Anruf aus dem Nichts

Wolf Schillinger für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“




Anruf aus dem Nichts

Ein Spätsommerabend, wie schöner du ihn nicht träumen könntest. Der Geruch von gebratenem Fleisch wurde langsam wieder überdeckt vom Duft der reifen Früchte. Im Licht der unter gehenden Sonne waren Äpfel, Birnen, ja selbst die Pflaumen vom Laub meist nicht mehr zu unterscheiden. Aber Verlangen nach Obst verspürte jetzt auch niemand mehr. Sattsein lag über allem. Die beiden Kleinsten waren schon eingeschlafen und auf der Bank in der Gartenlaube sicher unter gebracht, die größeren Kinder bedienten lustlos irgendwelche Videospiele auf ihren Smartphones.

In der Mitte der Rasenfläche waren drei Gartentische zu einer einzigen Tafel zusammen gerückt worden. Mit einem weißen Bettuch bedeckt hatte sie anfänglich einen festlichen Eindruck gemacht, jetzt, bedeckt mit benutzten Tellern und etlichen Schüsseln mit Speiseresten, war sie Zeugnis eines opulenten Mahles, das den Zuspruch aller gefunden hatte. Eva, Heiner und Achmet rundeten es mit Kaffee und Cognac ab, während Olaf seinen nie versiegenden Durst weiterhin mit Bier löschte. Yazmin ließ den Rotwein in ihrem Glase vom Licht der untergehenden Sonne illuminieren. Astrid hatte die Tischrunde verlassen, um zu telefonieren. Sie hatte plötzlich nach ihrem Mobiltelefon gegriffen und war mit einer Entschuldigung aufgesprungen. Yazmin hatte sich gewundert, denn sie hatte kein Anrufsignal vernommen. Astrid stand nun abseits unter dem großen Kirschbaum. Erst nach einer ganzen Weile kam sie zum Tisch zurück. Der Ausdruck ihres Gesichts ließ Yazmin aufmerken. Astrid war bleich, wirkte irgendwie verschreckt. Sie bedeutete Yazmin wortlos ihr zu folgen. Erst in einiger Entfernung vom Tisch und dem Rest der Gruppe wandte sie sich um. „Ich habe eine Nachricht erhalten, die Deinen jüngsten Bruder betreffen soll. Hast Du noch einen jüngeren Bruder im Kossowo?“ Nun verfärbten sich Yazmins Gesichtszüge und ihre Augen bekamen einen feuchten Glanz. Sie räusperte sich: „Wer hat Dir das gesagt?“ Und weiter mit erstickter Stimme: „Niemand außerhalb meiner Familie weiß von ihm.“ „Er sitzt in Pristina im Gefängnis und es geht ihm nicht gut“, wusste Astrid zu berichten. Yazmin konnte sich nun nicht länger beherrschen. Sie versuchte ihr Schluchzen zu unterdrücken, doch ihre Tränen flossen ungehemmt und sie zitterte am ganzen Körper. „Wer hat Dir das gesagt“, konnte sie schließlich stotternd wiederholen.

„Ich weiß es nicht. Es war dieser Anruf. Eine weibliche Stimme, sie nannte sich Fatima und flehte mich an, Dir folgende Botschaft mitzuteilen; Blerim sei unschuldig und  sie könne es beweisen.“ Yazmin schien einen Schock zu erleiden, Zittern und Schluchzen setzten schlagartig aus, auch ihre Tränen versiegten, doch ihr Gesicht war kalkweiß geworden. „Fatima?“ fuhr es aus ihr heraus, „Fatima ist tot!“ „Ich weiß“, war Astrids Antwort, „auch das hat sie mir gesagt. Wer war Fatima?“

Astrid führte die verstörte Freundin zu einer Bank auf der Rückseite des Gartenhauses. Im Sitzen konnte Yazmin sich langsam beruhigen und dann auch antworten:

