Friede Westerholt für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Fieber
„Adda! Schön, deine Stimme zu hören“, sagt Saverio, als er meinen Anruf annimmt, und ich weiß, er streicht sich jetzt mit der linken Hand durch das halblange weiße Haar und geht mit seinem federnden, o-beinigen Schritt in den hinteren Teil seiner Fahrradwerkstatt, um ungestört mit mir telefonieren zu können. Gerne würde ich ihm sagen, dass ich ihn und die uralte Vertrautheit vermisse, aber ich würde damit denselben Reigen an zerknirschten Entschuldigungen in Gang setzen, der nach unserer verzehrenden Liebe, unserer schmerzlichen Trennung, seiner Heirat mit einer anderen und meiner langjährigen Verbannung in die Rolle der heimlichen Geliebten jedes tiefergehende Gespräch dominiert. Ich will ihn nicht beschämen und auch nicht all das noch einmal hören, also erzähle ich ihm von diesem und jenem und er mir, wie er seine Olivenbäume mit der Handsäge stutzt, und die Kettensäge, die sein Bruder ihm geschenkt hat, an seinen Neffen weiterverschenkt hat.
Ich wähle die Nummer von Linus. „Ciao Trrrrixi!“, ruft er den lange nicht gehörten Spitznamen in den Hörer und imitiert dabei wie immer mein gutturales „r“. Er lacht sein fröhliches, glucksendes Lachen und vor meinem inneren Auge taucht mein schlaksiger, rothaariger, genialer und witziger Jugendfreund auf, bemalt Focaccia und Mäppchen mit seinem Markenzeichen – einem krakeligen schwarzen Raben – fährt mich mit der Vespa durch Genua und, Jahre später, nachts, durch Rom spazieren, wo wir uns in dem nach Marihuana duftenden Hotelzimmer bei den Klängen von Pink Floyd in Pompeji eine Kissenschlacht liefern, die nahtlos in balgenden Sex übergeht.
Wir plaudern über seine und meine Töchter, die in demselben Alter sind. „Wir sind Stiere, wir gehen unseren Weg“, hätte er gesagt, wenn ich meine Zerrissenheit vor ihm ausgebreitet hätte.
Als Edgar abends heimkommt, begrüßt er mich mit einem beiläufigen „Hallo Magda“ und einem routinierten Kuss auf die Wange, bevor er sich in sein Zimmer verkrümelt. Die lähmende Stille in unserer Beziehung rühre ich schon lange nicht mehr an.
Als Edgar und die Mädchen am nächsten Morgen aus dem Haus sind, setze ich mich ins Auto und fahre, fahre weiter und immer weiter, erst durch deutschen Morgennebel, dann durch französische Hügel, bis ans Meer und weiter daran entlang, bis ich spät abends am westlichsten Zipfel des französischen Festlandes ankomme. Obwohl ich völlig erschöpft bin, setze ich mit der Fähre noch auf die Ile d’Ouessant über und quartiere mich dort in einem hinter die Dünen geduckten Ferienhäuschen ein, wo ich fröstelnd und fiebernd vor dem Kamin einschlafe.
Eine Taube im Sturm, gebeutelt vom Wind, auf einem Felsvorsprung Schutz suchend – wo andere Tauben, Falken und Krähen sich etwas aus mir herauspicken: der eine ein Stückchen aus der Brust, der andere ein bisschen Gehirn. Etwas zerrt an meiner Schwanzfeder, ein anderes an meinem rechten Fuß. Gerne würde ich einem von ihnen ganz gehören, wenn er nur meinen Leib vollständig verspeiste, statt nur sein Lieblingsstück zu verschlingen und den blutigen Rest gleichgültig dem Gezeter und Gezerre der anderen zu überlassen.
Auch ein Rabe pickt an mir und durch seine Lider blickt Linus in eines meiner unzähligen Facettenaugen. Die anderen Augen fangen andere Mosaiksteinchen ein und versuchen, ein einziges Bild daraus zu formen, aber die Wirklichkeit zerplatzt zu Tausenden von Spiegelsplittern.
Der Wind heult im Kaminabzug.
Die eine Gehirnzelle will sich vor einem scharfen Schnabel ducken, die andere muss das Tier zu ihrer Linken, noch eine das zu ihrer Rechten unendlich lieben, eine den einen vulgär küssen, eine trunken die Welt umkreisen, eine einem eine züchtige Gattin und noch eine eine zweite Frida Kahlo sein. Kein Ich hält mich zusammen und macht mich aus. Ich zerspringe in unzählige Quecksilbertropfen.
Ein Fensterladen schlägt im Sturm.
Ich tanze, bin biegsam wie ein junges Mädchen und jeder meiner Bewegungsabläufe rund und harmonisch. In der großen Werkhalle eines alten Hauses will ich in der Morgenkühle meinen Körper in alle Richtungen dehnen und aus mir herauswachsen. Zum Frühstück gibt es Obstkompott, in den ich heimlich süße Milch aus meiner Brust drücke.
Im Halbschlaf denke ich: „Wie dumm, da wird die Milch doch sauer!“, und schlafe wieder ein.
Ich muss die riesigen Taschen mit den Badesachen alleine tragen, weil Linus mit den Kindern spielen und sein Image als netter Junge von nebenan pflegen muss. Daran und an dem o-beinigen Schritt erkenne ich den als rothaarigen Linus getarnten Saverio und begrüße ihn freudig, dabei aber ängstlich bemüht, nach außen hin das Bild alter Bekannter abzugeben, die sich zufällig wiedertreffen: „Du hier? Wie schön! Wie geht es dir?“ Küsschen rechts, Küsschen links, kein intensiver Blick, kein vibrierender Bass in der Stimme. Dann kralle ich meine Hände in seinen Rücken, stecke meine Zunge in seinen Mund und umschlinge seinen Körper mit meinen Beinen.
