Sabine Stechele für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Offroad mit dem Kommissbrot
„Salamatsyzby!“ Hm. Mein Schädel brummt. „Kandaj turasyz?“ „Was?“ Ich blinzle. Die Sonne blendet. Zwei Männer vorne. Der eine lacht. Dieser Geruch. Wohin fahren wir? Eine Bodenwelle. Hat dieses Auto denn gar keine Federung? „Ketschiresiz.“ Dröhnen im Kopf. Blick nach vorne. Den Horizont fixieren, dann wird es gleich besser. Gleich. Es wird nicht besser. Hektischer Griff in die Ablage. Er reicht mir eine Tüte. Der Schwall kommt wie eine Presswehe, stark und unaufhaltsam.
Stottern. Ein abgewürgter Motor. Hinter uns lautes Hupen. Der andere reißt die Tür auf. Syimyk? Das ist Syimyk. „Ökünütschtömün, Eshe.“ Ich bekomme einen Kanister, kann mein Gesicht abwaschen, ziehe den Pullover aus. Hey, was denn? Ich trage ein T-Shirt darunter. Trinke das kühle, klare Wasser. Wie gut das tut. Fast leer. Ein brackiger Rest. Jetzt spüre ich den schalen metallischen Beigeschmack.
Kinder (schwarze Punkte … hm…ein Käfer), haben uns umringt. Diese Haarspange, sie löst sich gleich. Nicht, dass sie verloren geht, so wie die andere Käferspange. Ich will sie festklipsen. Das Mädchen fängt an zu kichern, dann prusten alle los. Wir steigen wieder ein. Es geht weiter.
Hier sitze ich also, auf der Rückbank einer Buchanka. Sowjet-Chic im Kastenbrot-Format. Zwei Kirgisen und eine fremde Frau. Sie lachen. Warum lachen sie? „Ala katschuu“. Was reden sie? Es wird bald Abend. Das Gespräch über Zwangsheirat gestern. „Robert und seine wilden Reisegeschichten. Schon abgefahren. Oder?“ Der Mann entführt eine Frau, wirft ihr den Brautschleier über. Altes kirgisisches Sprichwort ‚eine gute Ehe beginnt mit Tränen‘. „Hallo, hörst du mich?“ Hm. „Aber die Fotos, die waren großartig.“ Wie mag da eine schlechte Ehe beginnen?
Von rechts überholt ein Laster, mit Säcken voller Walnüsse. Wie lange brauchen wir denn noch? „Hey, how far away …“ „Nicht mehr lang. Wenn Marie nicht gekotzt hätte.“ Hm? Der kann ja deutsch. Kennen die überhaupt den Weg? Zum Issyk Kul, dem See der Tränen. Um die schöne Tscholpon, die nicht zusehen wollte, wie ihre Verehrer sich gegenseitig niedermetzeln. Ihr Herz sollte jedem gehören. Mein Herz, es gehört auch allen. Sie riss es heraus, warf es weit von sich und verstarb. Also davon hat dann auch keiner was.
Mama hier, Mama da. Eine Auszeit. Jetzt. Genau richtig.
Die Rivalen verwandelten sich in Winde. Seitdem bläst Ulan von Westen und Santasch von Osten. Es zieht. Und so bekämpfen sie sich noch immer. Die Kurbel am Fenster klemmt und den Pulli kann ich nicht mehr anziehen. Neben mir liegt eine Decke. Sie muffelt, aber wird mich wärmen.
Dort, am See, werde ich die Gruppe wieder treffen. Vierzig. Nein, so viele sind wir nicht. Und auch keine Jungfrauen mehr. Vierzig Jungfrauen, geschwängert durch den See, vierzig Söhne gebaren, die die vierzig Stämme Kirgistans begründeten. Ob das Lübecker Dauer-Depri-Pärchen mal baden gehen sollte? Vielleicht bei Vollmond. Gefühlt alle Frauen tragen die Mondin im Namen. Aijan, die Mondseele, Aizat, das Mondwesen. Und dann B wie Begimai, die Mondkönigin. Es war einmal eine Mondkönigin …
In der Ferne die Nationalflagge. Darauf erkennbar (oder eher nicht, man muss es einfach wissen) das Gestänge einer Jurte, (denn es sieht aus wie ein kontaminierter Basketball). Die Strahlen, also die Streben, stehen für die vierzig Stämme. Die von den vierzig Söhnen der vierzig Jungfrauen. Jaja, das hatten wir schon. Und alle vereint unter Einem: Manas, dem großen Helden. ‚Manas‘, das Nationalepos. Fünfhunderttausend Verse. Dagegen ist die Odyssee ein Kinderbuch. Etwas fällt mir aus der Hand.
