edmond traf
Seit Stunden lag ich nun schon wach in meinem Bett und konnte einfach nicht einschlafen. Das Läuten der Kirchturmuhr verriet mir, dass es bereits 3 Uhr war. Die Decke lag heiß und schwer auf mir, doch wenn ich sie wegstieß, fror ich wieder. Der Mond schien grell in mein Zimmer. Diese Helligkeit war erstaunlich, denn er würde sich ja erst in ein paar Tagen zum Halbmond entwickeln. Zum gefühlt Tausendsten Male drehte ich mich um und presste meine Augenlider zusammen.
Plötzlich hörte ich im Zimmer ein leichtes Husten. War ich etwa schon im Reich der Träume? Doch ein süßlicher Geruch nach verbrannter Vanille drang in meine Nase. Erschrocken öffnete ich meine Augen. Da saß etwas auf meiner Bettkante und rauchte Pfeife. Das Etwas war sehr hell und ich musste mich erst einmal an dieses gleißende Leuchten gewöhnen. Nachdem sich meine Augen erholt hatten, saß es immer noch da. Normalerweise hätte ich furchtbare Angst bekommen, doch das Ganze war zu absurd. Denn wann kommt es schon einmal vor, dass der Mond auf deiner Bettkante sitzt! „Oje“, murmelte ich, „der Schlafentzug macht mich ganz schön fertig. Jetzt habe ich schon Wahnvorstellungen.“ „Ich dachte, du würdest überhaupt nicht aufwachen“, sagte der Mond in einer angenehmen tiefen Stimme und blies mir Pfeifenrauch ins Gesicht. „Um Gottes Willen, jetzt kannst du auch noch sprechen“, schimpfte ich. Vorsichtig setzte ich mich auf und rieb mir die Augen. Auch kniff ich mich einige Male, doch egal, was ich tat, der Mond saß immer noch an derselben Stelle und rauchte Pfeife. Er sah genauso aus, wie man ihn aus Kinderbüchern kennt. Er hatte eine runde Gnubbelnase und eine weiße Schlafmütze mit einer großen Bommel auf dem Kopf. Und er war sichelförmig, fast halb im Profil. Der Mond lächelte mich fröhlich an. „Wie heißt du?“, fragte er mich höflich. „Anna“, antwortete ich, „und wie du heißt, brauchst du mir erst gar nicht zu sagen, das weiß ich schon: Mond.“ „Ach nee“, motzte der Mond, „Mond zu heißen ist so langweilig, das klingt bei euch Deutschen genauso schrecklich wie zum Beispiel auf finnisch: ‚Kuu’“. Der Mond schien sich in Rage zu sprechen: „Oder noch schlimmer sind die Isländer: ‚Tungl‘! Wer möchte schon ‚Tungl‘ genannt werden. ‚Qamar‘ auf Maltesisch, ‚Hold‘ auf Ungarisch – grauenhaft! Was lobe ich mir da die Italiener, Slowenier und Spanier, die haben wenigstens Stil: ‚Luna‘. Das klingt doch nach etwas!“ Erregt nahm der Mond einen riesigen Zug aus seiner Pfeife und ich wollte diese Zeit nutzen. Immerhin wusste ich, dass es mindestens 7000 Sprachen auf der Welt gibt. Nicht auszudenken, wenn mir der Mond seinen Namen in jeder einzelnen von ihnen aufgezählt hätte. „Na, da haben wir es doch“, rief ich schnell, „dann nenne ich dich einfach ‚Luna‘.“ Der Mond schaute mich verächtlich an. „Ganz schön divenhaft, dieser Mond“, dachte ich insgeheim. „Du bist aber keine Italienerin, keine Spanierin und auch keine Slowenin.“ „Ja, was für einen Namen wünscht sich der Herr denn?“ Ich wurde langsam ungeduldig. „Ach, jetzt bin ich schon pauschal männlich“, zickte mich der Mond an, nur weil ihr Deutschen solch eigenartige Artikel verwendet.“ Ich wurde sauer. „Na, dann nenne ich dich halt Monda.“ „Ja, Monda Lisa“, lachte der Mond etwas ärgerlich und plötzlich verwandelte er sich in Leonardo Da Vincis berühmtes Gemälde als Mona Lisa, allerdings hatte sie ein rundes Mondgesicht. Ich musste lachen. Der Mond schien einen wirklich schwierigen Charakter zu haben und offensichtlich redete er sich leicht in Rage, doch eines musste man ihm lassen. Er hatte Humor. Schnell wurde ich wieder ernster, denn der Mond schien sonst nicht zu Scherzen aufgelegt zu sein. „Edmond ist, glaube ich jedenfalls, ein Name. Das ist zwar ein männlicher Vorname, aber ich finde“, und nun versuchte ich den Mond mit einem Wortspiel etwas mehr auf meine Seite zu ziehen, „er klingt sehr würdevoll und mondän.“ Der Mond nahm wieder einen großen Zug aus seiner Pfeife und dachte nach. „Ja“, sagte er endlich nach einiger Zeit, „Edmond gefällt mir.“ Nun saßen wir beide eine Weile schweigend auf meinem Bett. „Oh, ein elektrisches Klavier!“, rief er plötzlich in die peinliche Stille und rannte auf seinen dünnen Beinchen zu meinem weißen Klavier, welches an der Wand neben meinem Bett steht. „Darf ich spielen?