„Fatima war die Freundin ihres Bruders Blerim. Sie war erst sechzehn als sich die beiden in einander verliebten. Blerim war damals zwanzig. Mehr als ein Jahr lang haben sie sich heimlich getroffen. Als es dann doch bekannt wurde, hat Fatimas Mutter ihr eine riesige Szene gemacht und ihr Vater ein Machtwort gesprochen. Fatima durfte das Haus nicht mehr ohne Begleitung verlassen. Ihr Bruder Ilir bekam den Befehl, seine Schwester unter allen Umständen von Blerim und unserer Familie fern zu halten. Natürlich ist es den beiden trotzdem  gelungen in Kontakt zu bleiben. Über eine Schulfreundin Fatimas haben sie Briefe ausgetauscht. Der Postillion d´ amour hatte reichlich zu tun. Täglich bekam das Mädchen von beiden Briefe zugesteckt. Gewissenhaft und meist pünktlich hat sie alle zugestellt. In den Schulferien fiel dieser  Dienst allerdings aus. Doch die beiden hatten da schon vereinbart, eine Entführung zu inszenieren. Zwei Tage nach Ferienbeginn kletterte Fatima nachts aus dem Fenster. Blerim wartete an der nächsten Hausecke mit seinem Moped. Achtzig Kilometer haben sie mit diesem Fahrzeug zurück gelegt. Allerdings  scheinen sie viele Pausen eingelegt zu haben, denn erst am späten Nachmittag haben sie in Pristina bei unserer Tante Asyl erbeten. Tante Shpresa ist Journalistin, eine moderne Frau. Sie nahm Romeo und Julia freundlich auf, überließ ihnen die Doppelschlafcouch im Gästezimmer und versäumte nicht, sie mit Verhütungsmitteln zu versorgen.

Drei Wochen lang waren die beiden spurlos verschwunden, denn Tante Shpresa gab das Geheimnis selbst meinen Eltern gegenüber nicht preis. Am dritten Tag erschien Fatimas Mutter in Begleitung ihres Sohnes bei meinen Eltern. Die beiden inszenierten in unserem Wohnzimmer ein Schauspiel, das niemand der Anwesenden je vergessen wird. Die Mutter weinte, bettelte und schrie abwechselnd und manchmal zur gleichen Zeit, raufte sich die Haare und fiel schließlich sogar in Ohnmacht. Fatimas Bruder versuchte in der einen Sekunde sie zu beruhigen, unterstützte sie jedoch in der nächsten, indem er zu den Vorwürfen und Beschimpfungen seinen eigenen Beitrag leistete. Erst als er zudem Drohungen nicht nur gegen Blerim sondern gegen unsere ganze Familie ausstieß, gab mein Vater seine passive Zuschauerrolle auf und wies ihn mit der ganzen Autorität des Hausherrn in die Schranken. Nun beendete die Mutter ihre Ohnmacht und setzte statt dessen ihr Jammern fort. Erst als meine Mutter ihr unter Tränen erklärte, dass sie ja auch keine Ahnung vom Verbleib ihres Sohnes habe und dass auch sie in großer Sorge sei, bekam dieses Zusammentreffen den Charakter einer Besprechung. Es wurde vereinbart, dass die Eltern des Liebespaares so bald als möglich offiziell die Verlobung bekannt zu geben hätten. Das solle mit großer Feier und allem, was dazu gehöre, geschehen.

Dann gab es Tee und Baklava und Mutter und Sohn verließen uns in völliger Zufriedenheit.

Meine Mutter teilte das Ergebnis noch in der gleichen Nacht ihrer Schwester mit, denn sie hatte von Anfang an den Verdacht gehabt, dass Tante Shpresa in die Affäre involviert sei. Am Wochenende standen die beiden Flüchtlinge dann reumütig in unserem Wohnzimmer. Vater strafte Blerim mit einer Ohrfeige. Allerdings hatte sie nur symbolischen Charakter, schmerzhaft war sie nicht.

Noch in den Schulferien wurde die Verlobung gefeiert. Die Vorbereitungen dazu hatten die beiden Väter gleich nach der Vereinbarung eingeleitet. Irgendwann nach Fatimas Schulabschluss sollte dann die Hochzeit stattfinden. Nicht zuletzt dank Tante Shpresas Vorsichtsmaßnahmen bestand ja zur Eile kein Anlass.

Die beiden Liebenden konnten nun ganz zwanglos zusammen sein. Auch wenn sie noch nicht das Bett miteinander teilen durften, erschien ihnen das Leben nun wie ein Tanz auf Wattewolken. Einzeln wurde von nun an keines von ihnen mehr angetroffen. Beim Erinnern an diese Zeit huschte ein Lächeln über Yazmins Gesicht.

