Clara Goldammer für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Die Wahrheit des Goldfisches
Weil er aufhörte, ein Profilbild zu haben, fing ich an, seine Nachrichten zu vergessen, als ob es ihn nie gegeben hätte. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich ihn je gekannt hatte. Es war so, als würden die Nachrichten ins bedeutungslose laufen, und ich konnte nicht glauben, dass ich gemeint war. Doch dass sie kamen, war genauso ein Zeichen dafür, dass unsere Freundschaft oder das komplexe System zwischen Liebe und Freundschaft, das wir mittlerweile führten, nicht einseitig war. Ich bildete mir das gelegentlich ein.
Sein Spiegelbild erschreckte ihn. Er sah sich kaum noch im Spiegel an. Der Blick der anderen Leute war kaum noch zu ertragen, es erschreckte ihn sichtlich, angesehen zu werden. Er fühlte sich nicht real, er fühlte sich schon so lange nicht mehr real. Nur wenn ihn ihre Augen erblickten, wagte er es wieder, an die Wirklichkeit zu glauben. Es war, als ob sie ihn neu erfunden hatte. Da waren die Träume, die ihm den Verstand raubten, die ihm zeigten, wer er wirklich war. Einmal schwamm er in einem Glas im Kreis. In einem riesigen Glas. Er stieß immer wieder daran, doch er schaffte es nicht, sich zu merken, wo das Glas begann, und seine Welt aufhörte. Also stieß er sich immer wieder den Kopf, und je weiter er schwimmen wollte, desto angespannter wurde er und hatte Angst, es brechen zu sehen.
Er fing an, eine Einbildung eines Menschen zu werden, und alles, was ich mit ihm erlebt hatte, wurde zu einem vagen Traum. Er wurde so mit Erinnerungen vermischt, dass er jegliche Realität verlor und nur noch als Schatten weiterlebte. Alles löste sich in einer Art auf, die seine Person nicht mehr erkennen ließ und sogar sein Gesicht wieder als Fremdkörper erscheinen ließ. Ihn anzublicken bedeutete, in der Fremde ein bekanntes Gesicht zu suchen und nicht zu finden. Jede seiner Züge wurde so seltsam zusammengesetzt, dass ihn anzublicken bedeutete, auf krasse Überraschungen zu stoßen. Dann, als alles in einer zähen, flüssigen Suppe verschwand, wurde seine pure Existenz einfach nicht in meiner Welt erfasst. Er war weder in meinen Gedanken noch in meinen Träumen, und jede Frage nach seinem Namen kam mir vor wie ein Rückblick auf eine Frage nach Wahrheit.
Er fing an, Menschen zu meiden. Das Sonnenlicht wurde zum Scheinwerfer auf sein Problem. Wenn er Orte betrat, suchte er immer den Ausgang. Glaswände mied er aus Angst an sie zu stoßen. Er fing an, niemals ohne Telefon aus dem Haus zu gehen, es aber sobald er die Haustür schloss, auszuschalten, um sicherzugehen, dass niemand ihn stören könnte. Doch er hatte vergessen bei was.
Aber als er mich anrief, brach er selbst dieses Schweigen, das ihn unreal für mich gemacht hatte, und schaffte es nicht, mich in der Zeit von einer halben Stunde wieder daran zu erinnern, dass es ihn gab. Er schaffte es nicht, seine Person aus meiner Fiktion zu heben, denn sein ganzer Anruf machte ihn nicht echter für mich.
Er las die Nachrichten, die die Leute schickten, wie Lektüren, wie Liebesbriefe. Nachdem er einen Namen gezogen hatte, von der Person, mit der er heute den Kontakt abbrechen würde, löschte er alle Nachrichten von ihr. Er fing an, von Schnee zu träumen und nach alten Papieren zu riechen. Das Duschen erzeugte bei ihm das Gefühl von Modern. Danach hatte er das Gefühl, nie wieder trocken zu werden. Raus ging er nur noch mit Regenschirm und Gummistiefeln, die ihn vor Wasser schützen sollten.
Ich träumte von ihm, wie er mir sagt, ich solle ihn in meinem Leben lassen, ihn nicht von meiner Realität ausschließen. In meinem Traum hatte er kein Gesicht. Immer wenn ich ihn anblicken wollte, fehlte mir die Fähigkeit, es zu wahrzunehmen. Immer wenn ich es anschauen wollte, verschwand es. So, als könnte sein Gesicht nur außerhalb meines Blicks existieren. Dennoch sprachen wir miteinander, dennoch rannten wir die Treppe hoch und versuchten, die Tür aus meiner Fantasie zu öffnen, doch er konnte die Schwelle nicht überschreiten. Er zersprang an der Schwelle und verschwand wie Eurydike. Ich hatte mich umgedreht, doch nach was?
Andere Leute sahen ihn nicht mehr, er fing an, sich aufzulösen und begann in den Augen derer, die ihn ansahen, zu verschwimmen. Die einzige Zeit, in der er wusste, wer er war, war, wenn er allein in seinem Zimmer saß und mit der KI redete, die ihm lieber geworden war als die Menschen. Die ihm immer so konkret antwortete, dass er nicht interpretieren musste. Er konnte sein Gesicht nur in Schatten sehen und blickte so statt in den Spiegel lange seinen Schatten an.