In der Wärme des Kaminfeuers schwitze ich und schiebe die Decken mit den Füßen beiseite.
Ich schaufle ein Grab und muss mich in der glühenden Mittagshitze immer wieder kurz auf meinem Spaten abstützen und mir den in die Augen tropfenden Schweiß von der Stirn wischen. Endlich ist es tief genug. Langsam, sorgfältig und liebevoll lege ich es mit Mimosenzweigen aus, bis ihre zarten Blütenbällchen und die filigranen gefederten Blätter ein weiches Polster bilden, auf das ich Saverio bette. Wie ein armer sizilianischer Bauer tritt er seine letzte Reise in einem viel zu großen Sonntagsanzug an, den er an seinem Hochzeitstag noch ausgefüllt hatte, dem gegenüber er durch Arbeit und Altershagerkeit aber immer mehr geschrumpft war. Im Dorf läuten die Glocken.
Unter dem Leichnam tasten sich lange, dürre Fühler hervor, eine kafkaeske Kakerlake stemmt sich mühsam über den Rand des Grabes und kriecht heiser keuchend durch die lautlos sich auftuende Menschengasse davon.
Ich wende mich wieder Saverio zu. Ich will ihn nicht loslassen, nicht hergeben, aber auch nicht die anderen, die in den nachmittäglichen Lichtstreifen mit altbekannten Gesichtern, Händen und Augen wie Erdmännchen um das Grab herumstehen.
Endlich übergebe ich ihnen meine Arme und Beine und schlüpfe als Torso in Saverios Brusttasche.
Kleine Fetzen von Bewusstheit tauchen auf, ein Glockenläuten hallt nach und weckt eine diffuse Assoziation an Unheil, das anderen durch meine Schuld geschieht, und das an mir zehrt. Erschöpft und orientierungslos versuche ich, ein Fadenende zu finden, das mich zu einem realen Hier, einem realen Jetzt und einem realen Ich leitet.
Dann kommt mein Universum wieder ins Lot und mein Gedankenchaos beruhigt sich. Ich registriere reales Glockenläuten.
Ich erinnere mich an eine Frau, für die jedes Glockenläuten eine letzte anachronistische Machtdemonstration der Pfaffen war. Und an eine, die es liebte, beim Wandern sonntags morgens die Glocken in den Dörfern läuten zu hören. Und an eine, die es hasste, sonntags morgens von ihnen geweckt zu werden.
Ich weiß nicht, welcher der dreien ich mich heute näher fühle. Die Glocken läuten und sind ein Neutrum.
Ich stehe auf, gehe mit unsicheren Schritten in die Küche, koche mir einen Tee, süße ihn kräftig und setze mich damit an einen kleinen Holztisch.
Ich bin gebannt in der Wahrnehmung des heißen, süßen Tees, der meine Kehle hinunter rinnt.

Friede von Westerholt wurde 1961 im Vogelsberg geboren und wuchs dort auf, bis ihre Familie erst für acht Jahre nach Genua, dann für weitere drei nach Caracas versetzt wurde. Nach ihrem Abitur dort kehrte sie nach Italien zurück, wo sie arbeitete und Moderne Fremdsprachen und Literaturen studierte, bis sie nach insgesamt 24jährigem Auslandsaufenthalt 1993 in ihren Heimatort zurückkehrte. Nach der Erziehungsphase, in der sie als Fremdsprachensekretärin arbeitete, absolvierte sie ab 2007 den Bachelor und Master in Kindheitspädagogik und war anschließend sowohl als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin, wie auch praktisch pädagogisch tätig.
Publikationen Fachliteratur
- Neuß, Norbert / Westerholt, Friederike (2010): Elementardidaktik. In: Norbert Neuß (Hrsg.): Grundwissen Elementarpädagogik, Cornelsen Verlag Berlin.
- Neuß, Norbert / Westerholt, Friederike (2010): Dimensionen didaktischen Handelns. Expertise für die Robert Bosch Stiftung. In: Kasüschke, Dagmar: Didaktik in der Pädagogik der frühen Kindheit, Carl Link, Wolters Kluwer Deutschland GmbH Köln/Kronach.
- Westerholt, Friederike (2010): Kommunikation im Kindergarten, Beltz Weinheim/Basel.
- Neuß, Norbert / Westerholt, Friederike / Henkel, Jennifer / Pradel, Julia (2014): Übergang Kita-Grundschule auf dem Prüfstand – Bestandsaufnahme der Qualifikation pädagogischer Fachkräfte in Deutschland, Springer VS Fachmedien Wiesbaden.
- Westerholt, Friederike (2017): Gemeinsam leben lernen in Hort und Ganztag. In: Neuß, Norbert (Hrsg.): Kindheit in Hort und Ganztagsschule – sozialpädagogische Herausforderungen, Cornelsen Verlag, Berlin.
Publikationen Belletristik
- Westerholt, Friede (2017): Sechs Tage Libeccio. Kriminalroman, Edition AV, Lich.
Unveröffentlicht
- Westerholt, Friede (2022): Quecksilbern. Roman.
In Arbeit:
- Westerholt, Friede: Windbruch, Roman
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