Christine Ibrom für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Als an einem Montagnachmittag die Welt wegfiel
Mit beiden Händen am Lenkrad rollt der Wagen an diesem sonnigen Tag durch die Tramer Allee in Richtung Westender Park. Durch den Regen der letzten Tage leuchtet das satte Grün der Wiesen. Ebenso erscheinen die Hecken am Straßenrand in prachtvollen Grüntönen. Zwei weitere Linkskurven und die Felder des Neuen Landes erreichen das Blickfeld. Neben den äußeren Bildern wird bemerkt, dass auch inwendige Bilder auftauchen sowie ein Nachdenken über die bevorstehenden Tage.
Fast unmerklich verfliegen jedoch alle Eindrücke von außen und innen. Eine nie zuvor empfundene Wahrnehmung taucht aus dem Nichts auf. Eine unbekannte Freude lässt eine ebenfalls unbekannte Gelassenheit entstehen. Ein wohliges Gefühl von Schwerelosigkeit überkommt den Körper, währenddessen gespürt wird, wie dieser vom Sitz des Wagens gehalten und angenehm umfangen wird.
Plötzlich jedoch, wie im freien Fall, erscheint paradox schwebend alles Sichtbare und Unsichtbare simultan als ein einheitliches Ganzes. Bemerkbar in einer Gewissheit von Perfektion, die ein Verstand niemals erfassen kann. Was jemals für lebendig gehalten wurde, verliert seine Gültigkeit, denn alle Erscheinungen werden in der Reinheit ihrer Ursprünglichkeit erfasst. Es ist das Leben, das sich selbst sieht. Die Unbegrenztheit des Wahrnehmens fokussiert sich in dem einzigen zeitlosen Blick, den es gibt. Dieses Schauen sieht ohne zu benennen. Es kann alles unmittelbar erkennen. Da wird intrinsisch gewusst, dass Felder und Sträucher gesehen werden, wobei es keine Einzelobjekte gibt und keine Namen für das Sichtbare erscheinen. Die Natur ist nicht nur grenzenlos in sich selbst verbunden, sondern das Erfassen dieser Natur gipfelt in einer Einheit, die das Sehen und Leben des Körpers, der in dem Wagen sitzt, mit einschließt. Da fährt niemand ein Auto, denn das Sitzen in etwas, das sich bewegt, gehört inklusive zu der Lebendigkeit, die sich als Alles zeigt. Zwischenräume gibt es nicht. Verwoben sind Himmel und Wolken, Bäume, Sträucher und Felder, die Straße und dieser Körper. Das was sieht ist untrennbar vom Gesehenen. Das was hört ist untrennbar vom Gehörten. Obwohl gewusst wird, was das Gesehene ist, existieren keine Bezeichnungen dafür. Es findet ausschließlich Wahrnehmung statt, die sowohl scheinbare Objekte als auch das Formlose gleichermaßen erfasst, ohne dabei benennbare Unterscheidungen zu erfahren. Wind bewegt die Blätter der Bäume, Vögel erscheinen am Himmel. Vogelstimmen sind da. Einfach nur da. Sie werden weder gesungen noch gehört. Vogelstimmen geschehen einfach. Es gibt keinen separierten Empfänger, der den Vogel von sich trennen könnte. Erfassen ist das, was ist. Nicht als Person mit Ohren und Augen. Das Erfassen selbst geschieht nicht in einem Körper oder durch einen Körper. Da ist keine Trennung zwischen dem Körper und der vermeintlichen Welt ringsherum. Keine Trennung zwischen dem was wahrgenommen wird und dem das wahrnimmt. Erfasst wird, dass alles bereits das Leben an sich ist. Die Wahrnehmung selbst gehört untrennbar dazu. So wie dieser scheinbare Körper, der in Wirklichkeit dasselbe ist wie alles andere, das einfach erscheint. Erfassen des Lebens passiert. So, wie Leben einfach passiert.
