Britta Badura für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Nachtfetzen
Liebling holt mich in einem klapprigen Auto ab und drückt mir ein blaues Kleid in die Hand. Im fahrenden Auto ziehe ich mich um. Das Kleid juckt und kratzt. Er meint, es sei aus Thunfischhaut. Im Radio läuft Grönemeyers „Bleibt alles anders,“ nur in meinem Kopf spielt Bush „Glycerine“. Wir steigen aus und ich muss Stiefel zum Kleid tragen, da er die schönen Schuhe vergessen hat. Ich tusche meine Wimpern, drehe die Haare auf und lächle ihn an.
Liebling und ich fahren im Bus, das Mädchen vor mir liest einen Asterix-Band namens „Das Salz des Balthasars“. Dann hört man verzweifelt ein Kind nach seiner Mutter schreien, aber wir finden es nirgends. Als wir im Lokal ankommen, staune ich über die bunte Bar, doch bestelle zuerst nur ein Glas Leitungswasser. Der Barkeeper gibt mir schneeweiße Rollschuhe, mit denen ich durch die Menschengrüppchen fahre und mein Lächeln herumwerfe.
Liebling und ich reden über den Sommer, ich greife blind zu meinem Glas und nehme einen Schluck, doch es ist nicht mein Getränk! Ich entschuldige mich bei meiner Sitznachbarin und frage sie, ob sie das Wort „schnabulieren“ kenne. Von unserem Platz aus sehe ich das Schaufenster einer Tanzschule, wo kleine Kinder Ballett tanzen, ganz in Weiß gekleidet. Die Lehrerin tänzelt aus dem Studio auf die Straße und die Kinder ihr hinterher.
Liebling und ich beginnen zu streiten und ich schütte ihm meinen Gin Tonic über den Kopf, treffe allerdings nicht ihn, sondern einen Mann hinter ihm, dem der Alkohol in den Augen brennt. Ich schäme mich und verstecke das Glas, worüber ich mich noch mehr schäme. Liebling und ich gehen in ein Lokal, wo lauter Cowboys sitzen, die betrunken grölen. Daheim wäscht Liebling meine Kleidung mit der Hand und hängt sie zum Trocknen auf.
Liebling und ich besuchen eine Weltraum-Ausstellung. Ich bemerke, dass wir langsamer gehen als die anderen und von Wesen mit weißen Wimpern beobachtet werden, die sich hinter Biedermeiermöbeln verstecken. Wir laufen weg und verstecken uns auf dem Parkplatz eines Gasthauses hinter dem rosa Cadillac eines bekannten Journalisten, der mir arrogant seinen Parkschein zuwirft, den ich mit der linken Hand fange und gleich zerknülle.
Liebling und ich gehen in seine Wohnung, er brät dort ein Steak für mich ab und gießt braunen Schnaps in zwei Gläser. Dann fällt mir das Auto ein und ich laufe los, um Münzen nachzuwerfen. Als ich auf den Parkplatz komme, suche ich das Auto. Dann sehe ich den Abschleppwagen, der gerade damit losfährt. Ich renne und schreie und bringe ihn zum Stoppen, frage, was die Strafe sei. Er sagt lächelnd: „300 Dollar, darling.“
Liebling und ich fliegen spontan nach New York. Dort stapfen wir durch den Schnee, ich trage Fingerlinge und darüber Fäustlinge, Socken mit hellblauen Rentieren drauf und Stiefel, die zuerst wie ein Sack sind und dann eng anliegen. In einem Fastfood Laden stellt die Kassiererin Fragen zu unserer Herkunft und der Landschaft dort. Am Ende ist unsere Rechnung vier Meter lang. Wir treffen jemanden, der Nirvanasongs auf Finnisch covert.
Liebling und ich sind in einem Schuhgeschäft. Ich sehe ein Paar Schuhe, wie ich sie als Jugendliche getragen habe. Der Absatz ist abgebrochen. Ein junges Paar streitet im Geschäft und das Handy der Frau läutet. „J´arrive!“ sagt sie genervt. Dann redet jemand auf österreichischem Dialekt mit ihr und fragt, ob sie denn im Löwe-Krankenhaus gewesen sei. Der Mann schreit jetzt ins Telefon und als er auflegt, sieht er bedrückt aus.
Liebling und ich machen Abendessen. Er fragt nach Salz, öffnet eine Lade und nimmt die Packung heraus. Ich sehe, dass es Zuckerperlen sind, voller Fäden von Madenverpuppungen. Schnell nehme ich ihm die Packung aus der Hand, lächle unsicher, sage „Falsch“ und gebe ihm die Packung Salz. Dann küsse ich ihn auf die Stirn. Liebling schreibt mir an diesem Abend kleine Nachrichten, die wie Tattoos auf meiner Haut bleiben, wohl für immer.
Liebling und ich blättern in einem Buch, das den Titel „Pizzen meines Lebens“ trägt. Darin trägt man ein, mit wem und wo man schon Pizza gegessen hat. Liebling hat einen Großteil schon sorgfältig ausgefüllt und ich staune: „Das weißt du noch alles?“ Ich hebe mein Pyjamahemd, schreie: „Das sind keine Silikonbrüste!“ Dann klettere ich über ihn hinweg, um meine Sammlung von Wong-Karwei-Filmen in idente rosa DVD-Hüllen zu stecken.