Beim Zuckerfest waren sie bei einer befreundeten Familie im Nachbardorf gewesen. Sie hatten mit einer größeren Gruppe junger Leute gefeiert, hatten getanzt, am offenen Feuer gesungen und viele hatten auch Wein und stärkeres getrunken. Es hatte sogar eine kleine Streiterei gegeben. Tarik, ein Junge aus diesem Dorf, hatte mit Fatima getanzt und war dann zudringlich geworden. Er hatte die gleiche Schule wie Fatima besucht, in einer Klasse über ihr, und schon zu jener Zeit erfolglos ein Auge auf sie geworfen. Eine Schlägerei mit Blerim hatten die übrigen verhindern können. Trotzdem wollte für Fatima und Blerim keine rechte Stimmung mehr aufkommen.

Allerdings es war auch schon nach Mitternacht als sie sich mit dem Moped auf den Heimweg machten. Danach waren die Beiden dann von niemandem mehr gesehen worden. Auch am nächsten Tag blieben sie verschwunden. Anfänglich hatten die Eltern gedacht, das Paar habe im Haus der jeweils anderen übernachtet und waren dann verärgert, als sie erfuhren, dass das nicht der Fall war. Wirklich Sorgen hatten sie sich aber nicht gemacht. Um so schlimmer war der Schock, als die Polizei an die Tür klopfte.

Fatima war tot aufgefunden worden. Sie hatte halb entkleidet neben der Straße im Gras gelegen. Das Moped war zirka hundert Meter weiter an der gleichen Straße gefunden worden und dort nahebei auch Blerim. Er war bewusstlos gewesen, hatte stark nach Alkohol gerochen und wies an Armen und im Gesicht etliche Verletzungen auf, die als Kratzspuren gedeutet wurden. Auch seine Kleidung war beschädigt. Man hatte ihn einem Arzt vorgeführt und nach Untersuchung und medizinischer Versorgung inhaftiert. Die ärztliche Untersuchung der Leiche hatte weitgehend sicher ergeben, dass Fatima sich heftig gewehrt hatte und dass sie vor und nach ihrem Tod vergewaltigt worden war, die Todesursache Erwürgen. Dies in Verbindung mit Blerims Verletzungszeichen reichte der Polizei indiziell, um ihn in Untersuchungshaft zu nehmen.

Sicherlich kann sich jeder vorstellen, wie stark bestürzt und von Leid ergriffen beide Familien waren. Doch dass dieses Ereignis für beider Angehörige ein unfassbar grausamer Schicksalsschlag war, die Gemeinsamkeit im Leid erkannte niemand.

„Statt dessen erwuchs durch gegenseitige Schuldzuweisungen eine schier unüberbrückbare Feindschaft zwischen den Angehörigen beider Seiten, die bis in die Gegenwart besteht“, erklärte Yazmin.

Auf Grund der Indizien wurde Blerim der Vergewaltigung und des Totschlags bezichtigt, schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt, obwohl er die Vergehen vehement bestritt.

Niemand im Gerichtssaal mochte  seiner Schilderung des Ereignisses Glauben schenken. Danach seien sie auf dem Heimweg von einem Auto von der Straße abgedrängt worden und darum im Straßengraben vom Moped gestürzt. Vom Sturz benommen habe er das Folgende nur eingeschränkt wahr genommen. Er wisse aber, dass er sich gegen einen Angreifer gewehrt habe. Er habe dann aber wohl das Bewusstsein verloren. Auf seinen doch offensichtlichen Alkoholkonsum angesprochen, behauptete er, während des ganzen Festes keinen Tropfen Alkohol getrunken zu haben. Aber der am Tatort festgestellte Alkoholgeruch, der von ihm ausging, sprach gegen ihn und eine zeitnahe Blutuntersuchung war nicht vorgenommen worden.

Yazmin lehnte nach dieser Schilderung völlig erschöpft an der Wand der Gartenlaube. Astrid besorgte darum erst einmal etwas zur Stärkung. Es gelang ihr, den anderen gegenüber das Zweiergespräch und ihrer beider Abwesenheit erfolgreich zu rechtfertigen, obwohl es der Gruppe ob des Alkoholkonsums schon deutlich an Einsichtsvermögen mangelte.

Nach etwas Käse und Rotwein ging es Yazmin deutlich besser.Nun meinte Astrid, ihr auch den Rest der makaberen Telefonbotschaft zumuten zu können.

