Gudrun Koller für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Fata Morgana im Moor
Kam die Zeit der neuen Hoffnung
Auf ein wahres Sein mit dir
Wieder folgt‘ ich Irrelichtern
die nach deiner Liebe rochen
tief ins Moor der Einsamkeit zu dir
Wieder standest lächelnd du mir fern
Auf deinem Stein so dunkelgrau allein
Ich fand nicht mehr zu dir
Night Love Illusion
Blätterkartenhäuser
herbstlich ganz zerfallen
rieseln durch mein Leben
kunterbunt
Seit es dich für mich gibt
sssssssssssss
Vor Schreck der Liebe stumm
bin ich auf den Mund gefallen
Nein!
Auferweckt aus starrem Grau
Geliebt wie nie zuvor
umflossen nun von golden flirrend warmem Licht
Im Kuss versunken
– Egon Schiele schelmisch lacht –
verschmolzen ganz mit dir zu einem neuen Ich
Kann es sein
dass ich tatsächlich glücklich bin?
rrrrrrrrrrrrrrrr
Ich wache auf
Lieblichkeit nur Spuk der Nacht
– Egon Schiele hämisch lacht –
entschwunden der Schimäre Licht
Ich bin allein
Andere Welt
So weit sie zurückdenken konnte, war die Langeweile immer ihr Feind gewesen. An Wochenenden in dem Betonneubau zwischen Bach und Wald, der ihr Zuhause sein sollte, wusste sie kaum etwas mit sich anzufangen, seit ihre Freundinnen in die Lehre gegangen waren. Sie war die einzige im Dorf, die das Gymnasium in der sechs Kilometer entfernten Stadt besuchte. Nicht, dass der Vater das gerne gesehen hätte. Bei jeder Gelegenheit sagte oder schrie er – je nachdem, wie betrunken er gerade war: “Wenn’s dir nicht passt, kannst ruhig auch in eine Lehre gehen!“ Alles, was Spaß hätte machen können, war verboten. Ihre Mutter half ihr hinter dem Rücken des Vaters, damit sie manchmal zu kleinen Vergnügungen kam.
„Wir sagen einfach gar nichts, und ich bringe dich mit dem Auto ins Schwimmbad!“, raunte sie, denn in dem kalten Haus hatten auch die Wände Ohren.
Aber der Vater hatte nicht nur ein Auge auf ihren sich wandelnden Körper, sondern auf jede ihrer Bewegungen, seit Doris in der Pubertät war. Jede Unternehmung mit Schulkollegen erregte sein Misstrauen.
Als sie gerade aufs Land gezogen waren und Doris erst neun war, hatten stundenlange Phantasiewanderungen mit Winnetou sie noch befriedigen können, aber mit fünfzehn Jahren gelüstete es sie nach menschlichem Kontakt. Nach sehr menschlichem Kontakt, hautnahem, genau genommen.
Seit Beginn der zehnten Klasse wohnte in der Nähe ein amerikanischer Austauschschüler bei der Familie eines ihrer Schulkollegen. So nahe, dass sie mit dem Fahrrad hinfahren oder sogar mit ihrem Hund dorthin spazieren konnte. Denn Spaziergänge mit dem Hund oder Radfahren waren erlaubt. Wichtig war nur, dass keiner der vielen Bekannten des Vaters sie in der Stadt sah. Das hätte Hausarrest auf Wochen bedeutet. Oder womöglich noch schlimmere Bestrafungen, an die sie nicht denken mochte. So blieb sie auch mit dem amerikanischen Freund immer fern der Stadt.
Tom fühlte sich einsam in der kühlen Atmosphäre des Arzthauses, in dem er für das Jahr wohnte. Doris, die auch in der Schule neben ihm saß, war ihm bald vertrauter als irgendjemand sonst in der kleinen Stadt. Drei Mal in der Woche trafen sie sich auf dem Waldweg in der Nähe des schmucken Arztbungalows, lagen im Gras, aßen Kekse und sprachen über Gott und die Welt. Doris übte ihr Schulenglisch an dem hoch gewachsenen blonden Amerikaner, er entzückte sie mit seinem akzentgeschmückten Deutsch. Langeweile hatte sie keine mehr. Das Verbotene, immer am Rande zum Ertappt-Werden, genoss sie besonders.
Als die ersten Herbstschauer übers Land zogen und die Tage kürzer und kälter wurden, wollten weder Doris noch Tom ihre regelmäßigen Treffen aufgeben. Gerade da stießen sie bei einer ihrer Wanderungen auf eine verwahrloste Holzhütte. Sie war wohl einmal eine Unterkunft für Waldarbeiter gewesen, denn sie fanden auch eine Feuerstelle und ein paar Lagerstätten darin. Dorthin verlegten sie ihre Zusammenkünfte. Wohl wagten sie es nicht, ein wärmendes Feuer zu machen, aus Angst, entdeckt zu werden, aber sie nahmen sich Wolldecken und Tee in Thermoskannen mit.
Es erschien Doris nur natürlich, dass Tom eines blätterrieselnden Spätnachmittags, mit ihr in eine Decke gehüllt, seine kühlen großen Hände sanft unter ihren Pullover gleiten und wartend auf ihrem flachen Bauch verharren ließ, um dann über ihre Brüste zu streicheln. Katholische Erziehung mütterlicherseits und Verdammung aller jugendlichen Sexualität durch den Vater hätten Doris hier das Geschehen unterbrechen lassen müssen. Aber da war noch immer und zunehmend der Wunsch nach hautnahem Kontakt. Sie war nicht in Tom verliebt. Besonders attraktiv war er in all seiner Schlaksigkeit auch nicht. Dafür aber völlig anders als der furchterregende Vater. Seine Nähe war schön und warm und angstfrei. Vorsichtig schickte auch sie erkundende Hände auf Wanderschaft über Toms Körper.
