Eine persönliche Sache

Lena Elisabeth für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“




Eine persönliche Sache

Dröhnendes Hupen. Quietschende Reifen. Stille. Das anschwellende Brummen eines sich in Gang setzenden Motors. Mit zusammengekniffenen Augen starrt er auf die Anzeige des Weckers, bis sein Gehirn aufnahmefähig genug ist, das diffuse Leuchten als 02:29 zu identifizieren. Nun da sein Gehirn erst einmal wach ist, weigert es sich unnachgiebig, diesen Zustand wieder aufzugeben.

Um 06:43 sitzt er am Frühstückstisch und müht sich damit ab, die Augenlider offen zu halten. Sein ganzer Körper ist schwer wie Blei, doch er ringt sich zu einem vehementen Kopfschütteln durch.

„Das kann doch nicht sein, dass du den Lärm schon wieder nicht gehört hast.“

Seine Frau schüttelt ebenfalls den Kopf.

„Es war ohrenbetäubend laut, das ist doch unmöglich, dass du das nicht gehört hast“, wiederholt er mit Nachdruck.

Sie zuckt mit den Schultern und begutachtet aufmerksam ihre Semmel, die sie in ihrer Hand hin und her dreht, bis sie die richtige Stelle gefunden hat, um herzhaft hineinzubeißen.

„Ich habe eben geschlafen“, entgegnet sie mit vollem Mund. Ihm fliegen ein paar Krümel entgegen.

Sorgfältig tupft er sich das Gesicht mit seiner Serviette ab, bevor er sie wieder zusammenfaltet und glattstreicht.

„Unglaublich, dass du so einen tiefen Schlaf hast.“

„Unglaublich, dass du so einen leichten Schlaf hast.“

Sein Blick bleibt an einem Klecks Marmelade hängen, der über ihrem Kinn, knapp unter der Lippe, klebt. Er fixiert ihn, während sie sich mit dem Handrücken über den falschen Mundwinkel wischt.

„Ich frage mich, was es um 02:29 zu hupen gibt. Da ist doch kein Verkehr.“

„Vielleicht ist ein Tier auf die Straße gelaufen.“

Die rhythmischen Kaubewegungen ihres Kiefers unterstützen den Marmeladenklecks dabei, sich zähflüssig seinen Weg über ihr Kinn hinabzubahnen.

„Zwei Nächte hintereinander? Um exakt dieselbe Uhrzeit?“

„Vielleicht hast du auch nur geträumt.“ 

„Aber es hat sich nicht wie ein Traum angefühlt.“

„Das tut es doch nie.“

Mit einem leisen Platschen klatscht die Marmelade auf den Tisch. Sie sammelt sie mit dem Mittelfinger auf und leckt ihn ab, bevor sie ihn an ihrer Jeans trockenwischt.

Es fällt ihm schwer zuzugeben, wenn sie recht hat, deshalb trinkt er in einem Zug aus und geht zur Arbeit.

Als er sich abends ins Bett legt, tanzen seine Gedanken Walzer, begleitet vom regelmäßigen Takt des Schnarchens neben sich. Hin und wieder stolpern sie, wenn der Rhythmus kurzzeitig aussetzt, um sich mit dem nächsten Schnaufer erneut schwungvoll im Kreis zu drehen. Erst um 02:11 vergeht ihnen die Lust an ihrem munteren Treiben. Er ist gerade erst eingedöst, da schreckt er auch schon wieder hoch. Dröhnendes Hupen. Quietschende Reifen. Stille. Dann das anschwellende Brummen eines sich erneut in Gang setzenden Motors. Ruckartig greift er nach dem Wecker auf seinem Nachttisch. 02:29.

„Schon wieder! Dieselbe Zeit!“

Gequält stöhnt seine Frau auf.

„Hast du es schon wieder nicht gehört?“

„Gar nichts habe ich gehört, das bildest du dir ein.“

„Wie kann man sich das denn einbilden? Drei Nächte in Folge. Das ist so laut, das muss ein LKW sein.“

„Schlaf weiter“, nuschelt sie und wendet sich von ihm ab.