Dann wird ruckartig – wie seit Jahrzehnten gewohnt – wieder der Körper gespürt. Die Landschaft besteht scheinbar wieder aus Einzelobjekten, die vorbeiziehen und die durch die physischen Augen gesehen werden. Der rechte Fuß gleitet sanft auf die Bremse, der linke hebt sich, um das Kupplungspedal durchzutreten. Die rechte Hand weiß in Kombination mit dem linken Fuß, wie sie Gang für Gang herunterschaltet. Der Blinker wird betätigt, das Fahrzeug rollt am Straßenrand aus und bleibt schließlich stehen. Der ganze Körper wird als ein einzelnes Lebewesen wahrgenommen, das aktuell in einem warmen Auto sitzt. Er wird wieder als getrennt von einer Umgebung gespürt. Augen, die zu diesem Körper gehören, sehen Bäume und eine Straße komischerweise als verschiedene Objekte.
Dass diese, seit Kindesbeinen an so gewöhnliche Perspektive, jedoch nicht die Wahrheit, sondern nur die konditionierte Sichtweise der bislang bekannten Realität war, wird simultan gewusst. Ganz anders als das Schauen, das sich soeben ereignet hat: Was aus jetziger Bewertung Ähnlichkeit mit einem Traum haben könnte, war stattdessen der Einblick in die Wirklichkeit. Die Erkenntnis stellt sich jetzt ganz klar dar und weiß, dass die vermeintliche Wahrnehmung von Trennung, die das gewohnte Wachbewusstsein normalerweise erzeugt, in Wirklichkeit überhaupt nicht existiert. Das Gegenteil von Trennung ist sogar nicht mehr als Einheit zu bezeichnen. Denn das würde bedeuten, dass sie aus mindestens zwei Dingen zusammengesetzt sein müsste. Das Sein als eine Einheit zu betrachten ergibt keinen Sinn.
Vielmehr besteht das Sein aus Nicht-Zwei.
Leichte Verwunderung entsteht neben weiteren Gedanken, die langsam wieder die Oberhand beanspruchen wollen. Doch wird bemerkt, dass Gedanken einfach automatisch auftauchen und wieder verblassen. Verwunderung darüber, das SEIN ließe sich denken, lässt mich leicht mit dem Kopf schütteln.
Eine von mir getrennte Welt existiert insofern nicht, als dass ich nicht in ihr bin. Eine Welt, in der ich als vermeintliche Person existiert haben soll, hat es nie gegeben.
Stattdessen ist die Welt in mir.
Ein Gedanke, der glaubt Ich zu sein, fragt nach der Uhrzeit. Völlig klar und absolut wird jedoch gewusst: Es gibt keine Zeit. Sie fiel auch nicht weg. Es gibt auch nichts, das gleichzeitig geschehen könnte, da ‚gleichzeitig‘ das Konstrukt von Zeit voraussetzt.
Doch im Konstrukt namens Zeit ist es ein Montagnachmittag, als die Welt wegfiel.
Christine Ibrom wurde 1962 in Bochum geboren und wohnt heute in Dortmund.
Das Schreiben ist seit Grundschulzeiten ihre Leidenschaft.

Ein Beruf im Vertrieb ließ und lässt jedoch wenig Zeit für das Hobby. Entstanden sind dennoch einige Texte, von denen eine kleine Auswahl in ihrem dritten Buch zu finden ist. Die ersten beiden Bücher sind als eine fortlaufende Geschichte erzählt. Ihre Bücher hat sie im Selbstverlag veröffentlicht. Das Schreiben ist bis heute ein Hobby geblieben.
Das Herzensthema beim Schreiben ist die Selbstfindung oder Selbsterkenntnis.
Psychologische Themen haben sie seit ihrer Jugend interessiert. Über Bücher hat sie sich einen Hintergrund angeeignet und über Gespräche mit spirituell Suchenden ein weiteres Verständnis.
Die eigene spirituelle Suche beendete sich im April 2012.
Besonders auffällig ist, dass Christine Ibrom mit ihren Texten nicht den Mainstream bedient, sondern mit außergewöhnlichen Sichtweisen punktet.
Die Adresse ihrer Website lautet: aaronshof.jimdosite.com
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