Im Bann der Unwirklichkeit

Andrea Siffert für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“




Im Bann der Unwirklichkeit

Das Kofferradio flog mit voller Wucht gegen die Wand und landete in seine Einzelteile zerlegt auf dem Boden. Endlich war Anton sie los, diese Stimmen. Schon den ganzen Morgen über hatten sie ihm immer wieder Beleidigungen zugerufen. Zuerst hatte es sie nicht orten können, bald jedoch herausgefunden, dass sie aus seinem Kofferradio kamen. Jetzt war es endlich ruhig. 

Er setzte sich erschöpft aufs Sofa. Die Energie wich aus seinen Gliedern. Jetzt hätte er einschlafen können, doch das durfte er nicht. Damit würde er sich ihnen ausliefern. Den Männern mit den Kapuzen über dem Kopf. Sie würden ihn holen kommen. Schon seit Tagen zwang er sich deshalb nicht mehr einzuschlafen. Seither schwankte er zwischen einer überschäumenden Energie und bleierner Müdigkeit.

 Mit einem Satz sprang Anton auf. Die Stimmen waren wieder da. Vor der Haustüre unterhielten sie sich. Sein Körper bebte. Energieströme schossen wellenartig durch seine Glieder. Aufs Äußerste angespannt schlich er zur Tür, legte ein Ohr ans Holz und horchte.

„Den holen wir uns“, hörte er einen der Männer mit einer tiefen Stimme sagen.

„Lassen wir ihn noch ein wenig zappeln“, entgegnete ein anderer ein paar Oktaven höher.

Dieser wirkte auf Anton deutlich jünger. Sie sprachen über ihn, da war er sich sicher. Er wagte kaum zu atmen. Panik stieg in ihm hoch. Sein Herz pochte bis zum Hals und ihm wurde übel. Was hatten sie nur mit ihm vor?

Die Übelkeit wurde stärker und Anton schaffte es gerade noch rechtzeitig auf die Toilette. Auf den Knien würgte er Galle in die Kloschüssel. Er hatte kaum was gegessen, da kam sonst nichts raus. Als der Würgereflex nachließ, setzte er sich neben dem Klo auf den Boden. Abgekämpft und erschöpft saß er zusammengekauert da. Sind sie noch draußen? Werden sie die Türe aufbrechen und ihn abführen? Wo werden sie ihn hinbringen? Obwohl er erschöpft war, wirbelten seine Gedanken wild durcheinander wie Schneeflocken im Schneesturm.

Als die Kraft langsam wieder zurückkam, stand er auf, näherte sich dem Türspion und schielte hinaus. Er hätte schwören können, dass sie noch beim Eingang standen. Doch er erblickte niemanden. Der gepflasterte Vorplatz mit den Kübelpflanzen seiner Frau war verlassen. Wo sind sie hin? Versuchen sie durch ein Fenster einzudringen? Hektisch kontrollierte er alle Fenster, ob sie auch verschlossen waren. Dann holte er Decken und fing an die Fenster abzudunkeln. Damit war er vor ihren Blicken geschützt.

Erleichtert atmete Anton auf und ließ sich wieder aufs Sofa fallen. Er konnte seine Augen kaum noch offen halten. Sie durften nicht zufallen, das musste er auf jeden Fall verhindern. Er drehte seinen Fernseher auf volle Lautstärke, um sich wachzuhalten. Ein Actionfilm fesselte seine Aufmerksamkeit. Er bekam mit, wie ein Mann versuchte seine entführte Tochter zu retten. Die Tochter saß in einem dunklen Raum einer abgelegenen Fabrik. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass der Film ihm eine Botschaft übermittelte. Die Männer mit den Kapuzen würden ihn auch an so einen Ort bringen. Ihm graute vor dieser Vorstellung. Allein im Dunkeln zu sitzen mit all den Tieren wäre grauenhaft. Seit seiner Kindheit hatte er Angst vor kleinen Krabbeltieren. Seine Frau hatte ihn deswegen oft aufgezogen. Ein Bauer mit Angst vor kleinen Tieren. Das fand sie sehr lustig. Er hatte jedoch nie darüber lachen können. Obwohl er wusste, dass die Angst unbegründet und absurd war, konnte er sie nicht überwinden und ließ sich davon quälen. 