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, riss er den Deckel hoch und spielte eigenartige sphärische Klänge in die Nacht. „Ach, ich liebe die Hammondorgel, da tanzen meine Hormondrüsen Tango“, schrie der Mond einige Wortspiele in diese eigenartige Musik. Doch ich konnte darüber nicht mehr lachen. Es wurde mir zu viel. Entschlossen sprang ich auf. „Hör mal, Mond, äh, ich meinte Edmond! Mir reicht es jetzt. Du kannst gar nicht hier in meinem Zimmer sein und eigenartige Mondklänge auf der Hammondorgel spielen!“ „So, warum denn nicht?“ Der Mond schien ziemlich unbeeindruckt zu sein. „Ich tue es doch.“ „Weil“, schrie ich, „du heute im Perigäum stehst!“ Ich war stolz, dass ich mich so viel mit Zahlen und Astronomie auskannte. „Was auch immer das heißt“, sagte der Mond schnippisch und er schaute nicht einmal auf dabei, „ich stehe nicht, sondern ich sitze und soweit ich weiß, heißt das nicht Perigäum, sondern Klavierhocker.“ „Ooooh, du…!“ Fast wäre ich dem Mond an die Kehle gesprungen, doch dann versuchte ich es weiter mit wissenschaftlichen Fakten: „Perigäum bedeutet erdnächster Punkt und dieser ist heute ziemlich genau 367 901 Kilometer entfernt von hier. Doch selbst, wenn du, wie auch immer, diese Distanz überwunden hättest, um hier bei mir im Schlafzimmer zu landen, du würdest nicht einmal reinpassen. Immerhin bist du ziemlich dick, dein Bauch hat ungefähr 3476 Kilometer Durchmesser!“ Jetzt hörte der Mond auf mit Spielen. „Du musst mich ja nicht gleich beleidigen“, murmelte er traurig. „Oh, entschuldige bitte, Edmond, so habe ich das nicht gemeint. Ich meinte doch nur, dass mein Schlafzimmer viel zu klein für dich ist.“ Der Mond bekam wieder Oberwasser. „Ich sitze aber darin“, antwortete er trotzig. So einfach war er wirklich nicht zu knacken. Ich musste ihm mit leichteren Fakten kommen. „Sieh mal“, lenkte ich ein. „Du kannst nicht bei mir am Klavier sitzen, weil du da oben im Himmel bist.“ „Bin ich?“, fragte er ohne aufzublicken. Ich schaute aus dem Fenster. Es war eine sternenklare Nacht, doch kein Mond war in Sicht. „Siehst du mich irgendwo da oben?“ „Nein“, zögerte ich mit der Antwort, „da hat sich bestimmt eine Wolke davor geschoben.“ Jetzt drehte der Mond den Spieß um, schon wieder skurrile sphärische Klänge spielend. „Ich denke, du liebst so die Quantenmechanik. Und was du nicht beobachtest, ist da und nicht da. Man kann auch sagen, es ist überall im quantenmechanischen Zustand. Wie Schrödingers Katze, die ist ja auch tot und lebendig zugleich. Siehst du, deshalb kann ich überall sein und jetzt, in diesem Moment bin ich halt hier in deinem Schlafzimmer und spiele Hammondorgel.“ „Jetzt verdrehst du ganz schön was!“, schrie ich den Mond an. „Und überhaupt, du siehst aus wie direkt einem Kinderbuch entsprungen!“ „Na und?“, entgegnete der Mond. „Alles, was in deinem Geist existieren kann, existiert auch wirklich. So funktioniert nun einmal das Universum.“ Ich gab auf. „Du hast gewonnen“, sagte ich leise und fügte, da er ja darauf so viel Wert legte, noch seinen Namen hinzu. „Edmond.“
Als der Mond das hörte, schien er traurig zu werden. „Aber ich wollte doch gar nicht gewinnen. Ich wollte nur etwas Ablenkung. Weißt du, dort oben ist es so stinklangweilig, kaum auszuhalten. Da dachte ich, dass ich dir mal einen Besuch abstatte. Ich wollte dich doch nicht ärgern. Dann gehe ich mal wieder.“ „Warte“, sagte ich, „ich habe es nicht so gemeint.“ „Ich weiß“, sagte der Mond. „Und ich glaube auch, dass du mich nicht vergisst und häufiger als sonst zu mir aufblickst.“ „Das werde ich“, versprach ich. Und einen erneuten tiefen Zug aus der Pfeife nehmend, verabschiedete sich der Mond und flog durchs offene Fenster, bis er wieder ruhig und friedlich gelb leuchtend am Firmament stand.
Am Morgen hielt ich alles für einen sehr intensiven Traum, wäre da nicht der offene Klavierdeckel, der einen Blick auf das eingestellte Instrument, nämlich die Hammondorgel offenbarte, und der starke Geruch nach Pfeifentabak gewesen.
Christiane Seebach, Jahrgang 1969, lebt mit ihren 2 Kindern in Wismar.
Sie studierte Sprachheil- und Theaterpädagogik und arbeitet an einer Regionalschule als Lehrerin für Musik und Theater.
Sie schreibt Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke, welche sie auch aufführt. Für ihre Schultheaterstücke erhielt sie insgesamt 5 Auszeichnungen in Hamburg und Hessen.
Webseite: christiane-seebach.de
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