Daniela M. Ziegler für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Fehlbesetzung
„Das Herz, gnädiges Fräulein! Man traue doch ja seinem Herzen nicht zu viel. Das Herz redet uns gewaltig gern nach dem Maule. Wenn das Maul ebenso geneigt wäre, nach dem Herzen zu reden, so wäre die Mode längst aufgekommen, die Mäuler unterm Schlosse zu tragen“, sprach sie noch einmal lebhaft in den Flurspiegel. Sie war stolz auf sich! Genau der richtige Ton! Nun war sie bereit für die Schule und verließ frohgemut die Wohnung.
Sie war gut vorbereitet; so enthusiastisch hatte sie sich selten gefühlt. Als Oma einkaufen war, hatte sie vor dem Spiegel geübt, die Franziska zu sein. Das kecke Frauenzimmerchen! Sie fand sich gar nicht schlecht. Im Gegenteil. Es fühlte sich gut an. Eine andere sein zu können: fröhlich, unbeschwert, selbstbewusst, nicht die zurückhaltende, stille, die nicht laut werden darf und sich immer gut benehmen muss. Mit leichtem Tonfall, nicht getragen wie die Minna von Barnhelm!
„Wir behielten Sie gern zum Essen, aber Ihre Gegenwart möchte uns an dem Essen hindern; und sehen Sie, so gar verliebt sind wir nicht, dass uns nicht hungerte“, sprach sie in Gedanken – und in Vertretung ihrer Herrin, des Fräuleins von Barnhelm – zu dem ehrenhaften Major von Tellheim.
Als im Fach Deutsch Frau Oberstudienrätin Ottilie Busch sagte: „So, nun wie angekündigt. Wir lesen die Minna von Barnhelm mit verteilten Rollen. Wer will die Franziska lesen?“, meldete sie sich sofort, aufgeregt und strahlend in ihrer Vorfreude.
„Was, du, Gabriela? Nein, zu dir passt allenfalls eine Marthe Schwerdtlein, aber die haben wir ja grade nicht im Angebot. Für die Franziska nehmen wir lieber die Ulla Schneider, die hat die richtige Größe und die richtige Figur, außerdem ist sie von Natur aus keck, du bist es nicht!“, meinte die resolute Ottilie, schüttelte zur Bekräftigung den Kopf, dass ihre Wangen nur so schwabbelten.
Das war wie eine kalte Dusche.
What a difference a day makes, what a difference only one tiny second makes!, dachte die enttäuschte Gabriela in Anlehnung an Dinah Washingtons Song, der derzeit im Radio dauerlief. Zuerst himmelhoch jauchzend und nun zu Tode betrübt, und dann macht man sich auch noch lustig – immerhin haben die anderen ja gelacht!, sogar Busenfreundin Sonja! -, dachte sie auf dem kurzen Nachhauseweg, den sie versuchte in die Länge zu ziehen, denn wenn Oma ihr Gesicht sehen würde, würde sie fragen, was wieder los gewesen sei, ob jemand irgendwas zu ihr gesagt habe, sie solle doch nicht alles so schwer nehmen, sondern sich mit „Brust raus, Kinn hoch“ sagen: Ich bin Ich.
Jajajajaja, dachte sie, das ist ja das Problem!, stand vorm Schaufenster der Buchhandlung Braun und hatte keine Lust, nach Hause zu gehen; hätte sie noch ein paar Mark gehabt, wäre sie hinauf in die antiquarische Abteilung gegangen, wo sie immer was Interessantes fand, aber ihr Geldbeutel war leer.