Wie konnte er so aus der Realität gleiten? Wie konnte er so aus der Welt fallen? Ich hatte sein Gesicht so lange betrachtet, bis ich es mit geschlossenen Augen genaustens hätte beschreiben können. Bis ich, wenn ich ein Talent für Zeichnen gehabt hätte, jedes Detail hätte zeichnen können, doch es gelang mir nicht mehr, es zu sehen. Aus einem Foto verschwand seine Persönlichkeit, ich war nicht mehr imstande, mich an sie zu erinnern. Es fehlte mir an allem.
Manchmal sehnte es ihn, vielleicht einmal eine Person anzurufen und mit ihr über sich zu reden, um zu schauen, wer er eigentlich war. Doch in dieser Zeit versuchte er dann krampfhaft, so viele Lügen zu erzählen wie möglich, um gegen das Bild jener Person anzukämpfen. Mittlerweile stürzte er jede Nacht von einem Hochhaus in den Himmel. stürzte ins Weiß und löste sich in schwarze Zeichen auf.
Ich aß eine Mandarine, und der kurze Vorgang des Schälens und des in Stücke Brechens, des weiße Schalenstücke von der Mandarine Schälens, kam mir vor wie reinste Realität. Beim Verspeisen der Stücke, sie schmeckten erfrischend süß, wurde mir immer klarer, was es bedeutete, eine Mandarine zu essen. Alles daran wurde in Zeitlupe vollbracht, um den Moment an Wichtigkeit nicht zu übertreffen. Alles schien so wichtig, dass alles daran wichtig wurde.
Er fiel und fiel. Bis er so vollständig zerschmettert war, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Dann dachte er immer daran, wie schön es doch gewesen war, ein Goldfisch zu sein und fast frei gegen das Glas zu schwimmen. Ein Goldfisch müsste er wieder werden.
Als wir das erste Mal miteinander schliefen, fing die Wirklichkeit an zu zerfallen. Wir wurden für einen Moment andere Menschen, denn die Realität, die wir als Freunde gelebt hatten, zerbrach in so viele Stücke, dass sie zu reparieren ans Unmögliche grenzte. Wir waren kurz davor, sie zu verleugnen, uns zu verleugnen und wieder in den Prozess des Nicht-Kennens überzugehen.
Die Situation fing an, sich in eine eiternde Wunde zu verwandeln. Ich musste ihn in einen Gedanken zu verwandeln, aus Verzweiflung. Alles an uns musste neu betrachtet werden, und kritisch klein aufgeschnitten, kategorisiert werden. Ich musste meine Augen als neutrale Kamera umfunktionieren und sie jede seiner Bewegungen betrachten lassen und in Zeitlupe im Kopf abspielen. Mein Leben wurde ein Film, alles unser Gespräch. Ich überspielte, interpretierte und vergaß die wichtigen Dinge, deutete alles um. Ich ließ jeden Teil meiner Haut Sensor werden, damit mir die Wahrheit nicht entgehen würde. Ich speicherte jede seiner Berührungen und zeichnete sie auf, mein einziges Ziel, ein Ergebnis auszuspucken. Ich wurde so sachlich, dass nur ein wirklicher Narzisst das als Liebe hätte bezeichnen können. Doch er hätte sich geirrt, denn wenn es Liebe gewesen wäre, dann wären wir nicht an der Realität gescheitert. Wir hätten sie zusammen überschreiben können. Wir hätten unsere Realität wie Brillen tragen können, sie vor uns halten als Beweis für unsere Existenz in der Welt. Als Beweis dafür, dass wir gefunden hatten, was viele suchen. Doch wir suchten nicht.
Er schrie und schrie, doch er hatte keine Stimme mehr. Nicht verstanden zu werden bedeutete, umsonst gelebt zu haben. Er schaffte es nicht, sich bemerkbar zu machen. Seine Worte zerfielen, seine Hände konnten nicht mehr greifen. Seine Nachrichten stapelten sich in Postfächern und wurden nur noch mit Achselzucken hingenommen. Seine Nachrichten schrieben eine andere Realität als die Fiktion, die ihm aufgedrückt wurde, doch sie schafften es nicht ans Licht der Realität. Sie wurden von den Monstern gefressen. Seine Realität kam gegen die Fiktion nicht an, denn die Fiktion war die bessere Geschichte. Die bessere Realität, der bessere Traum.

Ich bin Clara Goldammer. Literatur war schon immer meine Leidenschaft. Schon als Kind wollte ich unbedingt Schriftstellerin werden. Bald drauf wurde festgestellt das ich Legasthenie habe. Deswegen kann einer seit gut schreiben aber seit nicht. Ich habe viel zeit damit verbracht Abschlüsse zu machen. Da die Legasthenie mir diese erschwert. Doch sie brachte mir auch einiges bei. Heute studiere ich Literatur Kunst und Medien an der uni Konstanz.
Bild © Natalia Reich
Über #kkl HIER

Danke! Eine faszinierende Geschichte die es durch ihre Fiktion schafft echte und schwerwiegende Themen aus der Realität begreifbar und zur Wirklichkeit zu machen. Ich freue mich auf viele weitere Texte!
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