Die Gruppe wird nach der Wanderung erschöpft sein. Vielleicht glauben sie, dass ich entführt worden bin. Wir werden kochen und die Zelte aufbauen. In zwei Tagen geht es dann weiter, auf dem Pamir-Highway nach Osch. Sagenumwobenes Osch, alte Handelsstadt der Seidenstraße. Puh. Das wilde Kirgistan wurde uns versprochen. Genug Kultur, genug gekotzt. Ich bin bereit.
Wir sind längst raus aus der Stadt. Der Fahrer brettert wie der Teufel. Neben uns nun Pferde. Eines, zwei, eine ganze Herde. Pferde überall, alltäglich. Pferde und Jurten, Jurten und Pferde. In der weiten Steppe vor gletscherweißen Bergen. Motive wie aus dem Panorama-Kalender. Ich kann mich nicht sattsehen.
Etwas vibriert. Mein Handy. „Luna?“ „Nein, ich, Ella!“ „Hallo, Frau im Mond.“ „Nein, in München ist noch früher Morgen. Alles okay bei Dir?“ „Ja, warum denn nicht.“ „In Bischkek wurde der ehemalige Präsident verhaftet.“ „Atambajew?“ „Ja, Atambajew. Mindestens fünfzig wurden verletzt.“ „Nein, davon haben wir nichts mitbekommen.“ „Aber in der Süddeutschen auf Seite eins.“ Hm. Was interessiert mich die Revolution, wenn die Abendsonne so schön glitzert. Wir legen auf.
Erst die sengende Sonne, dann der eisige Fahrtwind. Ich wickle die Decke fester um mich und ziehe die Luft ein. Sie riecht nach Pferd. Ein Bild schaukelnder Karawanen zieht vor meinem inneren Auge vorbei. Die Mondkönigin …
Zuhause auf meinem Nachtkästchen, da liegt es. Vergessen. ‚Djamila‘. Deutlich dünner als ‚Manas‘, der riesige Klops. Ich werde sie lesen, die schönste Liebesgeschichte der Welt. Männer die Frauen rauben, schreiben nicht solche Geschichten. Oder doch? Ein Land voller Gegensätze. Wieso biegen wir vom Weg ab? Hier geht’s nicht zum See. Hallo?
Quietschende Bremsen. Sofort bin ich hellwach. Mein Puls rast. Der Beifahrer springt raus. Was …? Ein Straßenstand. Schoro, die hiesige Universalmedizin. Er reicht mir eine Flasche. Nein. Wirklich, wirklich nein danke! Ich schüttle den Kopf. „Yrachmat.“ Wir lachen. Ich weiß, dass es helfen soll. Dennoch, allein der Gedanke und ich muss wieder würgen.
Im Radio erst Rauschen, dann spielen sie eine Melodie. Anders, eigenartig. Fremd und schön. Etwas nähert sich von hinten. Im Seitenspiegel erkenne ich zwei Jungs auf einem Pferd. Der eine, rücklings, schlägt mit einem Löffel auf einen Topf. Gleich fällt er runter, der Kleine hinten. Pass mal auf, großer Bruder! Beide lachen, winken. Wir winken zurück. Dann biegen sie ab gen Osten, der Abenddunkelheit entgegen. Ich blicke ihnen nach, bis ich nur noch das rhythmische Scheppern vernehmen kann. Von weitem …
„Maamaa!“ Hm. Sind wir bald da? „Mama!“ Eine Trinkflasche rollt gegen meinen Fuß. Die Käferspange, sie spricht. „Du wolltest doch die Geschichte weiterlesen? Mama! Wohin will sie denn nun?“ „Wer?“ „Die Mondkönigin.“ Die Männer vorne – mein Mann? mein Sohn? – lachen. „Du hast die halbe Fahrt verpennt. Gleich sind wir da.“ „Wo? Am See?“ „Klar, am See. Dort ist schon Waging. Aber, kein Protest, Marie! Ponyreiten ist heute nicht mehr.“ „Menno!“ „Wir müssen uns beeilen. Das Zelt aufbauen. In einer Stunde wird es dunkel.“ Waging also. Ich schließe die Augen.
Sabine Stechele studierte Literatur, Theaterwissenschaft und Ethnologie in München und Wien, arbeitete viele Jahre als Sachbuchlektorin in einer großen Verlagsgruppe und lebt mit ihrer Familie in Planegg.
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