Die Stimme hatte in Fatimas Namen behauptet, sie habe Beweise, dass Blerim an ihrem Tod völlig unschuldig sei und ihm darum großes Unrecht geschehe. Wörtlich sagte sie: „Es bereitet auch mir großes Leid, wenn die Liebe meines Lebens leidet. Blerim, mein lieber Mann, muss frei kommen. Es ist nicht schwer, den wirklichen Täter zu überführen. Als ich mich wehrte, habe ich ihm seine goldene Kette vom Hals gerissen. Die ist bis zum heutigen Tag in der weichen Erde nicht entdeckt worden. Sie liegt weit ab von der Stelle, an der ich gefunden wurde. Suchen müsst ihr dort, wo der alte Johannisbrotbaum steht.“  

Yazmin hat noch am gleichen Abend ihre Eltern angerufen. Mit Hilfe von Freunden machten sie sich an der beschriebenen Stelle auf die Suche.  Einen Polizisten ihres Vertrauens hatten sie gebeten, als Zeuge bei diesem Unternehmen die Aufsicht zu führen. Am nächsten Tag schon wurde die Kette tatsächlich gefunden. Noch weniger schwer war es, Zeugen zu finden, die Bujar aus Ljutoglav als Eigentümer der Kette identifizieren konnten. Beim anschließenden Verhör verwickelte er sich recht schnell in mehrere Widersprüche, die schließlich ein Geständnis unausweichlich machten.

In Freiheit führte Blerims erster Weg zum Friedhof des Dorfes. Ein schlanker Quader aus weißem Marmor kennzeichnete Fatimas Grab. Der Stein mit Fatimas Bild und der Inschrift „E gjithe dashuria jone eshte me ju“ (All unsre Liebe ist mit Dir) war frisch poliert. Eine alte Frau kniete davor. Fatimas Mutter, extrem gealtert, erkannte Blerim nach einem kurzen prüfenden Blick und warf sich ihm weinend vor die Füße: „Me vjen keq! Me fal gjithcka!“ (Entschuldige ! Vergib mir alles !) Ein Schrei entfuhr ihm, dann hob er sie mit tränenersticktem „Jo nena jo !“ (Nein, Mutter ! Nein !) hoch und hielt sie fest. Beide lagen sich dann weinend in den Armen. Stumm zeigte Fatimas Mutter auf den großen Rosenbusch, der den Grabstein um mehr als das Doppelte überragte. Über und über war er bedeckt mit vollen weißen Rosenblüten, die den ganzen Umkreis mit einem betörenden Duft erfüllten. Wie ein großes Tuch aus schwerer weißer Seide schien er das Grab schützend zu umhüllen.

Blerim hat die Schwiegermutter zu einer nahen Bank geführt. Erst nach einer Weile ist es der Frau möglich zu sprechen. Sie berichtet, der Rosenstrauch sei gleich nach der Grablegung der Tochter gepflanzt worden. Schnell hatte er sich zu einem riesigen Busch entwickelt. Er schien jedem mit seinen übergroßen Dornen den Zutritt zum Grab verwehren zu wollen. In all den Jahren hatte er nicht eine einzige Blüte getragen. Knospen waren erst nach dem Prozess gegen Bujar an ihm erschienen.

„Por vetem sot, aber erst heute, Allah eshte i madh, sind diese Blüten erschienen.“

Blerim sieht zum Grab hinüber. Eine Windböe fährt durch den Busch. All die Rosenblüten scheinen ihm grüßend zuzunicken.




Wolf Schillinger

Geboren noch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Remscheid, in seinen Ruinen abenteuerliche Kindheit und das erste Geld – mit Schrott und Ziegelsteinen verdient – acht Jahren Volksschule, dann Lehre: Industrie-Facharbeiter-Abschluss, berufsunfähig des Nickels wegen, Schlosser dann und nach dem Dienst im grauen Rock des Bundes, Gärtner am Morgen und Schule am Abend, Abitur in Frankfurt 68, Studium in Hamburg der 70er, Vaterschaft, Broterwerb als Zahnarzt, die Vor- und Nachteile des Ehestands mehrfach erfahren, die Lust zum Schreiben allzu oft der Sicherung des Lebensunterhalts geopfert. Nun aber…







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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