Bernd Krippl für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Die Feier der Genetik
Die Nacht wurde ein seltsamer Traum, sie hatte zur Feier der Genetik gerufen. Es kamen geladene und ungeladene Gäste in ihr offenes, großes Haus: Ihre engste Freundin, die Biochemie; die elegante Entwicklungsbiologie; die immer nüchtern bleibende Statistik stöckelte in einem Glockenkleid, Populationen von Zahlen in der Schleppe hinter sich herziehend, in den Ballsaal. Zuchthengste und Schwangere wurden willkommen geheißen; sie legten die Garderobe ab. Große Männer und kleine Geister nippten an Pharma-Cocktails, schoben sich in die Spitzenpositionen am langen Büfett, griffen und grapschten nach den neuen Früchten. Sie schielten den Milchmädchen ins tiefe Dekolleté, verbeugten sich aber ehrfürchtig vor den Damen aus der Politik und den Kollegen aus Industrie und Landwirtschaft.
Geklonter Hammel wurde gereicht und Masken aus Haut für identische Gesichter. Die Kronleuchter gingen in Flammen auf, warfen Licht und Schatten auf die umherspringenden Gene. Ihre vielen Kinder und Ableger, die wohlgenährten, properen Babys, die Missgeburten und Monster tanzten mit Ratten und Mäusen. Einige rissen aus und bissen die quiekenden Angestellten in die Waden und Finger, weil sie keine Spritzen wollten. Geheilte Greise erinnerten sich früherer Krankheiten und lachten mit Vitalität, schlugen mit Fäusten auf die Tische vor Vergnügen und neuer Potenz. Endlich erschien die Genetik selber im strahlenden Glanz ihrer Corona der Wissenschaft, der Vernunft und der Einsicht. Sie gebot dem Lärmen und Treiben Einhalt.
Als Ruhe eingekehrt war, sprach sie feierlich, doch mit deutlich texanischem Akzent: »Let’s do genetics, let’s make love!« Jubelschreie brachen aus, die Party begann, und der Säbeltiger legte behutsam seinen Kopf in ihren Schoß, als sie Platz genommen hatte.
Schnee
weißt du
zu durchsichtig im Licht die Kristalle für deinen Schatten
in meinen Augen
schweigen sie die Landschaft zu
wie alleine sein
immer muss ich an dein Kleid denken
wenn der Wind geht
unser Gedachtes wie Gewebe bloßlegt und wieder zudeckt
dass nur die Träume nicht aufwachen
Nornen sagt man in den alten Märchen des Nordens
verknüpfen weiß mit weiß
und eins und eins
die wussten das schon mit uns
Silberfäden hielten sie für das Glück
weißt du
dann schweigen sie mir zu
wie Schnee wie alleine sein
auch die Männer mit Bärten
von denen ich einer war
stehen plötzlich eisgefroren da
so lange ist das schon her mit deiner Spange
wolltest du nicht Feuer schüren
wenn der Wind geht
unser Gedachtes wie Gewebe bloßlegt und wieder zudeckt
so weiß wie Schnee
wie alleine sein
Im Ahrtal, im September 1950, wurde Bernd Krippl geboren. Die wichtigen Entscheidungen, welche Organe wachsen sollten und dass alles gesund zur Welt kommen sollte, waren gefallen. Mit sechs Jahren lief ich im Frühling durch das Bergische Land. Mit siebzehn Jahren lief ich Hand in Hand durch den Frühling im Bergischen Land. Die Abifete war blöd. Die Lyrik von H.C. Artmann fand ich geil. Biologie ist die Wissenschaft vom Leben, also entschied ich mich auch Chemie zu hören. Die Ruhr-Uni – Lernen und Lehren – um davon fliegen zu können, mit meiner Liebe. In Washington zeigte man mir, wie man es macht, in New York habe ich es getan. Sprache fressen wurde zum Vergnügen. Auch auf glattem Eis in Holland. Damals war ich Mitte dreißig und nahm mir vor die Straßen mit Gedichten zu pflastern. Wieder in Deutschland wurden die inneren Wände renoviert. Der Prozess hält noch an, ein Lebenslauf durch natürliche Wunder.
Romane
Der Zahn des Tigers. (Amazon, eBook, Taschenbuch 2021)
The Tiger’s genetic tooth. (Amazon, eBook, Taschenbuch 2021)
Kaiserwetter. (Amazon, eBook, Taschenbuch 2019)
Harter Fall. (Dielmann Verlag, Frankfurt, 2008)
Übersetzung
Die Messias-Sucher. (Kreuz-Verlag, Stuttgart, 2003)
Kurzgeschichten
Neue Kurzgeschichten, die besten. (Amazon, eBook, Taschenbuch, 2021)
Die besten Kurzgeschichten 1979–2019. (Amazon, eBook, Taschenbuch, 2020)
Prosaminiaturen, Aphorismen.
Von Art zu Art. (Amazon, eBook, Taschenbuch, 2020)
Periodika
Vorkriegsdeutschland. (Coitus Koitus, Reichenbach, 2003)
Politische Retrovision. (Coitus Koitus, Reichenbach, 2002)
Deutschland. (Die Brücke, Saarbrücken, 2002)
Memorial. (Die Brücke, Saarbrücken, 2002)
Der genetische Traum. (Maskenball, Neuling, 2002)
Die Ereignisse (Federwelt Verlag, Söhlde, 2002)
Liebe und andere Peinlichkeiten. ( Literatur Verlag, München, 2001)
Sprache sehen. (Wortwechsel, 2000)
Schlagzeilen. (Edition L, Hockenheim, 1996)
Eine Telefonnummer (Mindener Tageblatt, 1998)
Musik und Lyrik https://www.youtube.com/results?search_query=Bernd+Krippl
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