Melanie Braun für #kkl46 „Traum, Realität, Wirklichkeit“
Rote Ruhe
Er saß, an einen Felsen gelehnt, ganz still da. Seine Hände fühlten den warmen, feinen Sand. Das Rauschen der Wellen malte ein Lächeln auf sein Gesicht. Das halblange, dunkelbraune Haar klebte auf seiner Stirn. Dünne Wasseradern rannen seine Wangen hinab. Der schwarze Surfanzug war bis zu den Hüften heruntergeklappt. Sein dichtes Brusthaar fühlte sich nass an.
Er war erschöpft von den Anstrengungen des Tages. Erschöpft, aber glücklich. Es war ein wundervoller Tag gewesen. Die Wellen waren fantastisch, so hoch, so kraftvoll. Eine nach der Anderen hatte er genommen, war sie sanft hinuntergeglitten, dann wieder brutal in sie hineingeschossen. Er war gut. Inzwischen. Das war nicht immer so gewesen. Aber jetzt, nach der jahrelangen Übung war er großartig. Und er liebte Kalifornien. Hier kam er seit Jahren her, um zu surfen. Hier hatte er Freunde. Surfer, die wie er jedes Jahr wieder kamen. Er wohnte bei einem von ihnen. Hier in Venice Beach. Am liebsten würde er nie wieder im Leben etwas anderes machen. Nur noch surfen, hier in Venice. Aber das war unmöglich.
Sein Atem wurde immer flacher, sein Puls fuhr komplett herunter. Die langen, muskulösen Beine vor sich ausgestreckt, schaute er in den Sonnenuntergang. Manchmal surften sie auch nachts. Das war immer aufregend. Auch weil die Kleine von der Schmuckbude dann ebenfalls mit von der Partie war. Schön sah sie aus, mit ihren frechen kurzen Haaren. Und er liebte den Knopf in ihrer Zunge. Dieses runde, silberne Piercing. Er hatte es gespürt, als sie sich küssten. Nur ganz kurz. Er hatte das gar nicht vorgehabt. Er wusste, dass es falsch war, doch in dem Moment kam es ihm so richtig vor. So richtig, wie lange nichts mehr. So richtig, wie das Surfen. Dies war eine andere Welt. Kalifornien. So weit weg. So unerreichbar.
Der vergangene Adrenalinschub betäubte ihn noch immer. Er schloss seine Augen. Hinter seinen Lidern flammte es weiter in rot-orange. Die Sonne wärmte ihn. Von irgendwoher kam ein leises, schneidendes Geräusch. Doch er schenkte dem keine Beachtung. Er war versunken in die Ereignisse des Tages. Die Kleine wollte, dass er bleibt. Sie hatte sich an ihn geschmiegt, war in ihn gekrochen. Hatte ihn umschlungen mit ihren braungebrannten, glatten Beinen. Ihr Haar roch nach Salz und Vanille. Ihr kupferfarbenes Armband kratzte ihn. Sie hatte es selbst gemacht, verkaufte ihren eigenen Schmuck in dem Büdchen am Strand. Aber dieses Armband hatte noch irgendeine schlecht abgeschmirgelte Stelle. Jedes Mal, wenn sie ihm in die Haare fuhr, ritzte sie über seine Brust.
Wieder wurde ihm die Nässe auf seiner Brust bewusst. Er wollte sie abstreifen, doch er war zu erledigt seinen Arm zu bewegen. Erneut kam das Geräusch von vorhin in sein Bewusstsein. Was war das nur? Wie eine Metallsäge. Dieses Geräusch passte nicht an diesen Ort. Er wollte das Meer genießen, die Wellen, das Rauschen, die rote Sonne. Doch das schneidende Sirren verließ seine Ohren nicht mehr. Im Gegenteil. Es wurde lauter. Andere fremdartige Laute kamen hinzu. Ein Stimmengewirr. Verschmolzen mit Brummen, Kratzen, Ächzen, Schreien. Er wunderte sich. Er wollte die Augen öffnen, doch es fiel ihm schwer. Eine alltägliche Bewegung, derer er sich sonst nie bemühen musste. Etwas, dass ganz automatisch vor sich ging, wurde nun zu einem Kraftakt. Etwas hielt ihm die Augen zu.
Mit aller geistigen Willenskraft riss er die Augen auf. Doch das rot-orange wollte sein Blickfeld nicht verlassen. Seine Augen brannten. Nur schwerlich konnte er seinen Arm zu den Augen heben. Er rieb sich über das Gesicht, strich sich die klebrigen Haare aus der Stirn. Das war kein Wasser, was da seine Wangen herunter rann. Er brauchte nicht auf seine Brust zu schauen. Er wusste, warum sie nass war.
Vor sich, nur ein paar Zentimeter entfernt, erblickte er eine graue Wand. Aber sie war nicht aus Beton, eher aus Plastik. Schlagartig wusste er alles wieder. Aber er war nicht bereit es in sein Bewusstsein zu lassen. Er wollte weiter von der Kleinen träumen, wie sie sich liebten. Ein kreischender Ton schoss in sein linkes Ohr, ermahnte ihn zurück in die Realität zu kommen.
Wahrscheinlich schneiden sie hier auf meiner Seite irgendwo einen Durchgang rein, dachte er. Er sah aus dem kleinen Fenster hinaus in den Regen. Sein Blick war noch immer verschleiert von seinem eigenen Blut. Dennoch konnte er den Terminal B erkennen. Es war gar nicht weit entfernt. Da hinten warteten sie alle, um ihn abzuholen. Urlaubsende. Vielleicht ist es auch gar nicht so schlimm, kam es ihm in den Sinn. Man würde ihn raus schneiden aus dem ganzen Metallschrott.
Ihm tat nichts weh, nicht einmal seine Beine. Obwohl die Sitzreihe vor ihm nur diese paar Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war, taten ihm seine Beine nicht weh.
Ja, sie taten nicht weh. Faktisch spürte er sie nicht einmal. Sie brannten nicht, so wie seine Augen. Sie drückten nicht, so wie seine Brust. Er spürte kein Ziehen, so wie in seinem Genick. Sie kribbelten nicht einmal, wie wenn einem die Füße eingeschlafen sind.
Er war jetzt ganz ruhig. Fügte sich seinem Schicksal, so wie er es sein Leben lang getan hatte. Was auch passieren würde, er würde es annehmen. So wie immer. Ferngesteuert.
Leben.
Das tat er nur einmal im Jahr.
In Kalifornien.
Am Strand.
Melanie Braun, Jahrgang 1972, lebt als glücklicher Single in Köln. Sie ist auf der Nordseeinsel Borkum aufgewachsen, weswegen das Meer eine elementare Rolle in ihrem Leben spielt. Mit 16 Jahren verließ sie die Insel, um in einem Internat ihr Abitur zu machen. Nach zwei abgebrochenen Studiengängen landete sie beim Musiksender Viva. Den Fernsehbereich hat sie nie wieder verlassen und arbeitet zur Zeit als Redaktionsleiterin.

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