Liebling und ich liegen auf der Couch. Mein Kopf auf seiner Brust und wir schauen auf die Sterne im schwarzen Himmel. Dann küssen wir uns und plötzlich verschiebt sich die Couch, wir liegen schief und ein etwa zweijähriger blonder Bub mit roten, altmodischen Schuhen geht um uns herum. Einmal bleibt er einer Betonspalte hängen und ich helfe ihm heraus, während Liebling umständlich ein Kondom anlegt. Doch ich habe keine Lust mehr.
Liebling und ich spielen „Wer bin ich?“. Ich gehe auf den Balkon rauchen, schnippe die Zigarette halb glühend auf die Markise des unteren Balkons, wo schnell ein großes Loch entsteht. Mein Vater kommt und bittet mich um eine Zigarette, doch jede, die ich aus dem Packerl ziehe, ist kaputt. Auf der Wäscheleine hängen schwarze T-Shirts in unterschiedlichen Größen, eine ungerade Anzahl von Handschuhen und ein dunkelroter Perserteppich.
Liebling und ich sind im neuen Haus und er ordnet den Kasten nach Porzellan und Kristall. Es ist eine eigentümliche Ordnung, die ich wieder umstelle, dabei entdecke ich einen hässlichen Topf, auf dem eine Schlange prangt. Den Boden in der Küche schrubbe ich, bis er weiß ist. Es läutet und die dunkelhaarige Postlerin bringt ein riesiges Paket von meinem Vater: Ein übergroßer Panama-Hut. Am Abend werde ich Pizza mit Gorgonzola machen.
Liebling und ich fahren zum Flughafen. Ich checke erst dort, ob ich meinen Pass nicht vergessen habe. Ich stehe da in meinem langen, tief ausgeschnittenen Sommerkleid, dazu trage ich hochhackige Schuhe und sehe mädchenhaft schön aus. Liebling küsst mich, dann läutet das Handy, meine Mutter legt ohne Begrüßung los: „Wusstest du, dass jetzt alle Versicherungen auf ein 14-Punkte-System umgestellt worden sind…“
Liebling und ich sind in einem mondänen Hotel, zuerst denke ich, es wäre in Hamburg, doch alle sprechen Französisch. Liebling läuft nach einem Streit davon, ich ihm hinterher, dabei verliere ich meine Schuhe. Liebling reist früher ab und ich flaniere allein durch die Stadt. In einer Bar gehe ich auf die Toilette, die gleichzeitig eine Dusche ist, alles tröpfelt und ich denke: „Der Großteil der Welt hat zu wenig Wasser und wir lassen es einfach rinnen.“
Liebling und ich liegen noch im Bett, mit verwuschelten Haaren. Jemand rüttelt an der Tür: Es ist Lieblings Mutter, außer Atem. Je stärker sie gegen die Tür drückt, desto fester verzieht sich das Schloss zu einer Spirale, die ich mit einer Zange aufdrehen muss. Dann steht sie im Raum, ich packe sie an den Schultern und sage, dass wir überhaupt keine Zeit für sie hätten. Ich mache ihr trotzdem Kaffee und stelle Kuchen auf weißem Porzellan auf den Tisch.
Liebling und ich verkaufen das Haus und machen einen Flohmarkt. In den großen Kästen finde ich Kleidung, die wir noch nie getragen haben, und staune über ein Chiffonkleid mit aufgestickten Sternen. Von den Büchern kann ich mich nicht trennen, also packt Liebling sie in kleine Kisten und verkauft sie als Überraschungspakete. Abends rauchen wir die letzte Packung Chesterfields und trinken die Reste aus den wenigen verbliebenen Flaschen.
Liebling und ich sind in Portugal. Nach einem Streit ziehe ich abends allein los, ohne ihm Bescheid zu geben, und fahre traurig mit dem Fahrrad durch Gassen einer fremden Stadt. Auf einer Brücke stehend betrachte ich Kinder, die in einem Kanal schwimmen und sich gegenseitig anspritzen. In einem Café entdecke ich Liebling bei einem Campari, ich lege mich um seine Schultern. Eine Traurigkeit hängt über allem, was wir diesen Abend noch tun.
Nachdem ich Liebling am Morgen von meinem Traum erzählte, fragt er, ob ich meinen letzten Traum schon aufgeschrieben habe. Ich verneine und frage: „Was habe ich denn geträumt?“ Und dann erinnert er mich an den Igel, den ich im Traum mit einem kleinen Löffelchen mit Kartoffelpüree fütterte. Ich küsse ihn auf die Stirn, drehe mich mit dem Rücken in seine Körperbeuge und schlafe weiter.
Britta Badura (geb. 1980) ist Germanistin und Schriftstellerin. Sie arbeitet als Schreibwerkstättenleiterin und macht für das Grazer Theater Quadrat die Öffentlichkeitsarbeit und gelegentlich Dramaturgie. Ihre Kurzprosa und Lyrik wurden in verschiedenen Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht und nach der Fertigstellung eines Sachbuchs über ihr Leben als Patchworkmutter von fünf Kindern widmet sich jetzt wieder ihrem Roman.
Internetseite: https://britta-badura.com/
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