Was war das? Ist da jemand in der Küche? Anton hörte Geschirr scheppern und Wasser laufen. Seine Frau konnte es nicht sein, die war weg. Sein Herz fing wieder an zu pochen und sein Atem ging flach. Ihm lief ein Schauer über den Rücken. Was ist da los? Er nahm den Holzstock, der an die Wand gelehnt bereitstand und schlich sich zur Küche. Die Türe war angelehnt. Er traute sich nicht sie zu öffnen. Was, wenn die Männer mit den Kapuzen in der Küche waren? Vielleicht richteten sie seine Henkersmahlzeit an. Vorsichtig schielte er durchs Schlüsselloch. Die Küche war leer. Auch die Geräusche waren verstummt. Was wurde da für ein Spiel gespielt?

Ermattet ließ er sich wieder auf dem Sofa nieder. Er konnte nicht mehr. Was hatte das alles zu bedeuten? Was hatten sie gegen ihn? Bestimmt würden sie ihn holen, weil er Schulden hatte. Die Pferdewetten im Internet hatten ihn in den Ruin getrieben. Zuerst waren es nur kleinere Summen, die er eingesetzt hatte. Mit den Jahren wurden sie jedoch immer höher. Als es seine Frau vor kurzem herausfand, war sie von einem Tag auf den nächsten ausgezogen. Seither war er allein. Jetzt musste er auch allein gegen die Männer kämpfen. 

Ein Schatten huschte hinter seinem Rücken durch. Was war das? Entsetzt sprang Anton auf. Er griff nach seinem Stock. Ist das der Tod, der ihn holen kommt? Unter Schock suchte er die ganze Wohnung ab, konnte jedoch nichts Verdächtiges finden. Die Türe und die Fenster waren verriegelt. Da kam niemand ins Haus. 

Als es Nacht wurde und die Stimmen zu schlafen schienen, schlich sich Anton in den Stall und fütterte seine Tiere. Danach ging er in die Scheune und erblickte das Seil. Es hing an einem Nagel an der Wand und schien auf ihn zu warten. Es war ein robustes Seil, welches er zum Anbinden seiner Tiere einsetzte. Wie ferngesteuert stieg er auf einen Hocker und band den Strick um einen Balken. Dieser würde seine achtzig Kilogramm bestimmt aushalten. Seine Hände zitterten. Langsam führte er seinen Kopf durch die Schlinge.

Bald bin ich sie los. Doch was wurde aus seinen Tieren, wenn er nicht mehr da war? Darum müssten sich andere kümmern. Er hatte sich auch jetzt kaum noch um die Tiere kümmern können.

Obwohl der Strick kaum etwas wog, lastete er schwer auf seinen Schultern. Anton zog ihn fester um seinen Hals. Vermissen würde ihn sowieso niemand. Seine Frau war weg. Freunde hatte er schon lange keine mehr. Er war ganz allein.

Würde jemand nach ihm suchen? Oder würde sein Körper langsam verwesen? Von Tieren zerfressen? Bei diesem Gedanken wurde ihm wieder übel. Davon würde er jedoch zum Glück nichts mehr mitbekommen.

Er zögerte noch, sein Entschluss reifte jedoch mit jeder verstrichenen Minute. Eine tiefe Ruhe breitete sich in ihm aus. Sein Geist war ausnahmsweise still. Bald würden sie ihn nicht mehr holen können. Bald war er erlöst. Die letzten Gedanken verstummten und sein Kopf war leer. 

Mit einem Ruck stieß er den Hocker um.




Mein Name ist Andrea Siffert und ich bin 1982 geboren. Ich bin ausgebildete Psychologin und begleite Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Nebenbei verfasse ich als Autorin Fachliteratur und Kurzgeschichten. Ich lebe mit meinem Mann und unserer 7jährigen Tochter in Winterthur im Kanton Zürich.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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