Bis 06:03 sieht er der Zeit dabei zu, wie sie unerbittlich langsam vergeht, bevor es ihm endlich gelingt, ihrer Aufforderung nachzukommen.

Trotzdem fühlt er an diesem Morgen keine Anstrengung dabei, die Augen offen zu halten. Er ist hellwach, das Blut rauscht in seinen Adern.

„Ich sag es dir, da stimmt etwas nicht. Heute Nacht werde ich herausfinden, was da vor sich geht.“

Seine Stimme wird laut, wenn er aufgeregt ist und er beginnt Wortteile zu verschlucken.

„Willst du denn nicht lieber schlafen?“

Sie sieht ihn verständnislos an, bevor sie sich wieder der Aufgabe widmet Zucker in ihren Tee zu rühren.

„Wie soll ich denn schlafen bei dem Lärm?“

Ihr Mund öffnet sich, doch dann scheint sie den Gedanken zu verwerfen und nimmt stattdessen einen Schluck aus ihrer Tasse. Aus ihrem rechten Mundwinkel rinnt Tee. Er beobachtet, wie sie sich verschluckt und mit offenem Mund von einem Hustenanfall durchgeschüttelt wird. Tröpfchen landen auf seinem Teller. Er steht auf und geht zur Arbeit.

Er hat vorgehabt, gar nicht erst zu schlafen, doch um 22:38 überfällt ihn eine bleierne Müdigkeit. Den Wecker stellt er für 02:20. Um 02:11 wacht er von selbst auf. Leise schlüpft er aus dem Bett und öffnet das Fenster.

„Mach das Fenster zu, es ist kalt“, nuschelt seine Frau.

„Aber dann sehe ich die Straße nicht, ich muss mich hinauslehnen.“

„Dann geh raus und warte auf der Straße auf deinen LKW. Aber mach endlich das Fenster zu, es ist kalt draußen.“

Zitternd steht er am Straßenrand und schlingt den Mantel enger um seinen Körper. Er wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. 02:31. Sie geht 2 Minuten vor, also 02:29. Unruhig tritt er von einem Fuß auf den anderen und lauscht in die Nacht hinein. Kein dröhnendes Hupen, keine quietschenden Reifen, kein sich in Gang setzender Motor. Im 30 Sekunden Takt hebt er seine linke Hand, um die Uhrzeit zu kontrollieren. Das letzte Mal um 02:52, dann geht er hinein und legt sich ins Bett, ohne zu schlafen.

Am Morgen ist er nervös und fahrig. Nachdenklich klopft mit den Fingern an seine Kaffeetasse und führt sie immer wieder an die Lippen, um wiederholt festzustellen, dass sie bereits leer ist.

„Er muss mich gesehen haben.“

Seine Frau wirft ihm einen verständnislosen Blick zu.

„Der LKW-Fahrer. Er muss bemerkt haben, dass ich auf ihn gewartet habe.“

„Sei doch einfach froh, dass das Theater vorbei ist und du wieder schlafen kannst.“

„Du verstehst nicht, es ist nicht vorbei. Er ist heute Nacht nur nicht gekommen, weil er mich von Weitem gesehen hat.“

„Hättest du einen LKW nicht auch schon von Weitem gehört?“

„Eigentlich schon, aber…“

„Immer musst du alles hinterfragen, immer suchst du einen Sinn, wo es gar keinen gibt“ unterbricht ihn seine Frau mit einem schiefen Lächeln. „Akzeptier die Dinge doch einfach mal so wie sie sind. Es war eben Zufall. Punkt, Ende.“

Sie malt mit ihrem Finger einen Punkt in die Luft, tunkt den Rest ihres Striezels in ihren Kaffee und schiebt sich das triefende Gebäck in den Mund.

