Syelle Beutnagel für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Gerede
“Das ist ein Fakt. So ist nun einmal die Realität,” sagte er mit Nachdruck und legte auf.
Nein, ist sie nicht. Das ist seine Realität.
Gogo verließ den Raum, in dem das Telefon stand. Er wusste, wo ‘die Realität’ geschrieben stand und an welchen Stellen man sie nachlesen konnte. Paragrafen sind an sich nichts. Derjenige, der sie kennt, kann sie ignorieren. Wer sie nicht kennt, braucht keine Entscheidung zu fällen. Zwei Realitäten. Und dennoch ist das Sich-Informieren eine Holschuld eines jeden Menschen.
“Aber Wasser kocht doch bei 100° C!” Gogo hatte nicht bemerkt, dass sein Sohn in den Nebenraum gekommen war. Er hatte zugehört – und so seine eigenen Ideen.
“Stimmt. Aber bei 120°C kocht es auch noch.”
Den Unterschied macht ein kleines Wörtchen aus: Wasser kocht ab 100°C. Nicht bei 99°C aber auch bei 101°C.
Realität und Genauigkeit also.
“Das Beispiel gefällt mir.” Gogo nickte bedächtig. Sein Sohn strahlte.
“In dem Augenblick, in dem Wasser hundert Grad heiß geworden ist, verändert sich sein Zustand. Entweder kühlt es sich wieder ab oder erhitzt sich weiter. Verstehst du? Realität ist im Augenblick. Alles andere ist veränderbar und demnach keine Realität.” Die Augen von Gogos Sohn glänzten, seine Lippen zogen sich zu einem kleinen Schmollmund zusammen.
“Ja, Papa.”
Und dann erklärte er: “Die Gegenwart ist großartig. Will ich Wasser behalten, schalte ich den Wasserkocher aus. Will ich sprudelnden, nebligen Wasserdampf in der Luft herumwirbeln sehen, bleibt das Gas an. Und: Ich entscheide.”
Gogo verwuselte lächelnd mit den Fingern die Haare seines Sohnes, so dass er zu lachen anfing und leicht den Kopf schüttelte.
“Wovon träumst du, wenn du einmal groß bist, Faro?” fragte Gogo seinen Sohn.
“Wenn ich einmal groß bin, werde ich Baumeister. Ich baue mir dann in einem Moment den nächsten Moment, nur mit meinen Wünschen, Papa, und dann entscheide ich mich nur nach meinen Wünschen.”
“So wie jetzt im Augenblick?”
“Im Augenblick bin ich noch nicht groß, Papa.”
“Aber das wirst du einmal sein, Faro.”
“Das habe ich noch nicht entschieden.”
“Faro!”
“Ach Papa!” Da lacht der Schelm Gogo aus und gibt ihm mit der Faust einen Stupser. Papa lacht jetzt auch.
“Träume sind wichtig, Faro. Sie sind der Motor des Lebens. Ohne Träume sind es immer nur 100°C, nie heißer und nie kühler. Du bleibst ewig in dieser Schwebe zwischen eben noch Wasser und jetzt gerade Wasserdampf.”
“Wovon träumst du, Papa?”
“Davon, dass ich dir zeigen kann, wie man träumt und dann seine Träume in die Wirklichkeit bringt.”
Syelle Beutnagel wurde 1972 in Braunschweig geboren. Neben dem Studium absolvierte sie ‘Die große Schule des Schreibens’. Heute arbeitet sie als freie Texterin und Autorin.
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