Als ob man nicht aus seinem Ich herausschlüpfen und jemand anders sein könnte, jemand, der man schon immer hat sein wollen. Das machten doch Schauspieler jeden Tag! Dass man es noch nicht mal hatte ausprobieren dürfen! Da blieb nur noch die Schauspielschule! Sie würde Schauspielerin werden!, fing sie an zu träumen, immer noch vorm Schaufenster der Buchhandlung Braun, und dann spiele ich alle Rollen, die mir niemand zutraut, zum Beispiel, zum Beispiel, ach ja, zum Beispiel den Tom Wingfield aus der Glasmenagerie, und dazu gehe ich nach New York, in die Stadt, die niemals schläft. Kim wäre ihr Künstlerinnenname, nach der wunderbaren Kim Novak!, deren Vorname klingt wie für sie gemacht. Kim Sowieso, keine Ahnung, es würde ihr schon noch ein geeigneter Nachname einfallen. Ein kleines Theater in New York; die Glasmenagerie steht gerade auf dem Spielplan; den Part des Tom Wingfield übt sie heimlich ein, und als die Erstbesetzung nach fünf Aufführungen wegen Krankheit ausfällt, bettelt sie so lange, bis Regisseur Woody Allen sie endlich vorsprechen lässt; er willigt ein, wenn auch skeptisch, verzieht keine Miene, lobt nicht, tadelt nicht, lässt sie aber die Rolle übernehmen; ein Wunder geschieht: Das Publikum tobt geradezu vor Begeisterung, ein noch nie dagewesener Erfolg! Tom Wingfield von einer jungen Frau gespielt!; ihre Interpretation ist DIE Sensation; sogar die kritische New York Times findet lobende Worte – und das ist natürlich entscheidend! Nun geht es razz-fazz weiter: In der nächsten Spielzeit spielt sie den Hamlet – mit der jungen Alison als Ophelia an ihrer Seite, die mit ihrer Gloriole von rotem gelocktem Haar wie die göttliche Moira Shearer aussieht -, und wieder feiert sie die New York Times in den höchsten Tönen – sie, Gabriela! alias Kim Sowieso – als den besten weiblichen Hamlet seit Mrs. Powell, Sarah Bernhardt und Asta Nielsen zusammengenommen. Wahnsinn, und wie geht es weiter? Ach ja, vielleicht mit diesem Kaspar-Hauser-Stück von Peter Handke; okay, es ist ja kein Stück in DEM Sinn, aber neulich hat sie es im Zimmertheater gesehen, und es ist schließlich egal, wer den Kaspar Hauser gibt, Mann oder Frau, der Weg zur Sprache ist für beide Geschlechter schwierig. Ja, das würde nach dem Hamlet kommen! Und weil sie auch ganz gut singen kann, würde sie zusammen mit der rothaarigen Alison eine Bert-Brecht-Revue auf die Beine stellen! Endlich mal die Seeräuberjenny singen!, und alle anderen Brecht-Songs dazu! Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht …
„Na, Gabriela, noch mal schnell rauf ins Braun’sche Antiquariat?“, ertönte eine resolute Stimme, die ihr wohl bekannt war.
Sie erschrak. Frau Oberstudienrätin Ottilie Busch! mit freundlichem Lächeln gerade neben ihr, die schwere Schulmappe mit einem Stapel Deutscharbeitsheften unterm Arm, die kurzen Beine fest in den Erdboden gestemmt.
„Sein oder Nichtsein, Frau Oberstudienrätin“, sprach Gabriela mit glockenheller Stimme, wobei sie den weichen Samtanzug deutlich an ihrem Körper spürte, den Sir Laurence Olivier einst als Hamlet getragen hatte, „das ist hier die Frage: Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden, oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, im Widerstand zu enden. Sterben – schlafen – nichts weiter! – und zu wissen, dass ein Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet, die unsers Fleisches Erbteil – ’s ist ein Ziel, auf innigste zu wünschen. Sterben – schlafen – Schlafen! Vielleicht auch träumen!, Frau Oberstudienrätin …“, und Gabriela stelzte davon, im Samtanzug, mit Degen an der Hüfte, von Applaus und leisen Bravarufen begleitet, die verdutzte Ottilie Busch, Oberstudienrätin für Deutsch am Humanistischen Gymnasium der mittelgroßen Universitätsstadt, einfach stehen lassend …
Daniela M. Ziegler
Geboren in Heidelberg, promovierte über römische Frauenfrisuren, schreibt seit 1997 Kurz- und Langprosa auf Hochdeutsch (u.a. in Phobi-Almanach, München) und Kurzprosa auf Kurpfälzisch (in: Unser Land, Heidelberg).
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