Die Thermoskannen blieben von nun an zu Hause, nur zusätzliche Decken schmuggelten die beiden in die immer kälter werdende Unterkunft. Einen ganzen, wohlig langen Herbst, trafen sie sich dort regelmäßig.
Erst der Winter beendete ihre Treffen, denn selbst die leidenschaftlichsten Umarmungen konnten Frost und Eis nicht standhalten. Tom fragte noch ein paar Mal, ob Doris nicht abends mit ihm ausgehen könne, akzeptierte aber irgendwann, dass sie einfach nicht ausgehen durfte, schon gar nicht abends.
Als der Frühling kam, ging Tom ohnehin zurück in seine Heimat. Doris wusste nicht, wohin mit ihrer Langeweile und Einsamkeit. Zudem hatte ihr Körper Höhenflüge kennengelernt, die er nun vermisste. Noch immer diktierte er ihr im Rhythmus der vergangenen Treffen den brennenden Wunsch nach Körper an Körper. Bis zum nächsten Herbst ging sie hin und wieder allein in die Hütte. Um wenigstens der immer explosiveren Stimmung zu Hause zu entkommen. Dann begann ein Junge aus der Nebenklasse, ihr am Tanzkurs schöne Augen zu machen. Herbert war ein Jahr älter als Doris, hatte dunkle gerade Haare, die ihm in einer neckischen Strähne in die Stirn fielen, und einen langen schmalen Körper. Beim Tangotanzen lehnte sich Doris so an ihn, dass er ihre Brüste durch sein T-Shirt fühlen konnte. Als sie nach dem Kurs fragte, ob er sie nicht einmal ganz allein treffen wolle, zögerte er nicht lange. Die Hütte kam im Wonnemonat Mai zu alten Ehren. Diesmal war Doris die Lehrmeisterin und Herbert ein äußerst gelehriger Schüler. Er war der Mann des Frühlings, in dem sie siebzehn wurde. Nach dem Sommer wechselte er auf eine Schule in der Nachbarstadt, wollte aber seine Treffen mit Doris unbedingt fortführen. Doris winkte ab, denn bleibende Gefühle konnte sie auch für Herbert nicht aufbringen. Ohne viel Federlesens beendete sie die Beziehung, als sie den ersten Blick auf den neuen Französischlehrer geworfen hatte. Unverheiratet, vierzig, charmant und nicht zu anhänglich. Diesmal musste sie ihre andere Welt, wie sie das Leben in der Hütte bei sich nannte, nicht aufgeben, als der Winter kam. Hans hatte ein Auto. In jenem Winter begann sie, auch nachts aus dem Haus zu schleichen. Der Vater, wenn er nicht volltrunken war, nahm ohnehin Schlaftabletten. Die Mutter ging früh zu Bett. Niemand fragte, die Mutter ahnte. Wie sie immer geahnt hatte. Auch um des Vaters Bestrafungen hatte sie wohl gewusst. Aber so lange Doris gut lernte und nichts sagte…
Bis Doris ihre Matura problemlos bestand, sah die Hütte noch vier andere Männer. Keinen behielt Doris länger als ein paar Monate. Wenn die Langeweile wieder unerträglich wurde, fand sich immer ein neuer Mann für die neue Jahreszeit. Aber keiner von ihnen hatte je ihr Herz zum Schwingen gebracht. Daran änderte sich auch nichts, als sie nach Beendigung ihrer Ausbildung zur Lehrerin zurück in die Heimatstadt zog. Hätte man sie gefragt, warum sie an die Stätte ihrer unglücklichen Kindheit zurückkehrte, hätte sie keine Antwort gewusst. Der Vater war inzwischen früh gestorben. Sie hatte ihn schon lange davor nicht mehr gesehen. Der Kontakt zur Mutter war dünn geworden. Doris dachte bei aller Intelligenz kaum je über ihr Leben nach. Wozu auch? Sie folgte nur einer inneren Stimme, die ihr auch wieder den Weg in die Hütte wies, als sie schon unglücklich vernünftig verheiratet war und zwei Kinder hatte. An Männern für die Flucht vor der Langeweile und den unliebsamen Kindheitserinnerungen fehlte es nie. Manchmal fragte sie sich nur, wo sie hingehen würde, wenn es die Hütte einmal nicht mehr geben würde, oder sie zu alt wäre, und sie der Langeweile und den Erinnerungen hilflos ausgeliefert sein würde, wenn sie an ihr zu nagen beginnen würden wie zottige Nebeltiere.
Gudrun Koller (* 1963), Wien

1991: Sprecherin und Texterin für den deutschen Sender von YLE Radio Finnland (Nachtgeschichten/Österreich)
1999: Dramaturgie für einen Liederabend mit Texten des Theaters Pantharei (Märchen und Mythen/Lieder der Romantik und neuere Texte)
2003: Veröffentlichung des Buches „Die Sternenfänger“ in Kooperation mit Margit Koller (nicht verwandt, aber seelenverwandt), Ibera Verlag, Wien
Immer wieder ab 2001 Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Gedichten in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien
2007: Veröffentlichung des Buchs „Voll ins Leben“, Lerato Verlag, Berlin
Beide Bücher bestehen aus verschiedenen Textformen auf Basis von Interviews, das erste zum Thema Krebsbewältigung, das zweite zum Thema Homosexualität
2015: Aufnahme in die Anthologie der Frankfurter Bibliothek mit dem Gedicht ‚Ohne dich’
2017: Redigieren des Sachbuchs „Die 10 Gebote der Gesundheit“ (G. Koller, M. Raspotnig)
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