Als er abends nach Hause kommt, wird er von Lachen begrüßt. In dem Wissen, dass es nicht ihm gilt, lässt er sich Zeit beim Schuhe ausziehen. Im Wohnzimmer sitzt sein Bruder, der etwas Amüsantes gesagt zu haben scheint, denn seine Frau hört gar nicht auf zu lachen. Sie lacht so herzlich, dass sie den Kopf in den Nacken wirft und sich mit der Hand am Oberschenkel seines Bruders festhalten muss.

Still beobachtet er die beiden und es dauert es eine Weile, bis sie ihn bemerken. Sein Bruder hebt die Hand zum Gruß und rutscht ein Stück zur Seite.

„Ich hole uns noch Wein“, verkündet seine Frau und verschwindet mit ihren Gläsern in der Küche. Neben dem zarten Duft ihres Parfums hinterlässt sie Stille. Sein Bruder räuspert sich und deutet auf den Ohrensessel ihm gegenüber.

„Du siehst müde aus. Ich habe gehört, du schläfst schlecht?“

„Ja, jede Nacht hupt jemand vor unserem Haus, bremst und gibt wieder Gas. Immer um dieselbe Zeit. Letzte Nacht wollte ich ihn erwischen, aber…“

„Auch das habe ich schon gehört“, unterbricht ihn sein Bruder mit einem amüsierten Grinsen. „Was hättest du denn machen wollen, wenn du ihn erwischt hättest?“

„Das weiß ich nicht. Aber ich will wissen, was da vor sich…“

„Was soll denn vor sich gehen?“

Sein Bruder lehnt sich nach vorne und nimmt lachend das Weinglas in Empfang, das seine Frau ihm entgegenstreckt.

„Dieses Thema schon wieder?“

Sie verdreht demonstrativ die Augen, bevor sie sich wieder neben seinen Bruder fallen lässt. Am Rand ihres Glases zeichnen sich rote Lippenstiftspuren ab. Sie trägt nicht oft Lippenstift.

Er hat kein Glas, an dem er sich festhalten kann, deshalb gräbt er seine Hände in die Lehnen des Sessels.

„Wenn du seit 4 Nächten nicht mehr schlafen könntest, wäre es für dich vielleicht auch ein Thema. Das ist eine persönliche Sache und ich…“

„Eine persönliche Sache“, ruft sein Bruder viel zu laut und er und seine Frau lachen schrill.

„Ja, eine persönliche Sache“, wiederholt er. „Und heute Nacht werde ich herausfinden, was es damit auf sich hat.“

Als sein Bruder nach Hause gegangen ist und seine Frau schnarchend im Bett liegt, geht er nach draußen. Die Hecken sind zu niedrig, doch der große Ahornbaum am Straßenrand ist perfekt. Er lehnt sich mit dem Rücken an den breiten Stamm und atmet tief durch. Sein Blick haftet an der Fassade seines Hauses, doch seine gesamte Aufmerksamkeit ist auf die Straße hinter sich gerichtet. Seine Sinne sind geschärft, er nimmt jedes Geräusch wahr. Das Rascheln des Laubs, das Heulen des Windes, das leise Surren der Straßenlaternen. Und endlich das Dröhnen eines herannahenden Motors. Noch leise, weit entfernt. Er wartet, bis es anschwillt, immer näherkommt. Er wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. 02:29. Sein Herz klopft in seiner Brust, das Blut rauscht in seinen Ohren. Er springt aus seinem Versteck und hastet auf die Straße. Zwei leuchtende Scheinwerfer rasen auf ihn zu. Triumphierend reißt er die Arme in die Höhe und lacht. Dröhnendes Hupen. Quietschende Reifen. Stille.




Lena Elisabeth, geboren im Juli 1995, wird bereits seit ihrer Kindheit von der Liebe zur Literatur begleitet. Seit jeher gilt ihre besondere Leidenschaft Horror-, Mystery- und Thriller-Kurzgeschichten, in denen sie sich mit den dunklen Fassetten des Lebens auseinandersetzt. Sie hat Wirtschaftspsychologie studiert und lebt derzeit in Wien.“






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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